Lot 248
Adolph Menzel (Breslau 1815 – 1905 Berlin) „OMNIBUS (ERINNERUNG)“. Um 1848 Pastell auf braunem Papier. 17,8 x 20,8 cm ( 7 x 8 ¼ in.). Links oben am Rand bezeichnet: Omnibus Erinn[erung]. Auf der Rückpappe das Etikett des Rahmenmachers Edel-Büchel in Straßburg. Berieben, kleine Randmängel. [3342] Provenienz: Ehemals Prof. Dr. Georg Gerland, Straßburg (wohl nach 1875 erworben, bis 1919) und Prof. Dr. Heinrich Gerland, Jena (seitdem in Familienbesitz) In diesem ungewöhnlichen Bild begegnet sich in der zarten und empfindlichen Technik der Kreidezeichnung das vergangene 18. Jahrhundert mit der Prosa eines technikbestimmten neuen Jahrhunderts. Menzel hatte während der Arbeit an den friderizianischen Themen in den 40er Jahren begonnen, sich auch des Pastellmalens zu befleißigen und darin in einigen Kompositionen zu brillieren, etwa dem Aufbewahrungssaal der Gipsabgüsse im Alten Museum von 1848 (Berlin Kupferstichkabinett). Feinste Kreidezeichnungen entstanden aber vor allen, wenn er intime Beobachtungen aus seiner Umwelt im Bild festgehalten hat: Personen im Konzert, Männer, Frauen und Kinder, gesehen bei alltäglichen Verrichtungen, auch einige Porträts sind in farbiger Kreide entstanden. Hier im Bild nun trifft beides zusammen, die feine, altmodische Technik und Menzels große Leidenschaft, sein bis ins hohe Alter stets waches Interesse für alles Neuartige, jedwede als Fortschritt empfundene technische Neuerung. Bereits 1847 hatte er zum Beispiel das kleine Ölbild der Berlin – Potsdamer Bahn gemalt und darin festgehalten wie der Schienenstrang mit der dampfenden Lokomotive vor dem langen Zug die einst ungestörte Landschaft unerbittlich in großem Bogen zerschneidet. Die Novität des künstlerischen Sujets erkennend, hatte Hugo von Tschudi das Gemälde bereits 1899 für die National-Galerie erworben. Allerdings zeigt sich im vorliegenden Pastell dieser Fortschritt noch auf rätselvolle Weise beinahe idyllisch. Da sitzt eine Frau mit einem Kindchen im Arm auf einer Bank in der Ecke eines kaum näher definierten Raumes. Die Wand neben ihr ist oberhalb geöffnet durch ein quer oblonges Fenster mit einem Gitterschutz am unteren Rand, da wohl ohne Glas. Licht und Schatten im Ausblick sind nicht zu deuten. Der Mantel der Reisenden zeigt ein in dieser Zeit der 40er Jahre beliebtes Karo. Ihr Gesicht wird verdeckt von einer Schute. Mit ihren langen, seitlich herabfallenden Schleierteilen und dem von einer Schnur hinten zusammengezogenen Kopfteil, ist sie gleichfalls zeitgemäß. Damals wurde diese Art Schutenhut auch „Pamelahut“ genannt nach der Heldin eines berühmten Romans des Engländers Richardson. Die Hand im auffälligen blauen Handschuh, die schützend auf dem Kind liegt sowie das Kinderbeinchen, das aus der Umhüllung einer wärmenden Decke hervor lugt, deuten auf Kälte, sind jedoch zugleich künstlerischer Blickfang, ein Verfremdungseffekt, der die scheinbare Idylle stört und hindeutet auf damalige Gegenwart, auf winterliches Leben in der Stadt Berlin. Dennoch, ließe sich heute schwerlich erkennen, daß Menzel hier einen Blick ins Innere eines Omnibusses getan hat, wenn er es nicht auf dem Blatt notiert hätte. Es war auch durchaus kein motorisierter Omnibus, sondern ein Pferdeomnibus. Berlin hatte ab Januar 1847 zunächst ein Netz von fünf Pferdebuslinien eingerichtet, so konnte man zum Beispiel vom Alexanderplatz zur Tiergartenstraße gelangen. Der Bus war letztlich ein schlichter Kasten mit Bänken entlang der Längswände, der von zwei Pferden gezogen wurde. Ein Fenster gab es wohl vorn und mehrere an den Seiten. Bis 1865 blieben diese Pferdeomnibusse innerstädtisches Verkehrsmittel. Mit fortschreitendem Jahrhundert hat Menzel dann mehr und mehr den beginnenden Eisenbahntourismus in seine Gegenwartsmotive einbezogen. Ließ er doch selbst nach den 50er Jahren keinen Sommer ohne weite Reisen in Deutschland vergehen. Er gehört neben einigen Engländern und Honorè Daumier zu den ersten Malern, die sich mit dem Sujet des Bahnreisens künstlerisch auseinander gesetzt haben. Seine Arbeiten sind weniger sozial determiniert als etwa Daumiers Lithographien und Gemälde der 50er Jahre von den Fahrgästen 3. Klasse, deren Komik immer ernste Dramatik beiwohnt. Menzel fesselt am Reisenden vielmehr das Psychologisch-Groteske seiner Erscheinung, die merkwürdigen Veränderungen, die sein Gehabe unter dem Zwang offenbart, der ihm auferlegt wird beim Zusammentreffen mit fremden Menschen in der Enge eines Abteils. Seinem schonungslosen Blick entgeht keine Entgleisung zivilen Benehmens, es wird im Bild fixiert als Symptom einer Entwicklung. Ein ungeniert gähnender Herr im Eisenbahncoupé (Berlin Kupferstichkabinett) ist die letzte im Jahr 1859 mit Pastellkreiden ausgeführte Arbeit. In Menzels Bildern wird der Wandel der Zeiten außer im Sujet auch in der Wahl der Mittel deutlich. Die anfänglich zart farbigen, leichten und lockeren Kreidetöne wandeln sich allmählich zu derberen Farbklängen, um Ende der 50er Jahre ganz von kräftigen, deckenden Gouachefarben abgelöst zu werden. Die hier vorliegende Arbeit der Frau im Omnibus gehört hingegen noch zu den seltenen und kostbaren Pastellen mit dem Flair der Biedermeierzeit. Menzel hat der fragilen Kreide-Technik nur eine kurze Zeit seines frühen Schaffens gewidmet. Marie Ursula Riemann-Reyher, Berlin Wir danken Marie Ursula Riemann-Reyher, Berlin, für die Bestätigung der Authentizität der Zeichnung. Adolph Menzel (Wrocław 1815 – 1905 Berlin) „OMNIBUS (ERINNERUNG)“. Circa 1848 Pastel on brown paper. 17,8 x 20,8 cm ( 7 x 8 ¼ in.). Inscribed in the margin, top left: Omnibus Erinn[erung]. On the cardboard backing the label of the frame maker Edel-Büchel in Strasbourg. With scuff marks, minor imperfections in the margins. [3342] Provenienz: Formerly Prof. Dr. Georg Gerland, Strasbourg (presumably acquired after 1875, until 1919) and Prof. Dr. Heinrich Gerland, Jena (thence by descent to the present owner) We would like to thank Marie Ursula Riemann-Reyher, Berlin, for kindly confirming the authenticity of the drawing.
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À propos de la vente
Catalogue
Art du XIXème siècle
10719 Berlin - Allemagne
03/06/2015
Proposé par Grisebach
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