Lot 196
Adolph Menzel (Breslau 1815 – 1905 Berlin) Inneres der Stiftskirche zu Einsiedeln. 1881 Bleistift, gewischt, auf Velin, auf Japan aufgezogen. 42 × 28,8 cm ( 16 ½ × 11 ⅜ in.). Unten rechts monogrammiert: A. M. [3580] Provenienz: Privatsammlung, Basel (1943) / Achim Moeller Fine Art, New York (1988) / Privatsammlung, Schweiz Ausstellung: Kunstwerke des 19. Jahrhunderts aus Basler Privatbesitz. Basel, Kunsthalle, 1943, Kat.-Nr. 211, mit Abbildung / Looking at Drawings. New York, Achim Moeller Fine Art, 1988, Kat.-Nr. 1, mit Abbildung Literatur und Abbildung: F(rançois) G(uillaume) Dumas: Adolphe Menzel. Paris, Baschet, 1885 (= Maîtres modernes), Abb. 16 / Max Jordan: Das Werk Adolph Menzels. Eine Festgabe zum achtzigsten Geburtstage des Künstlers. München, Verlagsanstalt für Kunst und Wissenschaft, 1895, S. 71 („Inneres der Wallfahrtskirche zu Einsiedeln“) / Georgine Oeri: Kunstwerke des neunzehnten Jahrhunderts aus Basler Privatbesitz. Basel, Holbein-Verlag, 1944, Nr. 24, Abb. S. 85 „Ja, ich bin auch ein fleißiger Kirchenbesucher“, erklärte Adolph Menzel dem kaiserlichem Oberhofprediger Dryander im Gespräch, „aber vielleicht nicht in dem von Ihnen gewünschten Sinne; ich stecke gewöhnlich im Hochsommer hinter den Altären, mache mir da mit meiner Malerei zu schaffen und glaube auch damit Gott zu dienen.“ Tatsächlich zog es Menzel immer zuerst in die großen und kleinen Rokoko- und Barockkirchen, wenn er auf seiner jährlichen Sommerfrische in der Alpenregion unterwegs war. Das überbordende architektonische Dekor, die Stuckaturen mit Putten und arabesken Ranken, die üppigen Freskierungen und Vergoldungen, das geradezu biblisch-theatrale Spiel von Licht und Schatten weckte den Ehrgeiz des Berliner Künstler-Solitärs, der die Klaviatur des Zeichnens mit Bleistift, Kohle und Kreide zu spielen wusste wie kaum ein zweiter Künstler seiner Zeit. Die Stiftskirche Unserer Lieben Frau im schweizerischen Einsiedeln hatte ihm bei seinem Besuch im Sommer 1881 in dieser Hinsicht besonders viel zu bieten. Der eindrucksvolle Bau mit seinem formvollendeten Barock-Interieur reizte Menzel so sehr, dass er ihn gar in einer zweiten Zeichnung verarbeitete (Privatbesitz, Nr. 131 in Ausst. Kat. „Adolph Menzel – radikal real“, München 2008). Dieses Blatt gibt den weiten Blick in das Kirchenschiff frei, in dem sich eine wimmelnde Schar von Gläubigen zum Besuch einer Messe eingefunden hat. Unsere Zeichnung hingegen ist still und scheinbar unbevölkert. Sie zeigt die Gewölbezone des Unteren Chors mit seiner reichen Ausstattung, Fresken von Franz Anton Kraus und einem geschmiedeten Deckenleuchter oder Weihrauchschwenker, der in Wirklichkeit sehr viel filigraner und „schwereloser“ im Raum hängt, als Menzel es uns hier glauben lässt. Mit den Verwischungen und Dunkel-Nuancierungen ist der linke, untere Teil unserer ungewöhnlich großformatigen Zeichnung insgesamt „koloristischer“ aufgefasst als die rechte Seite, wo der Bleistift die fein mäandernde Ornamentik des Dekors präziser nachvollzieht. Schärfenstaffelungen dieser Art sind typisch für Menzel. Sie werden von der jüngeren Forschung als eine quasi-wissenschaftliche Betätigung des Berliner Ausnahmekünstlers gefeiert, der Forscher-Koryphäen wie Hermann von Helmholtz zu seinem Bekanntenkreis zählte. Menzels Hand vollzieht den natürlichen Sehprozess nach, in dem zwei Eindrücke nicht gleich deutlich in einer Einstellung erfasst werden können. Sie gleitet über manches hinweg und haftet sich an anderes. Das Einsiedeln-Blatt spiegelt diese Erfahrung und hebelt sie im nächsten Moment schon wieder aus, denn den leeren oder summarisch behandelten Partien wird eine Überfülle kleiner Beobachtungen und Details entgegengestellt. Ein Kaleidoskop aus Schnörkeln, das den Großteil der Bildfläche einnimmt und in dem sich jeder Blick verirrt und verstrickt. Überfordert, ja dissoziiert, aber vor allem fasziniert bleiben wir zurück und können uns fragen, ob wir mit dieser Erfahrung vielleicht ganz nah herangekommen sind an den Menschen Menzel und sein Seherlebnis im industrialisierten Europa und Berlin gegen Ende des langen 19. Jahrhunderts. Die Welt war schnell geworden im Jahr 1881 und forderte das Sehen heraus, umso mehr für Menzel, der mit seinen zwergenhaften 1,50 Meter Körpergröße und noch dazu kurzsichtig, bekanntermaßen nicht in Lage war sich einen großen Überblick über die Dinge zu verschaffen. In seiner gezeichneten Welt reicht er dieses Gefühl an uns weiter und erhebt sich schließlich buchstäblich darüber hinaus, denn wir blicken nicht von unten, sondern von ganz oben in den Chor, oder wie Werner Busch es formulierte: „In tieferem Sinne ist Zeichnen für Menzel Weltbewältigung oder ... eine Form des Standhaltens. Der Zwerg streckt sich. ... Womöglich konnte er nur beim Zeichnen er selbst sein.“ (Frida-Marie Grigull) Wir danken Dr. Claude Keisch, Berlin, für freundliche Hinweise zur Zeichnung. Adolph Menzel (Wrocław 1815 – 1905 Berlin) Inneres der Stiftskirche zu Einsiedeln. 1881 Pencil, stumping, on wove paper, laid down on Japan paper. 42 × 28,8 cm ( 16 ½ × 11 ⅜ in.). Monogrammed lower right: A. M. [3580] Provenienz: Private Collection, Basle (1943) / Achim Moeller Fine Art, New York (1988) / Private Collection, Switzerland Ausstellung: Kunstwerke des 19. Jahrhunderts aus Basler Privatbesitz. Basel, Kunsthalle, 1943, cat. no. 211, ill. / Looking at Drawings. New York, Achim Moeller Fine Art, 1988, cat. no. 1, ill. Literatur und Abbildung: F(rançois) G(uillaume) Dumas: Adolphe Menzel. Paris, Baschet, 1885 (= Maîtres modernes), ill. 16 / Max Jordan: Das Werk Adolph Menzels. Eine Festgabe zum achtzigsten Geburtstage des Künstlers. München, Verlagsanstalt für Kunst und Wissenschaft, 1895, p. 71 („Inneres der Wallfahrtskirche zu Einsiedeln“) / Georgine Oeri: Kunstwerke des neunzehnten Jahrhunderts aus Basler Privatbesitz. Basel, Holbein-Verlag, 1944, no. 24, ill. p. 85 We would like to thank Dr. Claude Keisch, Berlin, for kindly providing additional information concerning the drawing
Crédits photos : Contacter la maison de vente
Dessins, aquarelles et pastels
À propos de la vente
Live
19th Century Art
10719 Berlin - Allemagne
29/05/2019
Proposé par Grisebach
0049 30 885 915 0