Lot 162
Carl Gustav Carus (Leipzig 1789 – 1869 Dresden)
Erinnerung an Neapel (Mondnacht über dem Mittelmeer). Um 1832
Öl auf Papier auf Pappe. 33 × 27 cm ( 13 × 10 ⅝ in.). Rückseitig oben links mit Feder in Braun beschriftet: von Prof. Carus. In der Mitte ein gedruckter Aufkleber: II.
Nicht bei Prause, aber wohl identisch mit Prause 167, Fussnote. – Mit einer Bestätigung von Prof. Dr. Hans Joachim Neidhardt, Dresden, vom 23. September 2016.–
[3341]
Provenienz: Privatsammlung, Dresden (bis 1958, dort direkt vom jetzigen Eigentümer erworben)
In ihrem Werkverzeichnis von 1968 schreibt Marianne Prause über den berühmten „Balkon in Neapel“ (um 1829/30, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie) in Bezug auf die Akademieausstellung in Dresden im Jahre 1830 und das dort als Nr. 696 aufgeführte Gemälde „Erinnerung in Neapel“, es sei „unsicher, ob damit identisch“. Da unser Bild, das in der Literatur bislang nicht bekannt geworden ist, ganz dem Typus des Carus´schen „Erinnerungsbildes“ entspricht, ist es plausibel, dass es mit diesem Titel von 1830 zu identifizieren ist – auch stilistisch passt es genau in die Zeit der retrospektiven Italienbilder aus den Jahren um 1830/32, in denen südliche und nördliche Elemente miteinander verwoben werden. Der „Balkon in Neapel“ von Carus hingegen gibt exakt den Zimmerausblick aus dem Casino Reale an der Via Chiatamone in Neapel wieder, wo Carus 1828 Quartier bezog, was, wie schon Prause vermutete, gegen eine Identifizierung mit dem 1830 ausgestellten Werk spricht.
Auf den ersten Blick erscheint die Sache einfach: eine Mondnacht im Golf von Neapel, ausnahmsweise ohne Vesuv. Doch schon der zweite Blick zeigt, dass das kleine Bild wesentlich komplexer ist und in kunsthistorischer Sicht eine Sensation darstellt.
Dabei ist der erste Eindruck keineswegs falsch: Mit der nächtlichen Meereslandschaft ist bestimmt „Neapel“ gemeint, wenn auch in sehr allgemeinem Sinn, denn nirgendwo im Golf sieht die Küste so aus, wie sie hier zu sehen ist. Doch sind Motive, wie Carus sie auf seiner schnellen Reise zwischen Rom und Neapel eilig gesehen haben könnte, hier recht glaubwürdig zusammengebaut: die steil zum Ufer abfallenden Felsen von Terracina, der Jupitertempel dort selbst (hier das kastellartige Geviert auf dem Berg), das auf den Felsen gebaute Gaeta, die Kartause von San Martino über Neapel. Die mächtige, im einsetzenden Verfall begriffene Architektur erinnert an die bei Touristen als Kulisse beliebte Ruine des Palazzo Donn‘Anna, von wo aus man einen solchen Blick auf den Posillipo haben kann, der aber nicht so aussieht, wie das hier Dargestellte.
Doch auch die Ruine selbst ist in Wirklichkeit anders. Könnten die klassischen, halbrunden Arkadenöffnungen noch aus Neapel stammen, so ist die tektonisch etwas merkwürdig eingestellte, auf beunruhigend dünnen Diensten ruhende spätgotische Serliana ein Element, wie man es so in Italien schwer finden wird, eher dagegen in nordeuropäischen Universitäten, Rathäusern oder Kreuzgängen – und genau dieses nicht Passende, dieses offensichtlich Eingestellte liefert den Schlüssel zum eigentlichen Thema: der bewusst reflektierten deutschen Wahrnehmung Italiens. Man sieht gewissermaßen durch ein gotisches Brillengestell auf das italienischste und zugleich klassischste aller Italienmotive, wobei der venezianisch anmutende Vierpass in der Brüstung eine Art Vermittlerrolle übernimmt. Auch der andächtig in Versenkung daran gelehnte Jüngling entspricht nicht den üblichen italienischen Staffagefiguren, sondern in seiner blassen, elegisch-tragischen Gestalt eher einem anderen deutschen Steckenpferd der Zeit, nämlich der Shakespeare-Begeisterung, eine Art Neapel-Hamlet. Durch die subtile Gegenüberstellung jener fremden Welten gelingt es Carus, ohne kompositorische Misstöne zwei der großen Topoi der deutschen Romantik zu verschmelzen, nämlich den Neapel-Vollmond-Meeresnacht-Topos mit dem nördlich bezogenen Mittelalter-Gotik-Ruinen-Topos, ja sogar die „feurige“, extrovertierte Welt „der Italiener“ mit der kontemplativen, in sich gekehrten Welt „des Nordens“ zu versöhnen.
Die Mondnacht tritt als beiden Sphären vertrautes Element vermittelnd auf und überdeckt elegisch auch die versteckte Tragik des Bildes, nämlich das Getrennt-Bleiben beider Sphären. So kann man aus dem dunkel-gotischen Gehäuse zwar in die gleißend-südliche Meeresnacht hinausschauen, aber nicht in sie hinaustreten, Brüstung und Maßwerk bleiben bei aller Filigranität unüberwindliche Barrieren, und so hat der Jüngling sich auch von dem Schauspiel abgewendet, den Kopf gesenkt und die Augen geschlossen. „Italien“ bleibt Vorstellung und Traum, aus der Einsamkeit einer nördlichen Kartause geschaut. Italiensehnsucht in Italien, von Deutschland aus erinnernd vorgestellt sozusagen. Die Themen „Deutschland“ und „Italien“ hat Carus in dieser Zeit in getrennten Bildern behandelt, nämlich im sogenannten „Deutschen“ beziehungsweise „Italienischen Mondschein“. Unser Bild ist der nie wieder unternommene Versuch, diese beiden Pole deutscher Identität und Vorstellung in einen Italia-Germania-Bildgedanken zusammenzuführen, der zwischen Erzitalienern wie Catel und programmatischen Nordlandmalern wie Friedrich oder Dahl vermittelt. Golo Maurer
Carl Gustav Carus (Leipzig 1789 – 1869 Dresden)
„Mondnacht am italienischen Meer mit einem versunkenen Leser am gotischen Fenster“. Circa 1832
Oil on paper on cardboard. 33 × 27 cm ( 13 × 10 ⅝ in.). On the reverse upper left inscribed in pen and brown ink: von Prof. Carus. In the centre a printed label: II.
Not in the catalogue raisonné by Prause. – Accompanied by a confirmation by Prof. Dr. Hans Joachim Neidhardt, Dresden, dated 23 September 2016.–
[3341]
Provenienz: Private collection (acquired between 1945 and 1958 in Dresden, thence by descent to the present owner)
Crédits photos : Contacter la maison de vente
Dessins, aquarelles et pastels
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