Lot 334
Arnulf Rainer (Baden b. Wien 1929 – lebt in Wien u. Vornbach/Inn)
„GEKÄMMTE“. 1962
Öl und Ölkreide auf Leinwand, mit Karton hinterspannt. 51 x 66 cm ( 20 ⅛ x 26 in.). Oben rechts mit Bleistift signiert: A Rainer. Auf dem Überspann mit Kugelschreiber in Schwarz betitelt, signiert und datiert: „Gekämmte“ Rainer 62. Rückseitig signiert und betitelt: Rainer „Gekämmte“.
[3334]
Provenienz: Nikolaus Heinrich, Stuttgart
Ausstellung: Die konkrete Zeit - Gegenstände eines Jahrhunderts. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 1996 / Umbruch 2013 - Module im Wandel. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 2013
„Ich sehe bei einem Bild sofort immer nur die schlechten Stellen, zumindest, wenn ich für das Objekt Sympathie empfinde. [...] Diese, die schwachen Stellen, zu vertuschen, eine nach der anderen so lange zu verdecken, bis ich nichts mehr sehe, hat mich zu den Übermalungen geführt. Also Liebe und Vervollkommnungsdrang. Ich wollte noch schönere Kunstwerke daraus machen, [...] auch wenn das Bild ganz schwarz ist, denn die Übermalung bildet eine neue, eigene visuelle Struktur, und wieder gibt es schwache Stellen, Schwarz in Schwarz. So höre ich nie auf, meine eigenen Bilder zu bearbeiten.“ (Arnulf Rainer, zit. nach Werner Hofmann: Jenseits des Schönheitlichen, in: Arnulf Rainer. Verdeckt – entdeckt, Galerie Ulysses, Wien, 1987, S. 42)
Die in den 1950er Jahren entwickelten, expressiven Übermalungen von bestehenden Gemälden, Fotografien und Kreuzen haben Arnulf Rainer weltweit bekannt gemacht und begleiten sein gesamtes Werk. Waren schon die frühen, surreal inspirierten Arbeiten aus den 1940er Jahren von labyrinthischer Dichte, können die fast monochromen Schwarzbilder der 1950er Jahre als eine Konsequenz daraus gelesen werden.
Anfang der 1960er Jahre machte sich ein Wandel in Rainers Arbeiten bemerkbar. Die hermetisch geschlossenen Übermalungen werden zugunsten einer offenen, spannungsreichen Form aufgegeben, um mehr Bewegung und Farbigkeit zuzulassen. Mit dynamischen Schwüngen dunkler Pinselstriche aus Ölfarbe und -kreide ist Arnulf Rainers „Gekämmte“ von 1962 ein eindrückliches Gemälde dieser Werkphase. Neben der Prozesshaftigkeit verweist der Bildtitel auf eine Wiederholung der Pinselführung: Farbbahnen laufen locker nebeneinander oder überlagern sich in Schichten. Durch ständiges, wiederholtes Übermalen werden die Strichbündel akzentuiert und verdichten sich so zu einem das Bild bestimmenden, groß ausholenden Bogen. Als dominante Formstruktur spannt sich dieser Schwung von den unteren Bildecken zum Zentrum. Fast zum Verschwinden gebracht, schimmert zwischen den dichten schwarzen Pinselschwüngen blaue und beigefarbene Ölkreide. Neben den deutlichen Pinselspuren werden variierende Stofflichkeiten sichtbar: Durch die Mischtechnik erscheint glänzende Ölfarbe neben stumpf wirkender, pudriger Ölkreide. Mit unterschiedlicher Intensität zeigen sich Bewegtheit und Dynamik auch in der reliefartigen Oberfläche, die durch den geschichteten Farbauftrag und die inkrustierten Pinselzüge erzeugt wird. Diese gestischen Spuren der malerischen Aktion zielen auf direkte Expression künstlerischer Energien. Auf der beigefarbenen Bildfläche zeigen sich nicht nur dynamische Bewegungen, sondern auch Versuche einer Beruhigung in gleichmäßig schwingenden Bögen.
Rainers originäre Formensprache, die er im Kontext der informellen Malerei in den 1950er Jahre entwickelte, wird durch Prozesshaftigkeit und Polarität bestimmt. Der Kunsthistoriker Gottfried Boehm charakterisierte diese Dialektik mit dem Begriff einer „Ästhetik der Aufhebung“, um die Verschränkung von Ruhe und Expressivität, von Verschwinden und Entstehen, von Auslöschen und Hervorbringen trefflich zu umschreiben (Gottfried Boehm: Arnulf Rainer, in: Erläuterungen zur Modernen Kunst, Düsseldorf 1990, S. 206). Durch seine rigorosen Fragen nach Möglichkeiten und Bedingungen von Kunst im Medium der Malerei nimmt Arnulf Rainer eine unvergleichliche Position in der Gegenwartskunst ein.
Arnulf Rainer (Baden near Vienna 1929 – lives in Vienna and Vornbach/Inn)
„GEKÄMMTE“. 1962
Oil and oil crayon on canvas, with cardboard mounted to the reverse. 51 x 66 cm ( 20 ⅛ x 26 in.). Signed in pencil upper right: A Rainer. On the overlap in black ballpoint pen titled, signed and dated: „Gekämmte“ Rainer 62. Signed and titled on the reverse: Rainer „Gekämmte“.
[3334]
Provenienz: Nikolaus Heinrich, Stuttgart
Ausstellung: Die konkrete Zeit - Gegenstände eines Jahrhunderts. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 1996 / Umbruch 2013 - Module im Wandel. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 2013
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