Lot 124
Carl Gustav Carus (Leipzig 1789 – 1869 Dresden) Frühsommerlicher Weinberg in Pillnitz. Um 1830/40 Öl auf leichtem Karton. 12,5 × 11,9 cm ( 4 ⅞ × 4 ⅝ in.). Auf der Holz-Rückwand ein alter, mit Feder in Schwarz beschrifteter Aufkleber: Ruine zu Pillnitz. Dort auch ein mit Bleistift nummeriertes Etikett: G. [unter dem Signet einer Krone] Cap. B. Raum [IX] Nr. [289]. Nicht bei Prause (vgl. Prause 287). – Mit einer Bestätigung von Prof. Dr. Hans Joachim Neidhardt, Dresden, vom 31. März 2017.– [3063] Provenienz: König Georg von Sachsen (bis 1904) (?) / Privatsammlung, Dresden (nach 1945 erworben, seitdem in Familienbesitz) Carl Gustav Carus ist bereits von den Zeitgenossen als der dritte herausragende Meister romantischer Landschaftsmalerei in Dresden neben dem Doppelgestirn Friedrich und Dahl angesehen worden. Bekannt ist er heute vor allem für jene Werke, mit denen er sich den einzigartigen Bilderfindungen des zeitweise eng befreundeten Caspar David Friedrich anzunähern suchte. Doch malerisch überzeugender noch und von der Anlage her den persönlichen Intentionen des Naturforschers Carus wohl auch entsprechender sind jene wirklichkeitsverpflichteten Naturstudien, mit denen er viel mehr an Dahl als an Friedrich anknüpfte. Carus ist Dahl bereits 1820 in Dresden begegnet und er bewunderte in dessen Bildern „die Wahrheit vieler einzelner Gegenstände“. Einem Freund berichtete Carus schon 1822 von eigenen Ölstudien unmittelbar vor der Natur. Danach saß er „unter Pflanzen und Bäumen viele Stunden lang, sie frisch, wie es nur gehen wollte, in Farben nachbildend“. Seit Carus 1827 zu einem der königlichen Leibärzte ernannt worden war, zählte der Dienst in der wettinischen Sommerresidenz Schloss Pillnitz zu seinen Aufgaben, und Carus erwarb 1832 ein kleines Landhaus in der Nähe des Schlosses, am Eingang zum Dorfe Pillnitz, um die Familie auch während der Dienstperioden bei sich haben zu können. So wurde die landschaftliche Umgebung von Dorf und Schloss Pillnitz zu einem bevorzugten Erfahrungsraum für die malerischen Naturstudien von Carus. Der aufsteigende Schrägblick in den Weinberg geht hinauf zu einer Gruppe von Nadelbäumen auf der Anhöhe, inmitten derer sich ein Bauwerk abzeichnet. Es handelt sich um die künstliche Ruine bei Pillnitz oberhalb des Friedrichsgrundes, die 1785 unter Kurfürst Friedrich August III. im neogotischen Stil errichtet worden war. Platziert an der Stelle eines mittelalterlichen Vorgängerbaus, war sie historischer Reflexionsort und Ausgangspunkt für die empfindsame Landschaftsbetrachtung zugleich. In solchen kleinen, gleichsam privaten Studien war Carus unbefangener gegenüber den Erwartungshaltungen der Öffentlichkeit, und diese Freiheit zeigt sich in einer für die Zeit erstaunlich offenen malerischen Form. Das ausgeprägte Interesse an der unmittelbaren Wahrnehmung der Natur und die spürbare Freude an einer spontanen malerischen Umsetzung der optischen Eindrücke sprechen aus diesen außerordentlich reizvollen Arbeiten von Carus. Es scheint aufschlussreich, dass gerade Caspar David Friedrich an den Bildern von Carus „einen gewissen freien Naturalismus“ schätzte, „wie er eben nur aus unzähligen Naturstudien vollkommen hervorzugehen pflegt“. Dabei erprobte der Maler Carus in seiner Studie aus dem Weinberg bei Pillnitz mit rasch notierendem Pinsel nicht nur die Differenzierung unterschiedlicher Stofflichkeit und die Aufnahme wirklichkeitsnaher Farbigkeit, sondern er nahm die unterschiedlichen Augeneindrücke auch mit tendenziell abstrahierendem Blick auf. So werden die großen Weinblätter und die federgleichen Nadelbüschel als Formvokabeln in vielfacher Wiederholung einander gegenübergestellt, und die vertikale Parallelschraffur der Spalierstäbe scheint in dem nahezu quadratischen Bildformat durch eine horizontale Schichtung der Wolkenballungen aufgefangen zu sein. Der Arzt und Naturwissenschaftler, Schriftsteller und Philosoph Carl Gustav Carus, ein „Universalgelehrter“ noch im Sinne Goethes und Alexander von Humboldts, war Künstler eigentlich nur im Nebenberuf und gehörte doch auch auf diesem Gebiet zu den besten Kräften seiner Zeit. Dabei ist er an Innovation und künstlerischer Originalität manchem Kollegen im Hauptberuf weit überlegen gewesen. Für Carus gehörte das Malen und Zeichnen wie die vielfältigen anderen Tätigkeiten seiner beruflichen Laufbahn zum ganzheitlichen Entwurf eines gelingenden Lebens. So resümierte er 1827 in einem Brief, der von den zahlreichen täglichen Arbeitsbelastungen berichtete: „Bei alle dem will doch mitunter zum Zeichnen im Freien und zum Malen Zeit gefunden werden – und sie findet sich.“ Gerd Spitzer Carl Gustav Carus (Leipzig 1789 – 1869 Dresden) Vinyard in Pillnitz in early summer. Circa 1830/40 Oil on light cardboard. 12,5 × 11,9 cm ( 4 ⅞ × 4 ⅝ in.). On the wood back board an old label, inscribed in pen in black: Ruine zu Pillnitz. There too label numbered in pencil: G. [under the signet of a crown] Cap. B. Raum [IX] Nr. [289]. Not in the catalogue raisonné by Prause (see Prause 287). – Accompanied by a confirmation by Prof. Dr. Hans Joachim Neidhardt, Dresden, dated 31 March 2017.– [3063] Provenienz: King Georg of Saxony (until 1904) (?) / private collection, Dresden (acquired after 1945, thence by descent to the present owner)
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Art du XIXe
10719 Berlin - Allemagne
31/05/2017
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