Lot 256
Alberto Giacometti (Bergell 1901 – 1966 Chur) Nu. 1959 Bleistift auf festem Velin. 50,3 × 32,8 cm ( 19 ¾ × 12 ⅞ in.). Unten signiert und datiert: Alberto Giacometti 1959. Online Giacometti Database AGD Nr. 2280 (bestätigt von Nicolas Descharnes).– [3410] Provenienz: Galerie Kornfeld und Klipstein, Bern / Privatsammlung, Schweiz (ab 1959) / Leonard Hutton Galleries, New York (bis 2014) Ausstellung: Alberto Giacometti. Bern, Galerie Kornfeld und Klipstein, 1959 (?) Literatur und Abbildung: Auktion 1132: Impresssionist. Modern Works on Paper. Christie's, London, 19. Juni 2013, Kat.-Nr. 138 Welch eine Frau! Wer könnte sich diesem Blick entziehen, der den Betrachter fesselt, ihn bedrängt, ihn zur Rede stellt. Würde und Autorität lassen die Figur monumental erscheinen. Das Blatt müsste noch viel größer sein, um den Raum zu fassen, den diese Frau als Distanz um sich schafft. Alberto Giacometti, der Plastiker, hat in die Zweidimensionalität seiner Zeichnung eine raumgreifende Skulptur gestellt. Ein dichtes Netz von Linien modelliert den Körper mit üppigen Brüsten und die fast endlos langen Beine. Die Gestalt scheint sich vom Hintergrund zu lösen, der mit wenigen Strichen angedeutet ist. Sie steht nicht starr, sondern drängt, dem Blick folgend, in latenter Dynamik nach vorn – wie die Bronzeskulpturen „femmes de Venise“, wenige Jahre vor der Zeichnung entstanden, die auf großen, einen virtuellen Raum umschreibenden Basisplatten stehen. Giacometti hatte eine Skulptur vor Augen, als er dieses Blatt zeichnete. Das für den Künstler so typische plastische Sehen hat wohl eine seiner Wurzeln in der Faszination, die die altägyptische Skulptur lebenslang auf ihn ausübte. Trotz der großen Zahl seiner Zeichnungen nach ägyptischen Skulpturen hat Giacometti in seinem plastischen Œuvre keinerlei ägyptische Motive verwendet. Dennoch sind seine Skulpturen von einer Aura pharaonischer Plastik umgeben. Sie stehen auf rechteckigen Basisplatten oder kubischen Sockeln, einem Strukturelement, das sich außer bei Giacometti nur in den Statuen der alten Ägypter konsequent umgesetzt findet. Dieses formale Prinzip gibt auch der Bleistiftzeichnung mit der kleinen Basis ihre Monumentalität und stellt sie in einen Raum, in dem und aus dem heraus sie sich zu bewegen scheint, „im Gehen stehend und gehend im Stehen“, wie es Thomas Mann so meisterlich beschrieben hat. Lässt sich die Dargestellte namentlich benennen? Die Gesichtszüge und die Frisur lassen an die vielen Porträts denken, die Giacometti von seiner Frau Annette geschaffen hat. Drückt sich in diesem strengen, konzentriert selbstbewussten Bildnis aus dem Jahr 1959 die Entfremdung von seiner Gemahlin aus, die der Künstler durch seine Liaison mit der blutjungen Caroline provozierte? Es bleibt offen. Der überlebensgroßen Bronzeskulptur „femme debout“ von 1960 hat der Künstler ebenso wie der Bleistiftzeichnung keinen Namen gegeben. Dietrich Wildung, München Alberto Giacometti (Bergell 1901 – 1966 Chur) Nu. 1959 Pencil on heavy wove paper. 50,3 × 32,8 cm ( 19 ¾ × 12 ⅞ in.). Signed and dated at the bottom: Alberto Giacometti 1959. Online Giacometti Database AGD no. 2280 (confirmed by Nicolas Descharnes).– [3410] Provenienz: Galerie Kornfeld und Klipstein, Bern / Private Collection, Switzerland (from 1959) / Leonard Hutton Galleries, New York (until 2014) Ausstellung: Alberto Giacometti. Bern, Galerie Kornfeld und Klipstein, 1959 (?) Literatur und Abbildung: Auction 1132: Impresssionist. Modern Works on Paper. Christie's, London, 19 June 2013, cat. no. 138
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26/10/2018
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