Lot 29
Christian Schad (1894 Miesbach – 1982 Stuttgart)
„Suzy“. 1917
Öl auf Leinwand. 46,2 × 38,3 cm ( 18 ¼ × 15 ⅛ in.). Oben rechts signiert: SCHAD. Auf dem Keilrahmen oben nachträglich mit Filzstift in Braun betitelt und signiert: SUZY 1917.
Ratzka 17.–
[3544]
Provenienz: Nikolaus Schad, Wien (bis 2007)
Ausstellung: Christian Schad, Peintures et Gravures. Genf, Atelier Christian Schad, 1917, Kat.-Nr. 10 (Titel: Portrait de Mme S.V.) / Christian Schad 1894-1982. Trier, Städtisches Museum, 1971 / Christian Schad 1894–1982. Passau, Oberhausmuseum der Stadt, 1989-1990 / Christian Schad. Die späten Jahre (1942-1982). Aschaffenburg, Galerie der Stadt; Passau, Museum Moderner Kunst und Wilhelmshaven, Kunsthalle, 1994 (nicht im Kat.) / Christian Schad 1894-1982. Ein weltberühmter Sohn kehrt heim. Miesbach, Waitzinger Keller, 1999, Kat.-Nr. 5, S. 90 / Christian Schad. Die Magien des Realen: Bilder, Grafik, Schadographien aus dem Nachlass. Salzburg, Rupertinum, Museum für moderne Kunst, 2002 / Christian Schad. Retro-spektive. Leben und Werk im Kontext. Wien, Leopold Museum, 2008-2009, Kat.-Nr. 14 mit Abb. S. 81
Literatur und Abbildung: A. Heesemann-Wilson: Christian Schad, Expressionist, Dadaist und Maler der Neuen Sachlichkeit. Leben und Werk bis 1945, Phil. Diss., Universität Göttingen, 1978, Kat.-Nr. 24, S. 258 / B. Mirabile, Realismo e Visionarietà nell‘Arte di Christian Schad 1894-1982, Diss., Rom, 1996, Kat.-Nr. 17, S. 335
1917, als Christian Schad das Portrait „Suzy“ malte, lagen aufregende Zeiten hinter ihm. Er hatte Deutschland verlassen, war in die Schweiz geflohen und hatte sich in Zürich einem Kreis von Exilrussen um Madame M. Kogan-Ducas angeschlossen. Hier machte er die Bekanntschaft von Rudolf Serner, Hugo Ball und Hans Arp. Und hier begegnete er auch Suzy. Schon bald zogen sie nach Genf. Als er dann in der gemeinsamen Wohnung an der Avenue Wendt 38 im Juli eine Ausstellung präsentierte, war ihr ausdrucksstarkes Portrait erstmals zu sehen.
Eingebettet in eine nahezu abstrakte Fläche pastoser Pinselstriche, konzentriert der Maler sich ganz auf das Gesicht der jungen Frau. Alles andere tritt zurück. Keine Pose, keine üppige Präsentation in aufwendiger Kleidung, kein Farbenrausch. Der Maler zielt auf die Durchdringung des Geheimnisses, das sich fern, unzugänglich und auch schutzbedürftig in einem Mysterium aus Licht und Schatten, Schwarz und Weiß verbirgt. Die kubistisch zersplitterten Gestaltungselemente der Jahre zuvor mit ihren scharfen Kanten und Spiegelungen sind einer ruhigeren Diktion gewichen. Der Maler bemüht sich um die innere Berührung, die inspirierende Aufnahme dessen, was ihm entgegengebracht wird in den Augen einer uns Unbekannten. Zugleich ist 1917 das Jahr, in welchem die Anfänge liegen zu jener „sachlichen“ Bildsprache, die dem distanzierten, unerbittlich sezierenden Menschenkenner Schad den Titel einbrachte: „der Maler mit dem Skalpell“. Sein Gemälde „Sonja (Max Herrmann-Neiße im Hintergrund)“ von 1928 – gleichsam ein Gegenbild zu „Suzy“ – schließt diese Entwicklung. Ist „Suzy“ umgeben von der Zuwendung des Malers, von beiderseitiger Vertrautheit und Nähe, so verkörpert „Sonja“ den Typ der selbstbewußt auftretenden Frau, die sich fremd und abweisend, fast herablassend präsentiert, sich behauptet und kalt durchsetzt, gerade auch gegen den Mann.
1917: Im Jahr der ersten Anklänge dieses Wendepunktes entstanden nur elf Gemälde, von denen vier verschollen sind. Drei weitere wurden zerstört. Ein Gemälde (Werknummer 10) gehört heute zum Bestand der Gore Rifkind Collection, Beverly Hills; ein weiteres (Werknummer 11) zur Sammlung des Kunsthauses Zürich. Das hier vorliegende Gemälde befand sich lange im Besitz des Schad-Sohnes Nikolaus (geb. 1924) aus der Ehe mit Marcella Arcangeli. Es schließt eine Lücke in dem, was wir über den Hauptvertreter der Neuen Sachlichkeit wissen. Ein Schlüsselbild, das offenlegt, welchen Weg Christian Schad ging, bis er der wurde, als der er in der Kunstgeschichte gesehen wird. Hans Kinkel fand den treffenden Code für sein Werk: „Ein [...] Panorama [...] mit Gesichtern und Gesichten einer turbulenten Epoche“, in dem „ein extrem dissonantes Lebenswerk entstand, das ein vitaler, geistreicher, wandlungsfähiger Einzelgänger am Rande der offiziellen Kunstszene etabliert hat“. Gerd Presler
Christian Schad (1894 Miesbach – 1982 Stuttgart)
„Suzy“. 1917
Oil on canvas. 46,2 × 38,3 cm ( 18 ¼ × 15 ⅛ in.). Signed upper right: SCHAD. On the upper stretcher bar titled and signed in brown felt-tip pen at a later date: SUZY 1917.
Ratzka 17.–
[3544]
Provenienz: Nikolaus Schad, Vienna (until 2007)
Ausstellung: Christian Schad, Peintures et Gravures. Genf, Atelier Christian Schad, 1917, cat. no. 10 (title: Portrait de Mme S.V.) / Christian Schad 1894-1982. Trier, Städtisches Museum, 1971 / Christian Schad 1894–1982. Passau, Oberhausmuseum der Stadt, 1989-1990 / Christian Schad. Die späten Jahre (1942-1982). Aschaffenburg, Galerie der Stadt; Passau, Museum Moderner Kunst and Wilhelmshaven, Kunsthalle, 1994 (not in cat.) / Christian Schad 1894-1982. Ein weltberühmter Sohn kehrt heim. Miesbach, Waitzinger Keller, 1999, cat. no. 5, S. 90 / Christian Schad. Die Magien des Realen: Bilder, Grafik, Schadographien aus dem Nachlass. Salzburg, Rupertinum, Museum für moderne Kunst, 2002 / Christian Schad. Retrospektive. Leben und Werk im Kontext. Vienna, Leopold Museum, 2008-2009, cat. no. 14 with ill. p. 81
Literatur und Abbildung: A. Heesemann-Wilson: Christian Schad, Expressionist, Dadaist und Maler der Neuen Sachlichkeit. Leben und Werk bis 1945, Phil. Diss., Universität Göttingen, 1978, cat. no. 24, p. 258 / B. Mirabile, Realismo e Visionarietà nell‘Arte di Christian Schad 1894-1982, Diss., Rom, 1996, cat. no. 17, p. 335
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