Lot 306
August Macke Spaziergänger unter Bäumen (Leute vor dem Schaufenster) Schwarze Kreidezeichnung, teils gewischt, auf festem glatten, chamoisfarbenen Zeichenpapier. 34,3/34,5 x 29,5/29,8 cm. Unbezeichnet. - Rückseitig unten zweifach mit dem ovalen Nachlass-Stempel "Nachlass AUGUST MACKE" versehen; links zusätzlich mit Bleistift von fremder Hand beschriftet "Spaziergänger unter Bäumen, / rechts Hutladen hinten Stadt/ KZ 3,4" und im Stempel datiert "1912". - Der Bogen im linken Rand leicht unregelmässig. Die Rückseite stellenweise mit Tuschespuren (Atelierspuren). - In schöner Erhaltung. Heiderich 2419 (Nachlaßliste KZ 3/4) Wir danken Ursula Heiderich, Syke, für freundliche Information. Provenienz Aus dem Nachlaß des Künstlers; Privatbesitz Ausstellungen Münster 1957 (Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte), August Macke - Gedenkausstellung zum 70. Geburtstag, Kat. Nr. 157 mit Abb. S. 74 und Detailabb. auf dem Katalogumschlag; Bonn 1957 (Städtische Kunstsammlungen), August Macke als Zeichner, Kat. Nr. 37; Reutlingen 1958 (Hans-Thoma-Gesellschaft e.V., Spendhaus), August Macke, Kat. Nr. 28; Bremen 1964/1965 (Kunsthalle Bremen), August Macke, Handzeichnungen und Aquarelle, Kat. Nr. 85 mit Abb. S. 44; Gießen 1970 (Bürgerhaus Gießen), Rheinische Expressionisten: August Macke, Helmuth Macke, Paul Adolf Seehaus, Hans Thuar, Kat. Nr. 18; Münster/ Bonn/ Krefeld 1976/1977 (Westf. Landesmuseum für Kunst u. Kulturgeschichte/ Städtisches Kunstmuseum Bonn/ Kaiser-Wilhelm-Museum Krefeld), August Macke 1887-1914, Aquarelle und Zeichnungen, Kat. Nr. 122 mit Abb. S. 150; Berlin 1977/1978 (Galerie Pels-Leusden), Franz Marc - Gouachen, Aquarelle und Zeichnungen, August Macke - Gemälde, Pastelle, Aquarelle, Zeichnungen, Plastik, Kat. Nr. 89 a (Leihgabe); Bonn/ Krefeld/ Wuppertal 1979 (Städtisches Kunstmuseum Bonn/ Kaiser-Wilhelm-Museum Krefeld/ Von der Heydt-Museum), Die Rheinischen Expressionisten, August Macke und seine Malerfreunde, Kat. Nr. 253 mit Abb. S. 255; Bonn 1981 (Bundeskanzleramt), August Macke, Kat. Nr. 46 mit Abb.; Münster/ Bonn/ München 1986/ 1987 (Westf. Landesmuseum für Kunst u. Kulturgeschichte/ Städtisches Kunstmuseum Bonn/ Städtische Galerie im Lenbachhaus), August Macke, Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Kat. Nr. 333 mit Abb. S. 409; Thun/ Bonn 2013/ 2014 (Kunstmuseum Thun/ August Macke Haus Bonn), August Macke und die Schweiz, Kat. Nr. 66 mit Abb. S. 82; Bonn/ München 1914/ 1915 (Kunstmuseum Bonn/ Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München), August Macke, Franz Marc, Eine Künstlerfreundschaft, Kat. Nr. 169 mit Abb. S. 272 ; Langjährige Dauerleihgabe im Kunstmuseum Bonn aus Privatbesitz (bis 2015) Literatur Carl Bäufer, August Macke als Zeichner, in: Ausst. Kat. Münster 1957, S. 45 f.; Günter Busch, August Macke - Handzeichnungen, Mainz/Berlin 1966, S. 33, Kat. Nr. 46 mit Abb.; Frank Günter Zehnder, Ein neu entdecktes Portrait von der Hand August Mackes - zur Deutung von Mackes 'Abschied' im Museum Ludwig, in: Kölner Museums-Bulletin 1/1991, S. 11 mit Abb.; Dierk Stemmler, August Macke, in: Ausst. Kat. Die Rheinischen Expressionisten, August Macke und seine Malerfreunde, 1979, S. 268; Ina Ewers-Schultz, August Macke, Maler des modernen Lebens, in: Ausst. Kat. August Macke und die Schweiz, 2013/2014, vgl. S. 56 ff. Die vielfach ausgestellte Kreidezeichnung "Spaziergänger unter Bäumen" von August Macke zählt zu den Spitzenblättern des zeichnerischen Spätwerks. Sie kombiniert nicht nur motivlich verschiedene Macke-typische Einzelmotive, die sehr bekannt sind, sondern weist in der klaren räumlichen Anlage und in der zeichnerischen Stilistik als Schwarz-Weiß-Blatt eine Qualität auf, die den Gemälden oder Aquarellen ebenbürtig ist. Vergleichbare späte Zeichnungen Mackes fand man ausgezeichnet durch eine letzte "Vereinfachung der Mittel", die "zu großangelegter bildhafter Wirkung" gelangt (Paul Vogt, Zum zeichnerischen Werk von Franz Marc und August Macke, in: Ausst. Kat. Pels-Leusden, Berlin 1977/1978, op. cit., S. 6). Obwohl im Nachlass-Stempel mit dem Eintrag "1912", gehört das Blatt nach Angaben der Werkverzeichnisbearbeiterin Ursula Heiderich nach "Motivbestand, Technik und Stil" ohne jeden Zweifel in die Hilterfinger Periode, die 1913/1914 eine ausserordentliche Werkdichte aufweist und einen besonderen Höhepunkt im Werk darstellt, unmittelbar vor der berühmten Tunis-Reise im Sommer des Jahres 1914. Das erwähnte motivliche Repertoire der Zeichnung umfasst wie im Selbstzitat: das grosstädtische, elegante Paar, das Schaufenster-Motiv mit den spiegelnden Scheiben und der Hut-Auslage samt "Thuner" Markise, das Flanieren unter Bäumen sowie Figuren, die über ein Geländer oder eine Brüstung gelehnt, ruhig in der Aussicht und Schau auf eine unbestimmte Ferne begriffen sind. Die angedeutete, erhöhte Terrassenlage der Komposition erinnert einerseits an Topographisches der Wirklichkeit, etwa an Fribourg (vgl. "Kathedrale zu Freiburg in der Schweiz" 1914, Heiderich 548), andererseits hat das ausschauende männliche Paar an der Brüstung einen Bezug zu dem zuletzt entstandenen Gemälde Mackes, dem "Abschied" der Sammlung Haubrich, einer unvollendeten Figurenkompostion, in der zwei grosse gebeugte Rückengestalten nach rechts, vom Bildrand fragmentiert, dem Vordergrund ein formales wie symbolträchtiges Gewicht verleihen (vgl. Heiderich 590). Bemerkenswert ist die räumliche Disposition der "Spaziergänger unter Bäumen", einer Zeichnung, die die Figurenpaare, wie in einem Dreiklang gestaffelt, in die Bildebenen von Vor-, Mittel-, und Hintergrund einfügt. Dabei sind klare Zwischenräume zwischen den Figuren gestaltet und freiräumlich geordnete Durchblicke gelassen. Die Komposition wird zudem gegliedert und gefasst durch die betonten Vertikalen, die im Hintergrund durch die vereinfachten architektonischen Umrisse der dargestellten Stadt ein horizontal gelagertes Gegengewicht erfahren. "Das Schaufenser fungiert nicht nur als Bildeinführung, sondern gibt dem räumlichen Kontinuum, das von rechts vorn nach links hinten verläuft, einen transparenten Beginn [...]", schrieb Dierk Stemmler und empfand, dass Macke den Raum "nicht allein perspektivisch", sondern "gestalthaft lebendig" organisierte (zit. aus Ausst. Kat. Bonn 1979, op. cit., S. 268) und eine Durchsichtigkeit wie Leichtigkeit gewährte, die nicht zuletzt durch zeichnerische Stilmittel wie den leichten Schraffurlagen im spiegelnden Schaufenster - die ganz abstrakt anmuten - erzielt ist oder durch die fedrige Linienführung in den dichten Baumkronen. Die künstlerische Form und die Atmosphäre heben zugleich die Darstellung aus dem Konkreten ins Überzeitliche und Allgemeine."Das Blatt bewahrt einen hohen Eigenwert an graphischer Schönheit und birgt eine Skala verschiedenster Nuancen im Zeichnerischen, die den Gegenstand still machen. Die Figuren, die in ihrer statischen Abhängigkeit wie schwebend erscheinen, erwecken den Eindruck, als würden sie sich vollends in einem nicht mehr diesseitigen Dasein verwirklichen, als fänden sie in einem zunehmend von Licht erhellten Raum ihr reines Beieinander." (Carl Bäufer, Augsut Macke als Zeichner, in: Ausst. Kat. Münster 1957, op. cit. S. 46). August Macke Spaziergänger unter Bäumen Black crayon drawing, partly wiped, on firm, smooth chamois-coloured drawing paper. 34.3/34.5 x 29.5/29.8 cm. Unsigned. - Verso with the oval estate stamp "Nachlass AUGUST MACKE" (twice) at the bottom; left additionally inscribed "Spaziergänger unter Bäumen, / rechts Hutladen hinten Stadt/ KZ 3,4" in pencil by an unknown hand and dated within the stamp "1912". - The sheet slightly irregular in the left margin. Verso in places with traces of India ink (studio traces). - In fine condition. Heiderich 2419 (estate list KZ 3/4) We would like to thank Ursula Heiderich, Syke, for kind information. Provenance From the artist's estate; Private possession Exhibitions Münster 1957 (Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte), August Macke - Gedenkausstellung zum 70. Geburtstag, cat. no. 157 with illus. p. 74 and detail illus. on the catalogue cover; Bonn 1957 (Städtische Kunstsammlungen), August Macke als Zeichner, cat. no. 37; Reutlingen 1958 (Hans-Thoma-Gesellschaft e.V., Spendhaus), August Macke, cat. no. 28; Bremen 1964/1965 (Kunsthalle Bremen), August Macke, Handzeichnungen und Aquarelle, cat. no. 85 with illus. p. 44; Gießen 1970 (Bürgerhaus Gießen), Rheinische Expressionisten: August Macke, Helmuth Macke, Paul Adolf Seehaus, Hans Thuar, cat. no. 18; Münster/ Bonn/ Krefeld 1976/1977 (Westf. Landesmuseum für Kunst u. Kulturgeschichte/ Städtisches Kunstmuseum Bonn/ Kaiser-Wilhelm-Museum Krefeld), August Macke 1887-1914, Aquarelle und Zeichnungen, cat. no. 122 with illus. p. 150; Berlin 1977/1978 (Galerie Pels-Leusden), Franz Marc - Gouachen, Aquarelle und Zeichnungen, August Macke - Gemälde, Pastelle, Aquarelle, Zeichnungen, Plastik, cat. no. 89 a (loan); Bonn/ Krefeld/ Wuppertal 1979 (Städtisches Kunstmuseum Bonn/ Kaiser-Wilhelm-Museum Krefeld/ Von der Heydt-Museum), Die Rheinischen Expressionisten, August Macke und seine Malerfreunde, cat. no. 253 with illus. p. 255; Bonn 1981 (Bundeskanzleramt), August Macke, cat. no. 46 with illus.; Münster/ Bonn/ Munich 1986/ 1987 (Westf. Landesmuseum für Kunst u. Kulturgeschichte/ Städtisches Kunstmuseum Bonn/ Städtische Galerie im Lenbachhaus), August Macke, Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, cat. no. 333 with illus. p. 409; Thun/ Bonn 2013/ 2014 (Kunstmuseum Thun/ August Macke Haus Bonn), August Macke und die Schweiz, cat. no. 66 with illus. p. 82; Bonn/ Munich 1914/ 1915 (Kunstmuseum Bonn/ Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München), August Macke, Franz Marc, Eine Künstlerfreundschaft, cat. no. 169 with illus. p. 272; long-term permanent loan from private possession at the Kunstmuseum Bonn (until 2015) Literature Carl Bäufer, August Macke als Zeichner, in: exhib. cat. Münster 1957, p. 45 f.; Günter Busch, August Macke - Handzeichnungen, Mainz/Berlin 1966, cat. no. 46 with illus.; Frank Günter Zehnder, Ein neu entdecktes Portrait von der Hand August Mackes - zur Deutung von Mackes 'Abschied' im Museum Ludwig, in: Kölner Museums-Bulletin 1/1991, p. 11 with illus.; Dierk Stemmler, August Macke, in: exhib. cat. Die Rheinischen Expressionisten, August Macke und seine Malerfreunde, 1979, p. 268; Ina Ewers-Schultz, August Macke, Maler des modernen Lebens, in: exhib. cat. August Macke und die Schweiz, 2013/2014, cf. p. 56 ff. The oft-exhibited chalk drawing “Spaziergänger unter Bäumen” by August Macke is among the most outstanding sheets of his late graphic work. Not only does it combine various different individual motifs that are very well-known and characteristic for Macke, in its clear spatial construction and graphic style it displays a quality - as a sheet in black and white - that is equal to that of the paintings or watercolours. Comparable late drawings by Macke have been considered to be distinguished through a final “simplification of means”, which leads to an “expansively conceived painting-like effect” (Paul Vogt, Zum zeichnerischen Werk von Franz Marc und August Macke, in: exhib. cat. Pels-Leusden, Berlin 1977/1978, op. cit., p. 6). According to information provided by the editor of the catalogue raisonné, Ursula Heiderich, although “1912” was entered with the estate stamp, the sheet - based on its “motivic content, technique and style” - indubitably belongs to the Hilterfingen Period, which produced an extraordinary concentration of works in 1913/1914 and represents a particular highlight in his oeuvre, directly before the famous journey to Tunis in the summer of 1914. As though quoting his own work, the mentioned motivic repertoire of the drawing encompasses the elegant urban couple and the shopwindow motif with reflective panes of glass and the hat display including its “Thun” marquee as well as figures strolling under the trees and leaning over a railing or parapet, calmly occupied with their view of and into an undefined distance. The suggested terrace complex of the composition recalls real topographies on the one hand - Fribourg for example (cf. “Kathedrale zu Freiburg in der Schweiz”; 1914; Heiderich 548) - on the other hand, the pair of men looking out from the parapet are connected with Macke's last painting, the “Abschied” of the Haubrich collection, an unfinished figural composition in which two large figures, who lean over and are seen from behind while they face to the right and are fragmented by the edge of the painting, provide the foreground with formal as well as highly symbolic weight (cf. Heiderich 590). The spatial disposition of the “Spaziergänger unter Bäumen” is remarkable: in this drawing the pairs of figures, arranged in a triad-like series of layers, are placed at the levels of the foreground, middle ground and background. At the same time, clear gaps between the figures have been formed and views leading through the open space have been arranged. The composition is additionally articulated and framed through the emphasised verticals that meet with a horizontally oriented counterweight in the simplified architectonic contours of the city depicted in the background. “The shopwindow not only functions as an introduction into the image, it also provides the spatial continuum, which runs from the front right to the back left, with a transparent beginning [...]” writes Dierk Stemmler, who also feels that Macke has organised the space “not only perspectivally” but also “figurally lively” (cited in exhib. cat. Bonn 1979, op. cit., p. 268) and imparted it with a transparency as well as lightness, which are achieved not least through graphic stylistic devices like the light hatching in the reflective display windows - which seem entirely abstract - or through the feathery use of line in the dense crowns of the trees. The artistic form and the atmosphere simultaneously elevate the image from the level of the concrete to that of the timeless and universal. “The sheet preserves a high intrinsic value of graphic beauty and encompasses a range of highly diverse nuances in its drawing, which render its subject calm. The figures, which seem to hover in their static dependency, arouse the impression that they seem to have been realised entirely in a state of being that is no longer of this world, as though they found themselves in a realm of their pure togetherness, increasingly illuminated by light” (Carl Bäufer, August Macke als Zeichner, in: exhib. cat. Münster 1957, op. cit. p. 46).
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Art Moderne
50667 Köln - Allemagne
27/11/2015
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