Lot 202
Adolph Menzel (Breslau 1815 – 1905 Berlin) „LESENDE DAME“ (EMILIE FONTANE). Um 1870/1872 Gouache auf leichtem Karton. 11,4 x 7,4 cm ( 4 ½ x 2 ? in.). Unten links signiert: Menzel. Rückseitig vom Künstler mit Feder in Schwarz bezeichnet: „Möge, Verehrte Frau, Ihre Enttäuschung bei Anblick des umseitigen nicht so groß sein[,] um Ihnen zur Warnung zu werden, Jemals wieder bei jeweiliger Gelegenheit mit Jemandem ein Vihlipbchen [gemeint ist: Vielliebchen] zu essen. B. [Berlin] 16 März 1872.“. Tschudi 581.– Minimal gebräunt, kleine Randmängel. [3006] Provenienz: Emilie Fontane, geb. Rouanet-Kummer, Ehefrau von Theodor Fontane (bis 1902) / Erben von Th. u. E. Fontane, Berlin (1905) / Berthold und Martha Nothmann, Berlin/Wannsee (spätestens November 1936) / Galerie Heinemann, München (am 12.5.1938 von Nothmann erworben, vom 24.6.-27.6.1938 in Kommission bei Weinmüller, München) / Dr. Frentzel, Elbing (am 4.8.1938 bei Heinemann erworben, bis 1940?) / Privatsammlung, Berlin (1955) / Herbert Klewer, Berlin (1965) / Privatsammlung, Berlin Ausstellung: Ausstellung von Werken Adolph von Menzels. Berlin, Königliche National-Galerie, 1905, II. Auflage, Kat.-Nr. 238 / Adolph von Menzel. Aus Anlaß seines 50. Todestages. Berlin, Museum Dahlem (ehem. Staatliche Museen Berlin, National-Galerie), 1955, Kat.-Nr. 119 / Adolph Menzel, 1815–1905. Pastelle, Aquarelle und Zeichnungen. Berlin, Haus am Tiergarten, 1965, Kat.-Nr. 56 / Ausstellungskatalog: Fontane und die bildende Kunst. Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, in den Ausstellungshallen am Kulturforum, 1998, S. 201, Anm. 12 (nicht ausgestellt) Literatur und Abbildung: Berthold Nothmann: Meine Lebens-erinnerungen, für die Familie bestimmt. Typoskript (Leo Baeck Institute, New York). Wannsee, November 1936, S. 58 / Versteigerungskatalog: Gemälde des 19. Jahrhunderts aus verschiedenem Besitz, darunter die Sammlung Dr. F., Elbing. Berlin, Hans W. Lange, 18.10.1940, Kat.-Nr. 529, Abb. Tf. 11 Mit dieser bezaubernden Gouache offenbart sich Menzel einmal mehr als charmant Gebender gegenüber einer hübschen Frau. Das Geschenk, wie seine rückseitigen Zeilen, gelten Emilie Fontane (1824-1902), die er an der Reling eines Flußdampfers sitzend dargestellt hat. Ein offenes Buch haltend, über das sie sich beugt, umfaßt die behandschuhte andere Hand den Stock ihres Schirms, der über dem Rücken ausgespannt den Wind abhalten soll, der sichtbar die Fransen ihres Umschlagtuchs nach vorn weht. Menzels Worte zum Bild, die untertreibend ihr Wohlgefallen erhoffen, offenbaren zugleich die Erinnerung an ein mit ihr geteiltes Vielliebchen. Ganz groß zeigt sich des Künstlers Malkunst selbst in solchen Accessoires, die er Freunden gern überreichte. Speziell für Fontane, dem er im Rütli-Verein nahekam, hielt er 1855 im Gemeinschaftsbrief der „Rütlionen“ nach London in zwei charakteristischen Zeichnungen sechs der Freunde während ihres Treffens, das ohne ihn stattfinden mußte, fest. Schon 1852 hatte er ein anspielungsreiches Aquarell auf Fontanes Gedicht „Der alte Dessauer“ geschenkt sowie die aquarellierte Reiseerinnerung eines Torwegs mit Schild „Wirthschaft zur Douglashöhle“. Gelegentlich bedachte er auch Fontanes anmutige, lebenskluge und gebildete Frau. Denn nicht zuletzt war sie es, die die freundschaftlichen Beziehungen zum Künstler bis in späte Jahre pflegte, wie aus den Briefen des Ehepaares Fontane hervorgeht. Ja, es läßt sich in diesen sogar der Wandel der Lebenssituation Menzels, der mit der Familie seiner Schwester lebte, verfolgen: wie nach frühen heiter gestimmten Zeiten mit dem Tod seines Schwagers, des Musikers Hermann Krigar, nach 1880 allmählich Eiszeiten im Hause Menzel einkehren. Zunächst aber schreibt Fontane im Herbst des Jahres 1856 aus London an seine Frau, die ihm von ihrer Bekanntschaft mit Menzels Schwester berichtet hat, es würde ihn freuen, wenn sie Fräulein Menzel, die ein sehr nettes Mädchen sei, näherkäme: „Bruder und Schwester sind ‚highly respectable‘“. Wenig später schildert Emilie Fontane ihm einen sehr angenehmen Besuch: „Sonntag Abend bei Menzel’s war reizend gemüthlich, die Geschwister so nett, wie ich sie noch nicht kannte u. zwei Herren, ein Hr. Krigar anwesend, mit dem ich ehedem viel bei Hennig’s getanzt, u. mit dem ich mich in der Rückerinnerung sehr amüsierte […]“. Emilie Fontane zeigt neben ihrer großen Theaterleidenschaft selbstredend Interesse an bildender Kunst. Sie schreibt nach London, wie Menzels Gemälde Friedrich und die Seinen in der Schlacht bei Hochkirch „ungeheures Furore“ macht, sie wird sich in der Ausstellung „[ …] direkt vor das Menzel’sche Bild begeben, wo Stühle stehen u. ich es mir mit Muße ansehen kann.“ Sie prägt sich das Gemälde so ein, daß es ihr „klar vor der Seele steht“. Im November folgt die Mitteilung von Menzels Ernennung zum Professor und, daß der König das Bild für 1000 Louis d’or gekauft habe „[…] kann es ihm aber nur in Raten zahlen, da er kein Geld in seiner Kasse hat, - Du siehst selbst die Majestäten leiden jetzt Mangel.“ Später äußert sie einen kühnen, vielleicht nicht gänzlich unpassenden Vergleich der Menzelschen Arbeit mit der ihres Mannes. Sie schreibt im Juni 1884 nach Thale im Harz, wo er sich aufhält, von ihrem Eindruck, den ihr Menzels soeben fertig- und ausgestelltes Gemälde der Piazza d’Erbe in Verona gemacht hat: „Gestern waren wir auch vor Menzel’s Bilde es wirkt erst wie ein Sammelsurium u. macht auf mich als Ganzes gar keinen Eindruck. Verzeih, auch darin Deiner Produktion etwas ähnlich. Aber die Details, die kostbaren, interessanten Details, ich konnte mich garnicht losreißen u. wünschte ich könnte tagelang eine Stunde es studieren u. mich an jeder neuen Entdeckung eines Zuges, einer Person erfreuen es erfüllt mich wie Ehrfurcht, vor diesem Fleiß.“ Fontane selbst fand als Rezensent mehrfach treffende Gedanken zur Kunst des Malers. Dieser zeichnet dem Dichter zum 70. Geburtstag am 30. Dezember 1889 die beinah zärtliche Komposition der Muse Kalliope und textet: „Auch’n Kuß unterm Mistelzweig […]“. Im Jahr darauf entsteht wieder eine liebenswürdige und skurrile kleine Zeichnung zum Dank an Emilie Fontane, woraus sich noch einmal erhellt, wie nahe man sich stand. „Flattre sothane Motte vor Ihnen her, Wegweiser zur pappenen Truhe, in welcher der Schlüssel zu finden“, steht über einen putzigen Motten-Putto geschrieben, darüber realiter der Schrank mit dem zu suchenden Objekt. Frau Fontane hatte dem Künstler einen in seiner Wohnung vergessenen Schlüssel geholt. Da alle hier erwähnten Geschenke, die Menzel einst den Fontanes verehrt hat, heute verschollen sind, kann es als besonderes Glück bezeichnet werden, daß hier mit dem Aquarell der lesenden Emilie Fontane eine seltene Kostbarkeit wieder ans Licht gekommen ist. Marie Ursula Rieman-Reyher Durch eine gütliche Einigung auf Grundlage der Washingtoner Erklärung ist es möglich, die Arbeit im ausdrücklichen Einvernehmen mit den Erben nach Berthold und Martha Nothmann anzubieten. "Adolph Menzel (Wroc?aw 1815 – 1905 Berlin) „LESENDE DAME“ (EMILIE FONTANE). Circa 1870/1872 Gouache on light cardboard. 11,4 x 7,4 cm ( 4 ½ x 2 ? in.). Signed lower left: Menzel. On the reverse inscribed by the artist in pen in black: „Möge, Verehrte Frau, Ihre Enttäuschung bei Anblick des umseitigen nicht so groß sein[,] um Ihnen zur Warnung zu werden, Jemals wieder bei jeweiliger Gelegenheit mit Jemandem ein Vihlipbchen [Vielliebchen] zu essen. B. [Berlin] 16 März 1872.“. Tschudi 581.– Minimal time staining, minor imperfections in the margins. [3006] Provenienz: Emilie Fontane, born Rouanet-Kummer, wife of Theodor Fontane (until 1902) / heirs of Th. and E. Fontane, Berlin (1905) / Berthold and Martha Nothmann, Berlin/Wannsee (at the latest November 1936) / Galerie Heinemann, Munich (acquired from Nothmann 12.5.1938, from 24.-27.6.1938 on commission at Weinmüller, Munich) / Dr. Frentzel, Elbing (acquired from Heinemann on 4.8.1938, until 1940?) / private collection, Berlin (1955) / Herbert Klewer, Berlin (1965) / private collection, Berlin Ausstellung: Ausstellung von Werken Adolph von Menzels. Berlin, Königliche National-Galerie, 1905, II. edition, cat. no. 238 / Adolph von Menzel. Aus Anlaß seines 50. Todestages. Berlin, Museum Dahlem (formerly Staatliche Museen Berlin, National-Galerie), 1955, cat. no. 119 / Adolph Menzel, 1815–1905. Pastelle, Aquarelle und Zeichnungen. Berlin, Haus am Tiergarten, 1965, cat. no. 56 / exhibition catalogue: Fontane und die bildende Kunst. Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, in den Ausstellungshallen am Kulturforum, 1998, p. 201, note 12 (not exhibited) Literatur und Abbildung: Berthold Nothmann: Meine Lebens-erinnerungen, für die Familie bestimmt. Typoskript (Leo Baeck Institute, New York). Wannsee, November 1936, p. 58 / auction catalogue: Gemälde des 19. Jahrhunderts aus verschiedenem Besitz, darunter die Sammlung Dr. F., Elbing. Berlin, Hans W. Lange, 18.10.1940, cat. no. 529, ill. pl. 11 Thanks to an amicable agreement made on the basis of the Washington Principles it is possible to offer this work here for sale with the express consent of the heirs of Berthold and Martha Nothmann
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Catalogue
Art du XIXème siècle
10719 Berlin - Allemagne
26/11/2014
Proposé par Grisebach
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