Lot 172
Adolph Menzel (Breslau 1815 – 1905 Berlin) Junges Mädchen im Profil mit Pelzkappe. 1894 Bleistift, teilweise gewischt, auf Papier. 18,4 × 11,9 cm ( 7 ¼ × 4 ⅝ in.). Unten links bezeichnet, monogrammiert und datiert: 11 Jahre 4' [Fuß] 2 1/2" [Zoll] A. M. 94. [3015] Provenienz: Privatsammlung, Deutschland (erworben 2001 bei Thomas le Claire, Kunsthandel, Hamburg) Falls Adolph Menzel jemals Gelegenheit hatte, Carl Gustav Carus’ „Symbolik der menschlichen Gestalt“ von 1853 zu lesen, dürfte er dieser Formulierung voll und ganz zugestimmt haben: „Die Physiognomik des Auges ist die geheimnißvollste, am schwersten darstellbare ... und nie wird z.B. ein Porträt ähnlich gefunden werden, welches nicht [den] habituellen Blick einigermaßen wiedergibt.“ Der kurzsichtige Berliner Künstlerstar ist zeitlebens wie besessen von Augen und den Blicken, die sie werfen und nicht werfen. Er zeichnet, malt und aquarelliert sie unzählige Male, schneidet sie mit spitzem Messer wieder aus dem Papier, lässt sie zerkratzen wie in seinem berühmten Monumentalgemälde „Ansprache Friedrichs des Großen vor der Schlacht bei Leuthen“ oder vergewissert sich ihrer mit einer Wiederholung wie in unserem Blatt des jungen Mädchens mit Pelzkappe. Dabei ist in der ausgeführten Figurenzeichnung kaum etwas zu sehen von diesem neugierig nach oben schauenden Auge, dem Menzel die fein empfundene Einzelstudie in der Bildecke oben rechts widmet. Denn das Mädchen – „11 Jahre“ alt und „4“ Fuß, „2½“ Zoll groß, wie der Künstler mit der Akribie eines Forschers unten notiert – wendet sein Gesicht ins Profil. Am blickenden Auge scheint sich Menzels ganzer Ehrgeiz zu entzünden. Immer wieder trieb ihn offenbar die Frage um, wie man einen Augen-Blick realistisch in ein Bild übertragen kann. Aber auch von der fedrig aufspringenden Lockenpracht des Mädchens fühlt er sich herausgefordert. Dort, wo der Körper ganz sanft in Bewegung gerät, wo Haare rascheln und Blicke wandern, hält Menzels Zimmermannsbleistift kurz inne, prüft der Meister sich selbst und die Dinge und zeichnet eine Detailstudie. Die Wiederholungen machen aus dem Blatt allerdings keine Übungsarbeit. Im Gegenteil. Gegen Ende seines Lebens – Menzel ist beinahe 80 Jahre alt, als ihm das Mädchen mit der Pelzkappe begegnet – zog er sich zurück, „von 9 bis 9 ein Einsiedler in seinem Atelier“, wie Fontane schrieb, und arbeitete fast nur noch mit Bleistift und Wischer. Die Ergebnisse dieser Klausur betrachtete er als eigenständige Arbeiten, „mit denen er sich auch auf Ausstellungen gültig vertreten fühlte“ (Marie U. Riemann-Reyher). Und wirklich demonstrieren sie das ganze Spektrum seines künstlerischen Genies. Mit kraftvoller, entschiedener Hand, dabei zugleich frei und leicht agierend, zeichnet er das Kleid und den Umhang des Mädchens, wischt die Falten und lässt die Säume mit gedoppelten Linien schwingen, modelliert die elegante Kappe aus tiefem, körnigem Schwarz und das Gesicht aus mildem Weiß und Grau. Dies alles geschieht mit so viel liebevoller Hinwendung zum Sujet, dass man geneigt ist, die Zeichnung als eine Auseinandersetzung des Künstlers mit dem eigenen Alter zu lesen. Tatsächlich sind aus Menzels Spätwerk vor allem die meisterhaft gezeichneten Porträtköpfe und Halbfiguren hochbetagter Männer und Frauen berühmt. Hier sieht der Greis ein Kind, doch er blickt nicht verbittert oder neiderfüllt, sondern geradezu gütig-versöhnlich auf das Mädchen, freut sich an ihrer Jugend und kann sie für sich nutzbar machen. Frida-Marie Grigull Wir danken Marie Ursula Riemann-Reyher, Berlin, für die Bestätigung der Authentizität der Zeichnung. – Adolph Menzel (Wrocław 1815 – 1905 Berlin) Junges Mädchen im Profil mit Pelzkappe. 1894 Pencil, with partial stumping, on paper. 18,4 × 11,9 cm ( 7 ¼ × 4 ⅝ in.). Inscribed, monogrammed and dated lower left: 11 Jahre 4' [Fuß] 2 1/2" [Zoll] A. M. 94. [3015] Provenienz: Private collection, Germany (acquired in 2001 from Thomas le Claire, Kunsthandel, Hamburg) We would like to thank Marie Ursula Riemann-Reyher, Berlin, for kindly confirming the authenticity of the drawing. –
Crédits photos : Contacter la maison de vente
Dessins, aquarelles et pastels
À propos de la vente
Catalogue
Art du 19e siècle
10719 Berlin - Allemagne
30/11/2016
Proposé par Grisebach
0049 30 885 915 0