Lot 340
Abraham und David Roentgen (Mülheim am Rhein 1711 – 1793 Herrnhut / 1743 Herrenhaag – 1807 Wiesbaden) Zylinderbureau. Um 1770/75 Mahagoni auf Eiche und Nadelholz; Kirschholz; Bronze; Leder. 111,5 × 115 × 64,5 cm ( 43 ⅞ × 45 ¼ × 25 ⅜ in.). Rückseitig bezeichnet in schwarzer Farbe: No 7 / H. G. Abschraubbare Beine. [3014] Provenienz: Kunsthandlung Frank C. Möller Fine Arts, Hamburg / Privatsammlung, Westdeutschland Ausstellung: 2004 TEFAF-Maastricht – Frank C. Möller Fine Arts Was würde passieren, wenn man von all den aufwändig mit Goldbronzen verzierten Möbeln die schmückenden Ornamente abnähme? Würde die reine Form des Möbels immer noch erfreuen? Wie sähe die Oberfläche aus? Das menschliche Auge lässt sich gern ablenken. Aufwändige Intarsien mit vielen schönen Szenen, prächtige, leuchtend vergoldete Bronzen, sie alle fehlen auf unserem schlichtem Möbel aus der Neuwieder Manufaktur von Abraham und David Roentgen. Sie fehlen, und das Möbel beeindruckt trotzdem. Trotzdem? Oder gerade deswegen! Es ist ein Beispiel hervorragender Meisterschaft seiner Schöpfer und zugleich Beweis für das Innovative der Roentgen-Manufaktur. Bereits unter dem Vater Abraham Roentgen, der die Finesse und die Qualität der Möbelkunst unter anderem in England erlernte, erfuhr die Roentgen-Manufaktur bei den deutschen Fürsten höchste Anerkennung. Johann IX. Philipp von Walderdorff, Erzbischof und Kurfürst von Trier, aber auch andere Fürsten in Mainz, Kassel, Karlsruhe und Würzburg zählten zu ihren Kunden. Mitte der 1760er Jahre begann der Sohn David Roentgen die väterliche Werkstatt zu leiten. Er überführte sie aus dem Barock in den modernen Klassizismus. Nun lieferte die Neuwieder Werkstatt auch an die Höfe in Paris, Berlin und St. Petersburg. Der Name Abraham und David Roentgen war für mehrere Generationen Synonym für Qualität, Innovation und höchsten Luxus. Unser Rollschreibtisch, auch Zylinderbureau genannt, zeichnet sich durch eine ausgeklügelte Technik aus, die es erlaubt, durch das Herausziehen der Schreibfläche die darübergestülpte gebogene Klappe nach hinten ins Innere des Möbels verschwinden zu lassen. Mit einem Handgriff lassen sich bei diesem Möbeltypus wichtige Dokumente vor neugierigen Blicken verbergen. Traditionell wird die Erfindung dieses Typus den Pariser Hofebenisten Oeben und Riesener zugeschrieben, die 1760 ein später unter dem Namen „Bureau du Roi“ etabliertes entsprechendes Möbel entwarfen und knapp zehn Jahre später ihrem Auftraggeber Louis XV. vorstellen konnten. Tatsächlich war der Typus jedoch schon früher unter dem Namen „Bureau à la Caunitz“ bekannt. Bezeichnet wurde das praktische Möbel nach dem Botschafter Maria Theresias, dem kunstsinnigen Grafen von Kaunitz, der sich 1750/53 in Paris aufhielt. Auch in der Roentgen-Manufaktur war der Möbeltypus „table à la Caunitz“, laut Archivalien, spätestens seit 1767 eingeführt. Mit durchschnittlich 500 Gulden zählten diese Arbeiten zur oberen Preisklasse der von Roentgen angebotenen Möbel. Die relativ hohen Preise lassen sich dabei zum einen durch die aufwändige Technik im Inneren erklären, zum anderen durch die Verwendung großflächiger, aus Übersee importierter Tropenholzfurniere. Die Materialkosten lagen um ein Mehrfaches über den Arbeitskosten. Wurden bei anderen Möbeln der Werkstatt die marketierten Ornamente auf der Oberfläche zum Teil aus kleineren Furnieren hiesiger Holzsorten mühevoll in vielen Arbeitsstunden zu großen Bildflächen zusammengesetzt, mussten bei unserem Möbel die kostbaren großen, exotischen Mahagonifurniere eine gesamte Fläche in einem makellosen, ausgesuchten Stück bedecken. Für das ganze Möbel benötigte man zwar nicht viel mehr als Furnierblätter für zwei Seiten, die Schubladenfront, die Ablagefläche und die auffällige Schreibklappe. Betrachtet man allerdings den Aufwand, den die Furniergewinnung erforderte, wie das Finden und Fällen des passenden Tropenbaums, den langen Seeweg, Lagerung, Zuschnitt und den Transport nach Neuwied in die Roentgen-Manufaktur, aber auch die erforderliche Präzisionsarbeit, wird der Anspruch und die damit verbundene Sonderstellung eines solchen Möbels offensichtlich. Nicht nur aufgrund des einheitlichen Furnierkleides, sondern auch wegen der formschönen Gestaltung mit den ausladend geschweiften Unterkanten der Seiten, den fließend bewegten, filigranen Beinen, den binnengliedernden Lippenrändern um die Schubladen und dem zarten Ornamentband auf der Schreibklappe ist unser wohlproportioniertes Möbel ein außerordentliches Beispiel der herausragenden Kunstfertigkeit seiner Macher. Die kunstvolle Reduktion des Möbels steht hier zugleich für eine Metamorphose: für die gekonnte Verwandlung eines Barockmöbels in ein klassizistisches Möbel voll zeitloser Eleganz der nächsten Generation. PG Vergleichsobjekt: Rollschreibtisch mit Chinoiserien, Kunstgewerbemuseum –Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Inv.-Nr. 37349 Vergleichsliteratur: Dietrich Fabian: Röntgenmöbel aus Neuwied. Bad Neustadt 1986, S. 109ff., Kat.-Nr. 218–221 / Achim Stiegel: Präzision und Hingabe. Möbelkunst von Abraham und David Roentgen, Berlin 2007, S. 144ff, S. 168
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Divers
À propos de la vente
Catalogue
Orangerie. Objets Choisies
10719 Berlin - Allemagne
02/06/2016
Proposé par Grisebach
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