Lot 176
Adolph Menzel (Breslau 1815 – 1905 Berlin) Österreichischer Offizier („Suprematie-Österreicher“). Um 1853/54 Pastell auf braunem Papier (Wasserzeichen: Canson Frères). 29,1 × 20,5 cm ( 11 ½ × 8 ⅛ in.). Nicht bei Tschudi.– [3571] Provenienz: Sammlung Franz Baron von Bergh / Sammlung Nostitz-Wallwitz / Alfred und Gertrud Sommerguth, Berlin / Privatsammlung (1939 auf der Auktion bei Lange für 2600 RM erworben, wohl bis 1955) / Privatsammlung, Schweiz Ausstellung: Eröffnungs-Ausstellung unseres neuen Berliner Hauses 13 Bellevuestr. 13. Berlin, Galerien Thannhauser, 1927, Kat.-Nr. 215 („Österreicher“) (?) / Hommage à Menzel. Deutsche und französische Zeichnungen, Aquarelle und Ölskizzen des 19. Jahrhunderts. Eine Gemeinschaftsausstellung von: C. G. Boerner, Düsseldorf/New York; Susanne Gropp KG, Berlin; Kunsthandel Sabine Helms, München; Dr. Martin Moeller Kunsthandel, Hamburg, und Kunsthandel Wolfgang Werner KG, Bremen/Berlin. Berlin, Kunsthandel Wolfgang Werner KG, 1997, Kat.-Nr. 6, mit ganzseitiger Farbabbildung Literatur und Abbildung: Versteigerungskatalog: Eine Berliner Privatsammlung. 28 Gemälde, Gouachen, Aquarelle und Handzeichnungen von Adolf von Menzel, Gemälde deutscher Meister. Berlin, Hans W. Lange, 7.2.1939, Kat.-Nr. 18, mit Abbildung / Auktion 405: Gemälde, Möbel, Silber, Plastik, Kunstgewerbe, Teppiche. Berlin, Leo Spik, 20./21.5.1955, Kat.-Nr. 191, Abbildung Tf. 12 Es ist ein irritierendes Bruchstück stolzer Militärmacht, das ganz in sich eingesponnen am Betrachter vorübereilt, karge Schatten auf den Boden werfend, die einzige Andeutung von Raum. Von dem Gesicht läßt sich zwischen Käppi und Kragen nur wenig mehr als der mächtige Schnurrbart erkennen; den Rumpf aber verhüllt der über die Schulter gehängte Waffenrock oder Mantel, unter dem, man kann es nur erraten, ein über der Brust gewinkelter Arm einen unförmigen hohen Bauch vorspiegelt, indes der weite Ärmel leer herunterbaumelt. So wird die Kleidung zur deformierenden Verpuppung, und die Versehrtheit wird umso spürbarer, als der mutmaßlich gesunde linke Arm hinter dem Körper verborgen bleibt. Ein Invalide?, womöglich aus den Revolutionskriegen 1848/49, in denen österreichische Truppen bis nach Ungarn und Italien eingesetzt worden waren? Denn um einen Österreicher handelt es sich, beobachtet im Spätsommer 1852 auf der ersten der großen Reisen, die Menzel fortan immer regelmäßiger unternehmen sollte. Nach der Arbeit am Flötenkonzert „zwar nicht krank aber äußerst benöthigt eines Fluges in die Fremde“, waren der 36jährige und seine Schwester Anfang August aufgebrochen und erst Mitte Oktober heimgekehrt. Wenige Briefe und ein Skizzenbuch belegen weit ausgreifende Bögen über Oberbayern, Österreich, Böhmen, Wien und Salzburg eingeschlossen. Nachdem unterwegs „zum eigentlichen Studienmalen oder Zeichnen wenig Ruhe und Zeit“ geblieben waren – „der Stoff drängt sich da zu dicht aufeinander“ –, wurden einige der Reiseeindrücke in den letzten Monaten des Jahres mit farbigen Kreiden und Aquarellfarben verarbeitet. Auf den Tag genau vom 29. Oktober 1852 ist ein – wohl verschollenes - Pastell datiert, das drei österreichische Offiziere im Gespräch zeigt. Einer von ihnen trägt den gleichen weißen Mantel und die gleiche Kopfbedeckung wie der Schreitende auf dem hier vorgestellten Blatt, das zudem genau gleich groß ist und ohne Zweifel gleichzeitig entstanden ist: also zwei Wochen nach der Heimkehr. Den Ausgangspunkt bot eine Bildnotiz aus dem Skizzenbuch Nr. 13 des Berliner Kupferstichkabinetts, das – ebenso wie Nr. 12 - Menzels lebhaftes Interesse am fremden Militär bezeugt; unter anderem scheint er eine Übung von Kürassieren im Freien beobachtet zu haben. Das Motiv besitzt eine politische Dimension. Der erste Besitzer der Zeichnung war Franz Baron von Bergh (1808-1860), ein enger Freund Menzels, der das 1. Bataillon Gardereserve-Regiment kommandierte, zum Vorstand des Vereins der Kunstfreunde im Preußischen Staate gehörte und eine bemerkenswerte Kunstsammlung zusammengetragen hatte. Zu seinen 17 Menzel-Arbeiten – die großenteils an die verschwägerte Familie von Nostitz-Wallwitz übergingen – gehörte auch unser Pastell, dessen ursprünglicher Titel, vielleicht in einer Unterhaltung Berghs mit dem Künstler geprägt, „Suprematie-Österreicher“ lautete. Ein ironischer Einfall in einer Zeit wachsender Besorgnis angesichts der preußisch-österreichische Rivalität um Oberhoheit („Suprematie“) im Deutschen Bund, die in der „Herbstkrise“ 1850 fast zum Krieg geführt hatte (und erst 1866 entschieden wurde). Damals verkehrte Menzel häufiger mit Militärs, die er auch porträtierte. In diesen Kreisen wird man den potentiellen Feind gern in dieser skurrilen Gestalt verspottet und dabei vielleicht ihre Ambivalenz übersehen haben; denn die tragikomischen Züge reichen nur bis zu Oberschenkelhöhe hinunter, der Schritt hingegen erscheint fest, federnd, ja fordernd. Acht Jahre später sollte Menzel im letzten Bild seines Friedrich-Zyklus, der Ansprache vor der Schlacht bei Leuthen, mit der mächtigen Figur des Generals von Driesen dem Motiv des leeren Ärmels ein beängstigendes Pathos abgewinnen. Herzlichen Dank an Prof. Dr. Jürgen Kloosterhuis für hilfreiche militärhistorische Hinweise. Claude Keisch Wir danken Marie Ursula Riemann-Reyher, Berlin, und Prof. Dr. Jürgen Kloosterhuis, Berlin, für freundliche Hinweise. Das Werk wird im ausdrücklichen Einvernehmen mit den Erben nach Alfred und Gertrud Sommerguth angeboten Adolph Menzel (Wrocław 1815 – 1905 Berlin) Österreichischer Offizier. Circa 1853/54 Pastel on brown paper (watermark: Canson Frères). 29,1 × 20,5 cm ( 11 ½ × 8 ⅛ in.). Not in the catalogue raisonné by Tschudi.– [3571] Provenienz: Collection Franz Baron von Bergh / collection Nostitz-Wallwitz / Alfred and Gertrud Sommerguth, Berlin / private collection (acquired in 1939 at the Lange auction for 2600 RM, presumably until 1955) / private collection, Switzerland Ausstellung: Eröffnungs-Ausstellung unseres neuen Berliner Hauses 13 Bellevuestr. 13. Berlin, Galerien Thannhauser, 1927, cat. no. 215 („Österreicher“) (?) / Hommage à Menzel. Deutsche und französische Zeichnungen, Aquarelle und Ölskizzen des 19. Jahrhunderts. Eine Gemeinschaftsausstellung von: C. G. Boerner, Düsseldorf/New York; Susanne Gropp KG, Berlin; Kunsthandel Sabine Helms, Munich; Dr. Martin Moeller Kunsthandel, Hamburg, and Kunsthandel Wolfgang Werner KG, Bremen/Berlin. Berlin, Kunsthandel Wolfgang Werner KG, 1997, cat. no. 6, full-page colour illustration Literatur und Abbildung: Auction catalogue: Eine Berliner Privatsammlung. 28 Genälde, Gouachen, Aquarelle und Handzeichnungen von Adolf von Menzel, Gemälde deutscher Meister. Berlin, Hans W. Lange, 7 Feb. 1939, cat. no. 18, , illustration / Auction 405: Gemälde, Möbel, Silber, Plastik, Kunstgewerbe, Teppiche. Berlin, Leo Spik, 20/21 May 1955, cat. no. 191, illustration pl. 12 Cf. the preliminary drawing in Menzel's sketchbook 13 of 1853/54, p. 99 (Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett). We would like to thank Marie Ursula Riemann-Reyher, Berlin, for kindly providing this information
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Dessins, aquarelles et pastels
À propos de la vente
Catalogue
Art du 19e siècle
10719 Berlin - Allemagne
30/11/2016
Proposé par Grisebach
0049 30 885 915 0