Lot 163
Adolph Menzel (Breslau 1815 – 1905 Berlin) „Herr in Rokokotracht, in einem Sessel sitzend“. Um 1850 Pastell auf braunem Papier. 24,2 × 19 cm ( 9 ½ × 7 ½ in.). Tschudi 233.– [3003] Provenienz: Frau Etatsrat (Helene) Donner, Altona (spätestens 1896 bis 1911, seitdem in Familienbesitz) Ausstellung: Menzel-Ausstellung. Hamburg, Kunstverein, in der Kunsthalle, 1896, Kat.-Nr. 131 („Sitzender Staatsmann“, 1852) / Ausstellung von Werken Adolph von Menzels. Berlin, Königliche National-Galerie, 1905, II. Auflage, Kat.-Nr. 227 („Sitzender Mann in Rokokotracht“) Was aus einer einfachen Körperwendung werden kann, sobald die Beine sich dem Impuls widersetzen: Der Rumpf dreht sich, so weit er vermag, der Kopf schwenkt noch weiter um seine Achse, um den beunruhigten Blick auszusenden, Schulter und Ellbogen rucken noch ein wenig weiter rückwärts. Das alles begleitet von den aufschwellenden Kurven und dem überschwänglichen Rocaille-Ornament des Armlehnstuhls, dessen Breite und Tiefe von der Bewegung ganz ausgefüllt wird. Und als wäre dies nicht genug der Raumhaltigkeit und des Motivreichtums, zeigt sich der Rock mehrfach umgelegt im Wechsel von Ober- und reflektierendem Futterstoff, und wiederum nicht genug: An die eine, zuerst ins Auge fallende große S-Kurve schließen mehrere kleinere an. Und die Logik der Figur? Dem Zeichner mag die Häufung der Stoffe willkommen gewesen sein, um über den riskanten Angelpunkt der Hüftdrehung hinwegzukommen. Entstanden ist ein regelrechtes „Bild“ auf Papier, wozu über den Papierton hinaus erstaunlich wenige Farben ausreichen: neben der schwarzen und der weißen Kreide ein Malventon, ein lichtes Blau und Gelb. Diese Gestalt meint man zu kennen und kennt sie doch nicht – nicht so. Sie gehört zu den „Freunden und Gesellschaftern“ Friedrichs II. auf dem seit 1945 verschollenen Bild der „Tafelrunde“ (1850, ehemals Berlin, Nationalgalerie). Es ist der geistvolle Philosoph Marquis Jean-Baptiste d’Argens, Verfasser Dutzender Bände und dennoch in Spottversen seines königlichen Beschützers zum Faulpelz und Langschläfer gestempelt. Die „Tafelrunde“ zeigt ihn ganz vorn, doch in Rückansicht: Die polsterlose Rückenlehne seines Stuhls markiert die Mittelachse des Bildes. In der wohl 1848 entstandenen Ölskizze ist er entschiedener ins Profil gerückt, das Bein schon weit außen, als wolle er sich nicht seinem Gesprächspartner Julien Offray de La Mettrie zuwenden, sondern aufstehen und den Raum verlassen. Dass diese Figur bei der Ausführung im großen Format am stärksten verändert worden ist, erklärt sich wohl aus ihrer delikaten Rolle als Repoussoir: Die Hauptprotagonisten, der König und Voltaire, befinden sich viel weiter hinten. Und umgekehrt erklärt die besondere Beschäftigung mit ihr, dass der Künstler sie sich auch in anderer Ansicht vor Augen führen wollte: Tatsächlich zeigt das Pastell dieselbe Haltung, um 180 Grad gedreht und in einem üppigen Armlehnstuhl, wie er an einer Speisetafel kaum brauchbar wäre. Das charaktervolle zeitgenössische Gesicht des nachlässig verkleideten Modells interessiert den Künstler sichtlich. Die Modellstudie, sonst eine Vorarbeit zu vorgegebener Komposition, erhebt sich über ihren Zweck und beansprucht Eigenwert. Demgemäß ist sie in allen Teilen ausgeführt und setzt, so von vorne gesehen, zu einer ganz anderen Geschichte an – einer Geschichte von Erschrecken und Zorn –, deren Zusammenhang jedoch so rätselhaft bleibt wie die Figur mit ihren fehlenden Füßen unbeendigt endet: als Fragment. (Claude Keisch) Adolph Menzel (Wrocław 1815 – 1905 Berlin) „Herr in Rokokotracht, in einem Sessel sitzend“. Circa 1850 Pastel on brown paper. 24,2 × 19 cm ( 9 ½ × 7 ½ in.). Tschudi 233.– [3003] Provenienz: Frau Etatsrat (Helene) Donner, Altona (at the latest 1896 until 1911, thence by descent to the present owner) Ausstellung: Menzel-Ausstellung. Hamburg, Kunstverein, in der Kunsthalle, 1896, cat. no. 131 („Sitzender Staatsmann“, 1852) / Ausstellung von Werken Adolph von Menzels. Berlin, Königliche National-Galerie, 1905, II. Edition, cat. no. 227 („Sitzender Mann in Rokokotracht“)
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19th Century Art
10719 Berlin - Allemagne
29/05/2019
Proposé par Grisebach
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