Lot 77
Camille Pissarro (Saint-Thomas-des-Antilles 1830 – 1903 Paris) Femme se cambrant. Um 1890 Aquarell und Tuschfeder in Braun über Bleistift auf Papier (aus einem Skizzenbuch). 15 × 9,1 cm ( 5 ⅞ × 3 ⅝ in.). Unten links monogrammiert: C. P. Mit einer nicht signierten Bestätigung von Joachim Pissarro, New York, vom 9. September 2008.– Rückseitig: Paysanne (Studie). Tuschpinsel über Bleistift. [3408] Provenienz: Ludovico Rodo Pissarro, Paris / O’Hana Gallery, London / Alex und Rita K. Hillman, New York (1956–1968) / Geschenk an Alex Hillman Family Foundation, Pittsburgh (1968–2008) Literatur und Abbildung: Emily Braun: Manet to Matisse. The Hillman Family Collection New York, Seattle und London, 1994, Kat.-Nr. 50, S. 142/143 (mit Abbildungen der Vorder- und Rückseite) / Auktion 2046: Impressionist & Modern Art. Christie's, New York, 6. November 2008, Kat.-Nr. 114, Abbildung S. 38 Wäre diese kleine, virtuose Skizze ein Musikstück, hieße das Tempo „con brio“. Schwünge, Wirbel, Rhythmus - in Sekundenschnelle fangen Stift und Feder eine ländliche Alltagsszene ein: eine Frau, gebeugt, in einem Gemüsefeld arbeitend. Am hohen Horizont erscheinen kürzelhaft wenige geduckte Häuser, teils hinter Baumkronen verborgen. Die zupackende, vitale Energie der Bauersfrau kommt als Kraftfeld dicht gebündelter Schraffen ins Bild und explodiert geradezu beim Griff ins üppige Blattwerk. Doch zugleich verflüchtigen sich Alltagslast und Erdenschwere. Zartfarbige Aquarellakzente zaubern Leichtigkeit über die Szene: die rote Haube der Frau, lichtes Grün im Beet, am rechten Bildrand eine einzelne blaue Blüte. Lockere Lavierungen in Grau und Ocker geben Volumen und Tiefe. „Il rend l’odeur, à la fois reposante et puissante de la terre”, resümiert der Kritikerfreund Octave Mirbeau. Sehen, Empfinden, Können – Beobachtungsgabe, Einfühlungsvermögen, in Jahrzehnten gewachsene künstlerische Meisterschaft verdichten sich zu einer Momentaufnahme, schmaler als eine Postkarte, vielleicht als „Motiv-Vorrat“ in einem Skizzenbuch festgehalten. Die emsig arbeitende, vornübergebeugte Frau erscheint in vielen Gemälden Pissarros, mit denen er in unzähligen Variationen Land und Leute seiner jeweiligen Umgebung unermüdlich und mit liebendem Blick wiedergegeben hat. Das ländliche Leben, die schwere körperliche Arbeit waren ihm vertraut und nahe. Seit 1884 wohnte er – nach häufigen Ortswechseln – mit seiner großen Familie in Éragny-sur-Epte, nordwestlich von Paris in Richtung Rouen. Gleichwohl hielt er weiterhin engen Kontakt zur Kunstszene in Paris, nahm an allen acht Impressionisten-Ausstellungen (1874-1886) teil, war seinen Künstlerkollegen ein loyaler, väterlicher Freund und Ratgeber und ging dabei kontroversen Debatten nicht aus dem Weg. Dieses lebhafte, kontrastreiche Szenario – die unentwegte Suche nach seiner künstlerischen Wahrheit einerseits, der Alltag mit ständigen Geldsorgen, Konkurrenzkämpfen, dem Wechsel von Niederlagen und Erfolgen andererseits – spiegelt sich detailliert und lebendig in dem Briefwechsel, den Camille Pissarro insbesondere mit seinem ältesten Sohn Lucien (1863-1947) beinahe wie ein kontinuierliches Gespräch pflegte. Ein höchst authentisches Zeugnis, das uns teilhaben lässt am Auf und Ab seines Alltags. Sein Motto: „Le travail est un merveilleux régulateur de santé morale et physique.“ Im März 2017 zeigte das Pariser Musée du Luxembourg eine Ausstellung mit Pissarros Werk aus seiner letzten Schaffensphase in Éragny. Das gab Anlass zu einem sehr anregenden Gespräch über die Freuden des Sammelns von Zeichnungen mit dem glücklichen Besitzer dieses kleinen Meisterwerks. Nun wird es ganz gewiss neues Sammlerglück stiften. Karin Girke, Baden-Baden Camille Pissarro (Saint-Thomas-of the-Antilles 1830 – 1903 Paris) Femme se cambrant. Circa 1890 Watercolour and pen and brown India ink over pencil on paper (from a sketchbook). 15 × 9,1 cm ( 5 ⅞ × 3 ⅝ in.). Monogrammed lower left: C. P. With an unsigned confirmation by Joachim Pissarro, New York, dated 9 September 2008.– On the reverse: Paysanne (study). Brush and India ink over pencil. [3408] Provenienz: Ludovico Rodo Pissarro, Paris / O’Hana Gallery, London / Alex and Rita K. Hillman, New York (1956–1968) / gift to Alex Hillman Family Foundation, Pittsburgh (1968–2008) Literatur und Abbildung: Emily Braun: Manet to Matisse. The Hillman Family Collection New York, Seattle and London, 1994, cat. no. 50, p. 142/143 (with illustrations of the front and back page) / Auction 2046: Impressionist & Modern Art. Christie's, New York, 6 November 2008, cat. no. 114, Illustration p. 38
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25/10/2018
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