Lot 411
Carl Blechen (Cottbus 1798 – 1840 Berlin) Erinnerung an Amalfi. 1835 Öl auf Papier (aus einem Skizzenblock). 16,9 × 10,7 cm ( 6 ⅝ × 4 ¼ in.). Rückseitig unten mit Feder in Braun signiert, datiert und bezeichnet: Blechen, 1835 Berlin. Oben mit Bleistift beschriftet: souvenir personnel précieux d’un grand maître. Pauvre grand artiste!. Papierverluste im Rand. [3076] Provenienz: Geschenk von Carl Blechen an einen Pariser Künstler, 1835 / Privatsammlung, Frankreich Als der Seewind der französischen Atlantikküste uns diese kleine Studie ins Haus wehte, rieben wir uns die Augen: das fragile, sehnsüchtig erwartete Kleinod offenbarte sich tatsächlich als eigenhändige Ölskizze der Schlucht von Amalfi (1831), einem zentralen Meisterwerk von Carl Blechen (Abb. 3). Kostbar ist nicht nur die Darstellung selbst, auch die Rückseite macht die Preziose zum Unikat. Sie ist beschriftet, und zwar von zwei unterschiedlichen Autoren. Zum einen hat Blechen eigenhändig seine Autorschaft bestätigt: „Blechen, 1835. Berlin.“ Darüber prangt in Bleistift die zeitgenössische Notiz eines Franzosen: „Souvenir personnel précieux d´un grand maître. Pauvre grand artiste!“ (Abb. 1). Blechens Parisreise 1835 Am 10. Juni 1835 war Blechen zusammen mit dem gleichaltrigen Freund und Kunsthändler Louis Sachse zu einer Reise über die Normandie nach Paris aufgebrochen – auf dem Seeweg, eine eher ungewöhnliche Entscheidung. Außergewöhnlich war auch der Anlass dieser Fahrt. Ihr Initiator war Louis Sachse, der seit 1828 ein nach modernstem Pariser Standard eingerichtetes lithografisches Institut unweit vom Gendarmenmarkt betrieb. Sachse hatte beschlossen, erstmals nicht nur Lithografien, sondern auch Gemälde in Paris einzukaufen. Als künstlerischer Berater sollte Carl Blechen eine zentrale Rolle bei diesem Vorhaben spielen. Gut zwei Wochen waren sie in Paris, vom 18. Juni bis zum 4. Juli 1835. Sachse zeigte seinem Freund „alle ihm längst bekannten Merkwürdigkeiten“: mehrmals „studierten“ sie im Louvre und in der Galerie du Luxembourg, dem 1818 eröffneten, weltweit ersten Museum für zeitgenössische Kunst, bestaunten Notre Dame ebenso wie das mondäne Palais Royal und den Jardin des plantes, fuhren nach St. Cloud, Versailles und in den Bois de Boulogne, gingen fast allabendlich in die Oper oder ins Theater. Die meiste Zeit aber verbrachten sie in den Ateliers. Sachse schrieb in jenen Paristagen an seine Frau Nanni: „Blechen und ich vertragen uns prächtig, und wie ich ihm, so nützt er mir wieder. Ich wünschte nur hier noch vier Wochen bleiben zu dürfen. Denn erst jetzt eröffnet sich mir hier ein schöner Wirkungskreis für mein Berliner Geschäft. Die Relationen mit den Pariser Künstlern vergrößern sich“. Pariser Begegnungen Schon während ihres kurzen Aufenthalts in Rouen hatten Blechen und Sachse den Maler Eugène Balan zum Diner getroffen, der ihnen zwei Ölstudien für Berlin anvertraute. Die Küstengegend unweit von Paris war damals ein wichtiger Studien- und Begegnungsort für moderne französische und englische Malerei, was auch die eher ungewöhnliche Reiseroute der beiden Berliner begründen mag. Sachses Tagebuch sowie ein ausführlicher Bericht im Kunstblatt vom 22. August 1835 belegen die Aufmerksamkeit der Kunstreisenden für entsprechende Malereiproben: Von Eugène Lepoittevin erwarben sie ein kleines „ruhiges Strandstück“, von Eugène Isabey zwei Küstenstücke, die „ein Konzert prägnanter Farbenwirkung“ hervorbrachten. Eine „Probe von der französischen Farbenplastik“ stellte auch André Giroux´ Ansicht des Mont St. Michel vor. In Théodore Gudins kleinem Seebild könne man die Luft „in ihrer Feuchtigkeit mit dem Auge befühl[en]“, in Camille Roqueplans „flacher Feldlandschaft“ die „wahre Natur, mit treuem Auge und ehrlicher Hand baar hingelegt“ erleben, wie das Kunstblatt beeindruckt schrieb. Von Louis Etiènne Watelet, dessen Druckgrafik Blechen längst für den Unterricht nutzte, war auf der Berliner Akademieausstellung 1834 eine Landschaft in Öl zu sehen gewesen – ein echtes Ausnahmeereignis neben der üblichen Präsentation einheimischer Künstler. Sachse und Blechen erwarben einen „Regenschauer“, in dem es „wirklich regnet“. Auch Jean-Victor Bertin, Lehrer von Corot, den die Berliner gleich am ersten Tag in Paris trafen, studierte regelmäßig in Öl vor der Natur, meist in der unmittelbaren Umgebung der Île-de-France – übrigens gerne auch in St. Cloud, wo Sachse mit Blechen ebenfalls hinfuhr. Von Bedeutung waren zudem die Besuche bei Horace Vernet und Paul Delaroche. Zugang zu ihren Pariser Ateliers zu erhalten war ein Ereignis. Die Professoren der École des Beaux-Arts führten neben dem eigenen jeweils bedeutende Lehrateliers mit Schülern aus ganz Europa. Delaroche wurde – ebenso wie Delacroix – als Erneuerer der Historienmalerei gefeiert. Auch Vernet war Historienmaler, bereits in dritter Generation. Seine Napoleon-Motive hatten ihn berühmt gemacht. Von 1829 bis 1834 war er Direktor der Académie de France in Rom. Nach der Übergabe des Amtes an Jean-Dominique Ingres war er eben erst nach Paris zurückgekehrt. Es wird kaum Zufall gewesen sein, dass Blechen gerade ihm ein Aquarell zeigte, das er noch in Berlin gemalt hatte. Das Blatt stellt einen Mönch dar, der auf einer Terrasse stehend in die weite italienische Landschaft blickt (Abb. 3). Vernet äußerte sich anerkennend zu Blechens Kunst, woraufhin die Berliner Presse schlussfolgerte: „in der Sicherheit der Technik und in dem, was man vorzugsweise das Geistreiche des Vortrags“ nennt, sei Blechen „in seiner so eigenen Art“ doch am meisten von allen hiesigen Künstlern mit den Franzosen verwandt. Die „wirklich geniale Leichtigkeit“ und der „kaltklare Lichtton“ dieses Aquarells sei „eine Delicatesse“ für jeden Kunstkenner. Die Bedeutung der Parisreise Am 11. Juli waren Sachse und Blechen „glücklich“ wieder zuhause. Die 17 ausgesuchten Gemälde und Ölstudien trafen Anfang August in Berlin ein. Neben den erwähnten Landschaften hatten sie kleinere Genrestücke gewählt von Henri Scheffer, Jean-Louis Canon, François Marius Granet, Beaume, Alfred de Dreux, Alphonse Roehn und Alexandre Gabriel Decamps. Blechens zentrale Rolle für die Pariser Kunsteinkäufe machte Sachse einige Wochen später der Akademie der Künste gegenüber deutlich. In einem offiziellen Schreiben betonte er ausdrücklich, wie sehr „der Rath seines in Paris anwesenden Freundes, des Herrn Professor Blechen“, ihm „bei der Auswahl dieser Bilder zu statten“ gekommen sei. Nicht nur der allgemeine Beifall, sondern auch der schnelle Absatz der Pariser Malereiproben in Berlin hätten dies eindrucksvoll bestätigt. Schließlich sei es „der Wunsch vieler hiesiger Künstler“ gewesen, „auch Oelbilder neuerer französischer Schule zu sehen“. Sachse und Blechen haben mit ihrer Initiative einen deutsch-französischen Malerei-Austausch eingeläutet, der die Berliner Kunstszene Mitte der 1830er Jahre enorm belebte. Auf die Akademieausstellung 1836 vermittelte Sachse eine nie dagewesene Anzahl von Gemälden aus Paris, wieder meist Landschaften, die die Kunstschau zu einem „Augenfest in Umfang und Wirkung“ machte – und zur erfolgreichsten Ausstellung im ganzen Vormärz. Blechens akademische Landschaftsklasse verzeichnete im selben Sommer mit 55 Schülern ihren stärksten Zulauf. Der Wert von Ölskizzen Landschaftsmalerei ist eine Reisekunst, die von der Begegnung lebt – mit der Natur, ihrer kontemplativen Wahrnehmung bis hin zur Selbstreflexion und den individuellen Herausforderungen künstlerischer Umsetzung. Reisende Landschaftsmaler konnten und durften sich früher als andere über akademische Normen hinwegsetzen, sich entziehen, zumal in Studien und Skizzen,
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