Lot 5
Arnulf Rainer (Baden bei Wien 1929 – lebt in Wien und Vornbach/Inn)
„KARL KRAUS“. 1984
Öl und Ölkreide über Silbergelatineabzug auf Holz. 121,5 × 80 cm ( 47 ⅞ × 31 ½ in.). Unten links monogrammiert: R. Rückseitig mit Kreide in Schwarz betitelt: KARL KRAUS.
[3575]
Provenienz: Privatsammlung, Österreich
Ausstellung: Rennweg. Christian Ludwig Attersee, Günter Brus, Hermann Nitsch, Walter Pichler, Arnulf Rainer. Rivoli, Castello di Rivoli, 1985 / Arnulf Rainer. Venedig, Abbazia di San Gregorio, 1986, m. Abb
„Ich kann nicht einfach drübermalen. Ich muss mich mit dem, was dahinter ist, beschäftigen“ (Arnulf Rainer, zit. nach: Hans Joachim Müller, in: Let’s talk abstract, hg. von Carolin Scharpff-Striebich, Berlin 2018, Distanz, S. 181). „Künstler ist nur einer, der aus der Lösung ein Rätsel machen kann“, schrieb Karl Kraus in seiner satirischen Zeitschrift „Die Fackel“. Der vielleicht bedeutendste Sprach- und Kulturkritiker Österreichs hätte damit sicher auch Arnulf Rainer gemeint, hätte dieser nicht erst 1929 das Licht der Welt erblickt. So blieb es dem zeitgenössischen Maler vorbehalten, sich – als Ausdruck der Wertschätzung – in seinem Œuvre mehrfach auf den Landsmann zu beziehen. Ende der 1970er-Jahre wandte sich Rainer einer Reihe von Foto-Übermalungen berühmter Künstlerselbstbildnisse zu, hatte er es doch „satt, sich immer nur selbst zu überzeichnen“. Etwa zeitgleich begann seine Faszination für den Anblick des Todes, vor allem für die unwiderstehliche Anziehungs- und Suggestionskraft von Totenmasken, Leichengesichtern und Mumien. Für solche „Tabubetastungen“ erwarb er – vom Preisgeld des Großen Österreichischen Staatspreises – eine Sammlung originaler Gipstotenmasken, die er jahrelang immer wieder überarbeitet und abfotografiert hat. 1984, im Zenit seines Schaffens, greift Rainer auf den Abzug einer Fotografie der Totenmaske von Karl Kraus zurück und übermalt diese mit schwarzer Ölfarbe und Ölkreide. Beim Anblick von „Karl Kraus“ scheint das Blau der Fotovorlage nur dezent hindurch. Die entschiedenen und großflächigen Überzeichnungen dominieren das Bild und geben wenige markante Bereiche des Porträts frei. Dennoch erahnen wir die runde, schmal gefasste Brille, das aus der hohen Stirn zur Seite gestrichene Haar von Kraus. Anstelle seines Mundes tut sich ein konvexer, ausfransender Schlund auf, der uns vielleicht mahnen will, wie Kraus die Sprache einer Gesellschaft zu erkennen und zu spiegeln wusste. Rainers Übermalung ist weder „Totenspott“ noch „Ikonenbesudelung“. Vielmehr lädt diese „Duettspinnerei“ das Antlitz von Kraus mit energischer Substanz auf, um die Geschichte der Moderne in die Gegenwart zu holen und um uns zugleich die unerhörte Verbindung von Leidenschaft und Witz in der krausschen Sprache ins Gedächtnis zu rufen. CG
Zu Arnulf Rainer siehe u.a. auch Auktion 312, Los 305, und Auktion 315, Los 787.
* Besonders eindringliches Werk aus der Reihe der „Totenmasken-Übermalungen“
* Hommage an den berühmten österreichischen Schriftsteller Karl Kraus (1874–1936)
Arnulf Rainer (Baden near Vienna 1929 – lives in Vienna and Vornbach/Inn)
“KARL KRAUS“. 1984
Oil and oil crayon over gelatin silver print on wood. 121,5 × 80 cm ( 47 ⅞ × 31 ½ in.). Monogrammed lower left: R. Titeld on the reverse with black chalk: KARL KRAUS.
[3575]
Provenienz: Private Collection, Austria
Ausstellung: Rennweg. Christian Ludwig Attersee, Günter Brus, Hermann Nitsch, Walter Pichler, Arnulf Rainer. Rivoli, Castello di Rivoli, 1985 / Arnulf Rainer. Venice, Abbazia di San Gregorio, 1986, m. Abb
For Arnulf Rainer see among others also auction 312, lot 305, and auction 315, lot 787.
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