Lot 255
Adolph Menzel (Breslau 1815 – 1905 Berlin)
„IM PETERSKELLER ZU SALZBURG“. 1888
Gouache auf leichtem Karton, auf Karton aufgezogen. 20,4 x 26,9 cm ( 8 x 10 ⅝ in.). Unten rechts mit Feder in Braun signiert und datiert: Adolph Menzel Jan. 1888. Oben rechts mit Widmung bezeichnet: Herzlichste Wünsche zum 70ten.! Familie Krigar=Menzel 16 Januar 88. Auf der Rückpappe Etiketten der Ausstellungen Berlin und Leipzig 1905 sowie Berlin 1928 (s. u.).
Tschudi 665.–
[3125]
Provenienz: Geh. Sanitätsrat Friedrich Körte, Berlin (1888–1914) / Galerien Thannhauser, Berlin (1928) / Dr. Günther Quandt, Bad Homburg / Harald Quandt, Bad Homburg (1954 von seinem Vater Günther Quandt geerbt, bis 1967) / Privatsammlung, Berlin
Ausstellung: Ausstellung von Werken Adolph von Menzels. Berlin, Königliche National-Galerie, 1905, II. Auflage, Kat.-Nr. 5703 / Adolph Menzel. Sonderausstellung zum Gedächtnis des Meisters. Leipzig, Leipziger Kunstverein, im Museum der Bildenden Künste, 1905, Kat.-Nr. 170 / Adolph von Menzel, 1815–1905. Ausstellung von Gemälden, Gouachen, Pastellen, Zeichnungen. Berlin, Galerien Thannhauser, 1928, Kat.-Nr. 120 / Adolph von Menzel. Aus Anlaß seines 50. Todestages. Berlin, Museum Dahlem (ehem. Staatliche Museen Berlin, National-Galerie), 1955, Kat.-Nr. 135 (dort irrtümlich Herbert Quandt als Besitzer angegeben)
Literatur und Abbildung: Marie Ursula Riemann-Reyher: Adolph Menzels Blick auf Salzburg. Eindrücke von 1852–1901. In: Wolfram Morath (Hrsg.): Sommerreisen nach Salzburg im 19. Jahrhundert. Ergebnisse eines interdisziplinären Symposiums, Berlin, 27. bis 29. Oktober 1994. Salzburg, Carolino Augusteum, 1998 (= Jahresschrift 43/44), S. 170, Anm. 19 / Claude Keisch und Marie Ursula Riemann-Reyher (Hrsg.): Adolph Menzel, Briefe. 1830 bis 1905. 4 Bände. Berlin, Deutscher Kunstverlag, 2009, hier Bd. 2, S. 835
Es gehörte zu den liebenswürdigen Eigenschaften Adolph Menzels, dass er seine Familie, Freunde und vertraute Personen zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten mit ganz persönlichen, meist ausgesprochen originellen Bildergeschenken überraschte. Bis ins hohe Alter – er war in Berlin „selbst schon historisch geworden“, so ein Zeitgenosse – wurde der von Außenstehenden oft als kauzig beschriebene Künstler nicht müde, auf diese Weise bestimmten Personen seine Wertschätzung auszudrücken. Eine solche Gelegenheit, oder in diesem Fall ein solcher Anlaß, war der 70ste Geburtstag seines Hausarztes und Freundes Friedrich Körte. Körte, geboren 1818 und somit fast im gleichen Alter wie Menzel, war ein Großneffe des Dichters Ludwig Gleim. Seit 1850 war er mit Anna Thaer verheiratet, Enkelin des bedeutenden Agrarwissenschaftlers Albrecht Thaer. Als praktischer Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer führte Körte eine ausgesprochen gut gehende Praxis in Berlin: seine Patienten waren u.a. die Familien Krupp, Borsig und von Siemens. Menzel und Körte kannten sich spätestens seit den frühen 1860er Jahren. Körte hatte für Menzel damals schriftliche Verhaltensregeln bei einer Bitterwasserkur ausgearbeitet – und zwei selbst gejagte Schnepfen vorbeigebracht, weil Menzel bekannt hatte, noch nie Wildbret gegessen zu haben. Menzel hatte sich mit einem Schnepfen-Bildchen bedankt, denn er hatte die Vögel zuerst gemalt und dann verspeist.
Ob auch unser Aquarell auf einem gemeinsamen Erlebnis basiert, ist bisher nicht zu belegen. Denkbar wäre es und es würde zu Menzel passen. Das Salzkammergut und die Mozartstadt waren Menzel jedenfalls vertrauter als manch andere Gegend. Auch das Gasthaus, in dem die Szene spielt, kannte er offenbar recht gut. Schon 1852 hatte Menzel im Rahmen einer große Sommerreise nach Süddeutschland und u.a. Salzburg ein Pastell ausgeführt, das er mit „Philister-Stiftskellerei der Benediktiner in Salzburg“ beschriftete (Berlin, Kupferstichkabinett). Es zeigt zechende Männer im Peterskeller. Nachdem er 1871 erneut in der Stadt war, schrieb er seinem Schwager von der angenehm gemischten Gesellschaft in jenem großzügigen und traditionsreichen Restaurant (A. Menzel an H. Krigar, Wien, 10. August 1871). Tatsächlich gibt es den Peterskeller in Salzburg, der eigentlich Stiftskeller St. Peter heißt, noch heute. Es ist das älteste Gasthaus der Stadt (einige Stimmen flüstern, es sei das älteste Restaurant Europas). Bereits 803 wurde das ursprüngliche Gästehaus der Benediktinermönche erstmals von einem Gefolgsmann Karls des Großen erwähnt, 1300 von einem Mönch beschrieben. (Woher selbst Faust von dem Gewölbelokal gewusst haben soll, bleibt unklar. Vielleicht hat ihm Goethe von dem guten Wein erzählt. Menzel hätte das Wissen um eine solche Legende, wenn es sie denn wirklich gibt, jedenfalls bestimmt gefallen).
Unser Aquarell gewährt uns einen intimen Einblick in einen nicht näher bestimmten Raum des Gasthauses, an einem Abend unter Freunden zu fortgeschrittener Stunde. Im Bildentrum sitzt – im Profil nach links – ein etwas beleibter grauhaariger Mann mit gepflegtem Bart, dunklem Gehrock und hellgrauer Hose auf einem Bauernstuhl an einem einfachen Holztisch. Es ist höchstwahrscheinlich der Jubilar Friedrich Körte. Sein wachträumender, starrender Blick verrät, dass seine Gedanken die vertraute Runde längst verlassen haben – die geröteten Wangen und Nase, daß das Bier in seiner Hand nicht das einzige an dem Abend war.
An Körtes Tisch sitzen zwei weitere Personen etwa im gleichen Alter wie Körte, vielleicht ein befreundetes Ehepaar, nebeneinander an der Wand. Sie trägt eine etwas matronenhafte, zurückhaltend gemusterte weiße Bluse, streng nach hinten gebundene Haare und Perlenohringe. Ihre wachen, Vertrautheit ausstrahlenden Augen sind auf den Mann an ihrer Seite gerichtet, dem sie offenbar etwas mitteilen möchte, der ihr aber nicht zuhört. Auch er, wahrscheinlich ihr Gatte, ist süddeutsch oder im ländlichen Trachtenstil der Gegend gekleidet. Anstatt mit seiner Frau versucht er mit einer Person außerhalb der Runde Kontakt aufzunehmen – und blickt uns dabei an. Menzel hat ihn so hinter dem raumeinnehmenden Körte platziert, daß er sich strecken muss, um mit ins Bild gelangen und unsere Aufmerksamkeit erhaschen zu können. Auf eine wunderbar skurrile und für Menzel typische Weise bildet er (scheinbar zufällig) gerade dadurch eine Einheit mit dem stoisch abgewandten Jubilar – erscheint wie dessen Alterego, das, genau um 90° gedreht, frontal und uns zugewandt hinter Körte auftaucht. Im Gegensatz zum städtisch gekleideten Körte, der seinen vornehmen grauen Hut neben sich auf dem Stuhl abgelegt hat, sitzt seine jagdgrüne Kopfbedeckung mit Gamsbart fest auf seinem Kopf. Statt der Zigarre steckt eine Pfeife in seinem Mund. Es sind noch mindestens zwei weitere Personen im Raum. Hinter Körte, vom rechten Bildrand angeschnitten, sitzt eine dunkelhaarige, behütete Frau mit weißer Spitzenbluse und beigefarbenem Mantel. Sie ist – ebenfalls ein vertrautes Menzelmotiv – kurzfristig eingenickt. Ihr Kinn ist leicht auf die Brust gesunken, ihre Hutkrempe verschattet ihr Gesicht, die Hände liegen in ihrem Schoß. Es ist recht wahrscheinlich, dass es sich um Körtes Ehefrau, Anna Thaer, handelt. Auch sie ist städtisch elegant gekleidet. Obwohl sie sich offenbar schon aus der Runde verabschiedet hat, verharrt sie liebevoll-geduldig neben ihrem Mann - trotz ihrer Müdigkeit vornehm Haltung bewahrend (man möchte glauben, daß ihr Kopf jeden Moment auf die vor ihr geradezu dazu einladende Tischkonsole sinken muß). Diese Bewegungsrichtung des müde in sich Zusammensinkens wird von der letzten Person im Raum noch unterstrichen. Sie ist Frau Körte in der Diagonale zugeordnet und wird ebenfalls vom (nun linken) Bildrand abgeschnitten. Es ist ein Kellner, und damit die einzige außenstehende Person. Er betritt aus der linken Ecke kommend den Bildraum. Seine durchwühlten Haare, seine müden Augen und seine leicht nach vorne kippende Haltung weisen erneut auf einen bereits langen Abend hin. Bildkompositorisch bildet der Kellner den Anfangs- und den Schlussstein. Aus Menzels Aquarell spricht eine ausgesprochene Vertrautheit und Nähe zu dieser kleinen Versammlung unter Freunden. Er wählt, was bezeichnend für ihn ist, weder den Moment des Zusammentreffens, noch des feierlichen Hochlebens des Geburtstagskindes. Im Gegenteil hat der Abend seinen Höhepunkt längs überschritten. Jegliche gesellschaftlichen und Benimmregeln sind von dem Gastgeber als auch den (übrig gebliebenen) Gästen ad acta gelegt worden.
Unser Aquarell stellt erneut Menzels ebenso geniale wie feine Beobachtungsgabe, sein bildkompositorisches Talent und (nicht zuletzt) sein malerisches Können vor. Jede seiner Figuren ist anders geneigt und aus einem anderen Blickwinkel gezeigt, sie reden noch nicht einmal miteinander, keine ihrer Blicke treffen sich - und doch sind sie in einem harmonischen Rhythmus miteinander vereint, es dürfte keiner von ihnen fehlen. Haltung und Ausdruck eines jeden Einzelnen sprechen Bände. Zugleich widersteht Menzel der Gefahr, zu illustrativ, zu kleinteilig, zu genau zu werden. Er zeigt sich als Maler und das Malerische ist es auch, was den besonderen Reiz des Blattes ausmacht. Das weiße Lampenlicht - für das er offenbar einen Faible hatte, schon in der kleinen Ölstudie „Abendgesellschaft“ (1846/Nationalgalerie) steht es im Mittelpunkt – sucht sich spielerisch seinen Widerschein auf den Körpern und Möbeln. Stoffe, Stofflichkeit und überhaupt Oberflächen scheinen immer wieder ein rein malerisches Eigenleben zu entwickeln (etwa bei der Kleidung, beim Hut von Frau Körte oder beim geschulterten Tuch des Kellners). Nichts ist statisch, alles scheint lebendig und in ständiger Metamorphose. So auch der Stuhl im Vordergrund – wir kennen dieses Motiv bereits aus anderen Bildern des Künstlers –, auf dem Körte seinen Hut abgelegt hat. Er scheint uns aus dem Betrachterraum geradezu entgegenzukippen, käme nicht zufällig der Kellner um die Ecke.
Die Aufmerksamkeit, mit der Menzel seine Komposition angelegt hat, machen zwei Vorstudien mit Farbproben deutlich, die sich im Berliner Kupferstichkabinett erhalten haben: das eine Blatt zeigt den Kellner, das andere – in leicht abgewandelter Form – die eingenickte Frau (Körte). Menzel selbst mag mit dem Ergebnis zufrieden gewesen sein, wie die großzügige Widmung und seine charakteristische Signatur nahelegen. Sie machen dieses kostbare Bildergeschenk zu einem Unikat, so unverwechselbar wie Menzels Kunst selbst. (AA)
Adolph Menzel (Wrocław 1815 – 1905 Berlin)
„IM PETERSKELLER ZU SALZBURG“. 1888
Gouache on light cardboard, laid down on cardboard. 20,4 x 26,9 cm ( 8 x 10 ⅝ in.). Signed and dated in pen and brown ink lower right: Adolph Menzel Jan. 1888. Upper right with the dedication: Herzlichste Wünsche zum 70ten.! Familie Krigar=Menzel 16 Januar 88. On the cardboard backing labels of the exhibitions Berlin and Leipzig 1905 and Berlin 1928 (see below).
Tschudi 665.–
[3125]
Provenienz: Geh. Sanitätsrat Friedrich Körte, Berlin (1888–1914) / Galerien Thannhauser, Berlin (1928) / Dr. Günther Quandt, Bad Homburg / Harald Quandt, Bad Homburg (1954 inherited from his father, until 1967) / private collection, Berlin
Ausstellung: Ausstellung von Werken Adolph von Menzels. Berlin, Königliche National-Galerie, 1905, 2nd edition, cat. no. 5703 / Adolph Menzel. Sonderausstellung zum Gedächtnis des Meisters. Leipzig, Leipziger Kunstverein, im Museum der Bildenden Künste, 1905, cat. no. 170 / Adolph von Menzel, 1815–1905. Ausstellung von Gemälden, Gouachen, Pastellen, Zeichnungen. Berlin, Galerien Thannhauser, 1928, cat. no. 120 / Adolph von Menzel. Aus Anlaß seines 50. Todestages. Berlin, Museum Dahlem (formerly Staatliche Museen Berlin, National-Galerie), 1955, cat. no. 135 (there with the owner erroneously named as Herbert Quandt)
Literatur und Abbildung: Marie Ursula Riemann-Reyher: Adolph Menzels Blick auf Salzburg. Eindrücke von 1852–1901. In: Wolfram Morath (ed.): Sommerreisen nach Salzburg im 19. Jahrhundert. Results of an interdiscplinary symposium, Berlin, 27. to 29. Oktober 1994. Salzburg, Carolino Augusteum, 1998 (= annual publication 43/44), p. 170, note 19 / Claude Keisch and Marie Ursula Riemann-Reyher (eds.): Adolph Menzel, Briefe. 1830 bis 1905. 4 vols. Berlin, Deutscher Kunstverlag, 2009, here vol. 2, p. 835
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