Lot 36
Anton Räderscheidt (1892 – Köln – 1970) „Junger Mann mit gelben Handschuhen“. 1921 Öl auf Holz. 27,4 × 18,6 cm ( 10 ¾ × 7 ⅜ in.). Rückseitig links unten quer mit Bleistift der Besitzervermerk: Carl Linfert. Ebenda weitere Bleistiftbeschriftungen, unten ein Etikett der Ausstellung Berlin 1977 (s.u.). Das Gemälde wird vom Anton-Räderscheidt-Archiv, Köln, unter der Nr. 1921/002 in das digitale Werkverzeichnis aufgenommen (in Vorbereitung).– Beigabe: August Sander: Der Maler Anton Räderscheidt. 1927. 25,1 × 18,3 cm. Posthumer Silbergelatineabzug vom Originalnegativ, 1986 von Gerd Sander für die Griffelkunst-Vereinigung Hamburg e.V., 1987. (Abb. im Online-Katalog). [3288] Provenienz: Carl Linfert, Köln / Privatsammlung, Rheinland Ausstellung: Anton Räderscheidt. Werke der Jahre 1921 bis 1967. Köln, Kölnischer Kunstverein, 1967,o.S., m. Abbildung / Tendenzen der Zwanziger Jahre. Berlin, Neue Nationalgalerie, Akademie der Künste und Schloss Charlottenburg, 1977, Kat.-Nr. 4/140 / Anton Räderscheidt (1892–1970). Retrospektive. Köln, Kölnisches Stadtmuseum, 1993, S. 163, Kat.-Nr. 2, S. 27 u. ganzs. Farbabb. S. 26 / Neue Sachlichkeit. Mannheim, Städtische Kunsthalle, 1994/95, S. 240, Farbabbildung S. 169 / Realismo Mágico. Franz Roh y la Pintura Europea, 1917–1936. València, IVAM, Centre Julio González (u.a.O.), 1997/98, ganzs. Farbabb. S. 122 / La ville magique. Villeneuve-d´Ascq, Lille Métropole, Musée d´art moderne, 2012/13, Kat.-Nr. 84, Farbabb. S. 102 Literatur und Abbildung: Horst Richter: Anton Räderscheidt. Recklinghausen, 1972, S. 15/16 u. S. 34, ganzseitige Farbabb. Tf. 40 / Ausst.-Kat.: Von Dadamax zum Grüngürtel. Köln in den 20er Jahren. Köln, Kölnischer Kunstverein, 1975, S. 133 (nicht ausgestellt) / Ausst.-Kat.: Die zwanziger Jahre im Porträt. Porträts in Deutschland 1918–1933. Bonn, Rheinisches Landesmuseum, 1976, S. 12, Abb. 6, u. S. 19 (nicht ausgestellt) / Ausst.-Kat.: Anton Räderscheidt. Arbeiten aus der Sammlung Kasimir Hagen. Wesel, Niederrheinischer Kunstverein und Städtisches Museum, 1988, S. 16, Abb. 6, u. S. 33, Anm. 1 (nicht ausgestellt) / Günter Herzog: Anton Räderscheidt. Köln, 1991, S. 22, ganzseitige Farbabbildung 12 / Ulrich Gerster: „... und die hundertprozentige Frau.“ Anton Räderscheidt 1925/­1930. In: Kritische Berichte 4/92, S. 42-63, hier S. 61, Anm. 6 / Sergiusz Michalski: Neue Sachlichkeit. Malerei, Graphik und Photographie in Deutschland 1919–1933. Köln, 1992, S. 120, mit Farbabbildung Anton Räderscheidts Bild „Junger Mann mit gelben Handschuhen“ von 1921 gehört zu den ersten Bildern einer knapp ein Jahrzehnt dauernden Werkphase des Künstlers mit der Darstellung von Menschen, die in zumeist unbeholfener Körperhaltung in sich selbst erstarrt sind. Diese Figuren treten – wie in unserem Bild – einzeln auf, meistens aber sind es Paare. Es sind Bilder ganz anderer Art als alles, was dieser Kölner Maler vor 1921 geschaffen hat. Räderscheidt, Kriegsheimkehrer wie auch seine Kölner Künstlerkollegen Max Ernst und Johannes Theodor Baargeld, stand wie sie vor der Frage, welche Antworten die Kunst geben musste. Wir kennen von Räderscheidt aus dem Jahr 1919 eine konstruktivistische Skulptur („Mutter und Kind“) und zwei expressionistische Holzschnitte, einer davon Rosa Luxemburg darstellend. Im November will er am ersten Kölner Dada-Spektakel teilnehmen, im Katalogheft ist seine Mitwirkung schon gedruckt, da zieht er seine Skulpturen zurück. Stattdessen wirkt er bei der Gründung der Künstlergruppe „stupid“ (1919/20) mit – zusammen mit Heinrich Hoerle und Franz Wilhelm Seiwert, denen Dada ästhetisch zu radikal und sozial zu wenig konkret war. Mit einem Zeitsprung wirken bei Räderscheidt dann die Bildwelten der Valori-Plastici-Künstler Carra und de Chirico. Der „Junge Mann mit gelben Handschuhen“ ist ein Selbstportrait, wie überhaupt der Mann auf allen diesen Bildern der Maler selbst ist. Und wenn der Künstler ein Paar „auftreten“ lässt (die Figuren treten im Wortsinne auf), dann ist die Frau stets seine Frau, die Malerin Marta Hegemann. Räderscheidt wird mit diesen Bildern einer der wichtigsten Vertreter des „Magischen Realismus“ in Deutschland. Der junge Mann, der starr am Bildbetrachter vorbeiblickt, sieht dort gewiss keine andere Welt als die, die sich hinter ihm auftut: zwei Häuser, die unbewohnt wirken, ein großer Platz, ebenfalls ohne Leben: kein Baum, kein Strauch, kein anderer Mensch. Horst Richter spricht in seiner Räderscheidt-Monografie von 1972 von Automatenmenschen, deren Uhrwerke abgelaufen seien. Diese Bilder kann man auch als Metaphern für die Einsamkeit des modernen Menschen verstehen. Das wird dann besonders deutlich, wenn der Maler ein Paar auftreten lässt, wenn er neben dem Mann eine Frau „ansiedelt“. Das Wort „neben“ ist mit Bedacht gewählt. Es gibt auf diesen Bildern kein Beieinander dieser Paare. Die Frau ist oft nackt: als Tennisspielerin, als Schönheitskönigin, auf dem Turner-Barren. Was für Anblicke! Aber der Mann sieht an ihr vorbei. Noch in der Räderscheidt-Ausstellung in Köln 1967 wurden 17 Bilder dieser wichtigsten Werkphase als „verschollen“ gekennzeichnet. Auch unser Bild gehörte dazu. Die im Katalog ausgesprochene Annahme, dass die meisten Werke der Nazi-Diktatur zum Opfer gefallen seien, hat sich nicht bewahrheitet. Auch Räderscheidts „Tennisspielerin“ von 1926, heute in der Pinakothek München, wurde wiedergefunden – in den 1970er Jahren bei einer Haushaltsauflösung. Das Bild war von seinen Besitzern hinter einem Schrank versteckt worden, um den nackten Frauenkörper vor den Kindern zu verbergen. Als sie erwachsen waren, hatte man vergessen, dass es dieses Bild gab. Walter Vitt Anton Räderscheidt (1892 – Cologne – 1970) „Junger Mann mit gelben Handschuhen“. 1921 Oil on panel. 27,4 × 18,6 cm ( 10 ¾ × 7 ⅜ in.). On the reverse lower left the note of ownership crosswise in pencil: Carl Linfert. Same place further pencil inscriptions, at the bottom a label of the exhibition Berlin 1977 (see below). The painting will be included in the digital catalogue raisonné, being prepared by the Anton-Räderscheidt Archive, Cologne, as no. 1921/002.– Enclosure: August Sander: Der Maler Anton Räderscheidt. 1927. 25,1 × 18,3 cm. Posthumous gelatin silver print from original negative, 1986 by Gerd Sander for Griffelkunst-Vereinigung Hamburg e.V., 1987. (ill. in the online catalogue). [3288] Provenienz: Carl Linfert, Cologne/Private collection, Rhineland Ausstellung: Anton Räderscheidt. Werke der Jahre 1921 bis 1967. Cologne, Kölnischer Kunstverein, 1967,unpaginated, ill. / Tendenzen der Zwanziger Jahre. Berlin, Neue Nationalgalerie, Akademie der Künste and Schloss Charlottenburg, 1977, cat. no. 4/140 / Anton Räderscheidt (1892–1970). Retrospektive. Cologne, Kölnisches Stadtmuseum, 1993, p. 163, cat. no. 2, p. 27 and full-page colour ill. p. 26 / Neue Sachlichkeit. Mannheim, Städtische Kunsthalle, 1994/95, p. 240, colour illustration p. 169 / Realismo Mágico. Franz Roh y la Pintura Europea, 1917–1936. València, IVAM, Centre Julio González (and other venues), 1997/98, full-page colour ill. p. 122 / La ville magique. Villeneuve-d´Ascq, Lille Métropole, Musée d´art moderne, 2012/13, cat. no. 84, colour ill. p. 102 Literatur und Abbildung: Horst Richter: Anton Räderscheidt. Recklinghausen, 1972, p. 15-16, full-page colour ill. pl. 40/exh. cat.: Von Dadamax zum Grüngürtel. Köln in den 20er Jahren. Cologne, Kölnischer Kunstverein, 1975, p. 133 (not exhibited)/exh. cat.: Die zwanziger Jahre im Porträt. Porträts in Deutschland 1918–1933. Bonn, Rheinisches Landesmuseum, 1976, p. 12, ill. 6, and p. 19 (not exhibited)/exh. cat.: Anton Räderscheidt. Arbeiten aus der Sammlung Kasimir Hagen. Wesel, Niederrheinischer Kunstverein and Städtisches Museum, 1988, p. 16, ill. 6, and p. 33, note 1 (not exhibited)/Günter Herzog: Anton Räderscheidt. Cologne, 1991, p. 22, full-page colour ill. 12/Ulrich Gerster: „... und die hundertprozentige Frau.“ Anton Räderscheidt 1925­1930. Kritische Berichte 4/92, p. 42-63, here p. 61, note 6/Sergiusz Michalski: Neue Sachlichkeit. Gemälde, Graphik und Photographie in Deutschland 1919–1933. Cologne, 1992, p. 120, colour illustration
Crédits photos : Contacter la maison de vente
Dessins, aquarelles et pastels
À propos de la vente
Catalogue
Œuvres Choisies
10719 Berlin - Allemagne
02/06/2016
Proposé par Grisebach
0049 30 885 915 0