Lot 231
David Roentgen (Herrnhaag 1743 – 1807 Wiesbaden)
Tisch mit dem Profilbildnis von Landgraf Friedrich II. Hessen-Kassel (1720–1785). 1770/75
Ahorn, Buchsbaum, Rüster und diverse Edelhölzer auf Eiche furniert; Marketerien z.T. aus gefärbtem Ahornholz; Bronzebeschläge, ziseliert, feuervergoldet. 72,5 × 57 × 47 cm ( 28 ½ × 22 ½ × 18 ½ in.). Auf der Unterseite zwei Etiketten mit Tinte beschriftet: Coll. J... / Salon... / Mit Fettstift beschriftet: Roux.
Restaurierungen um 1900 an der Platte, Parkettfurniere teilsweise sehr dünnn der Schublade sog. Kleisterpapier, das wohl von den Herrnhutern in Neuwied angefertigt wurde. Schlüssel vorhanden. [3248]
Provenienz: Bis 1912 Sammlung des Modedesigners Jacques Doucet (1853–1929), Paris / Vor 1936 Sammlung Paul Roux, Paris (jedoch nicht in der Auktion vom 14. Dezember 1936) / 1991 Kunsthandel Otto von Mitzlaff, Wächtersbach / Privatsammlung, München
Literatur und Abbildung: Auktion: Collection Jacques Doucet. Paris, Galerie Georges Petit, 7.–8. Januar 1912, Kat.-Nr. 324 (FF 23,000) / Seymour de Ricci: Louis XVI. Furniture. Stuttgart, 1913, S. 92 / Adolf Feulner: Kunstgeschichte des Möbels. Berlin, 1927, S. 721 / Hans Huth: Abraham und David Roentgen und ihre Neuwieder Möbelwerkstatt. Berlin, 1928, Abb. S. 83 / Josef Maria Greber: Abraham und David Roentgen. Möbel für Europa. Starnberg, 1980, Bd. 1, S. 230, Bd. 2, Abb. 605, 606 / Auktion: New York, Christie's, 25. Oktober 1991, Kat.-Nr. 204, S. 126f. / Weltkunst, Jg. 63 (1993), S. 2540 / Dietrich Fabian: Abraham und David Roentgen. Bad Neustadt an der Saale, 1996, S. 244, Abb. 555, S. 52–54, 91f
Nur in ganz wenigen Fällen ist es möglich, ein Möbel seit über hundert Jahren in der Literatur kontinuierlich dokumentiert zu finden. Dieser besondere Einzelfall betrifft den hier vorgestellten Tisch von David Roentgen, der seit seiner ersten Abbildung im Katalog zur Versteigerung der Sammlung des Pariser Modeschöpfers Jacques Doucet im Jahr 1912 bekannt ist, als er bereits mit dem Werk der Neuwieder Werkstatt in Verbindung gebracht wurde. In der Sammlung Jacques Doucet befanden sich insgesamt drei Stücke von Roentgen: ein großer Rollschreibtisch, ein ovaler Tisch und eben der hier vorgestellte. Die für unseren Tisch verwendeten Furnierhölzer und Motive der Marketerie weisen eine Anzahl von Analogien mit den Großen Schreibsekretären auf, die von David Roentgen zwischen 1776 und 1779 an den Statthalter nach Brüssel sowie an die Königshäuser nach Berlin und Versailles geliefert wurden.
Der Tisch ist ein singuläres Stück im Schaffen der Werkstatt von David Roentgen. Wenngleich er nicht signiert ist, lassen das Modell, die verwendete Technik, die Marketerie und die Bronzen den Tisch eindeutig als Werk David Roentgens identifizieren. Innerhalb der Chronologie der Werkstatt ist der Tisch der mittleren Phase der Produktion zuzuordnen, bevor die bildhafte Marketerie aufgegeben wurde und bevorzugt ausgewählte Mahagonihölzer als Furnier Verwendung fanden. Die in Neuwied hergestellten Möbel zeichnen sich durch Marketerien aus heimischen Laub- und Obstbaumhölzern aus. Nachdem David Roentgen bereits 1774 Paris besucht hatte, war es ein erneuter Aufenthalt in der französischen Hauptstadt im Jahr 1779, der kurz darauf zur Gründung einer Werkstatt auch in Paris führte. Nachdem Roentgen dort zunächst im Geschäft eines Spiegelhändlers ausgestellt und verkauft hatte, wurde der Druck der Pariser Tischlerzunft bald so stark, dass er 1781 selbst das Meisterrecht in Paris erwarb. Später kam es dann zur Gründung der eigenen Pariser Filiale des Unternehmen von Roentgen unter der Leitung von Gottlieb Frost (1746–1814, Meister ab 1785).
Die Platte unseres Tisches ist durch schmale Rahmenlinien gegliedert, deren Ecken von Scheiben markiert sind. Innerhalb des Rahmens führen radial zur Mitte verlaufende Linien zum Zentrum der Tischplatte mit dem Porträt. Die darunter liegende Marketerie der Tischplatte ist von einem schachbrettartigen Muster bestimmt, das den Vergleich mit einem perspektivisch verlegten Parkettfußboden erlaubt. Geometrische Muster und Kuben finden sich auf einer Anzahl von Möbeln bereits im früheren Werk der Werkstatt (Fabian Kat.-Nr. 136, S. 75). Das spezifische Motiv des hier vorgestellten Tisches lässt sich im Werk Roentgens ebenfalls auf der Innenseite der Schreibklappe des Großen Schreibschranks für König Ludwig XVI. ausmachen (Koeppe Kat.-Nr. 37, S. 144).
Perspektivisch verlegte Parkettfußböden mit Würfelmuster waren eine Spezialität des Tischlerhandwerks in Deutschland. Im 18. Jahrhundert verwendete etwa auch der aus dem Aachener Raum stammende Jean-François Oeben das Motiv perspektivisch dargestellter Kuben als primäres Gestaltungselement der Oberflächen für einige seiner besten Möbel. Im Frühwerk David Roentgens spielen perspektivisch dargestellte Parkettfußböden auf dem Schreibtisch des Rijksmuseums (Koeppe Kat.-Nr. 12, S. 79) eine Rolle. Im späteren Werk tauchen sie, eine Bühne darstellend, auf den mittleren Tafeln von drei Kommoden auf (Victoria & Albert Museum, Metropolitan Museum, Bayerisches Nationalmuseum). Ein Tisch von Roentgen, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Paris versteigert wurde, zeigt ebenfalls die perspektivische Darstellung eines Innenraums. Hier sieht man auf dem Parkett ein Podest, auf dem mittig ein Tisch mit königlichen Insignien steht (Fabian Kat.-Nr. 169, S. 84).
Die Verwendung neoklassizistischer Motive wie Akanthusblatt und Lorbeerfestons lässt sich im Werk David Roentgens erstmals unter dem Einfluss des Architekten Friedrich von Erdmannsdorff in den frühen 1770er Jahren für die von Roentgen für Wörlitz angefertigten Möbel nachweisen. Bemerkenswert in dieser Hinsicht sind die Rahmenleisten auf Zarge und Platte unseres Tisches. Auf den Ecken der Zarge und den konzentrisch um das Porträt angeordneten Feldern der Tischplatte sieht man in Marketerie ausgeführte, von Schleifenbändern gehaltene Lorbeerfestons, die an Scheiben aufgehängt sind. Waren solche Motive vor Etablierung der engen Pariser Geschäftsverbindung noch in Marketerie ausgeführt, so wurden sie später für mit Mahagoni furnierte Möbel als Relief in vergoldeter Bronze angebracht, diese stammten seit 1775 meist aus der Werkstatt des Bronziers François Rémond. Die Formen des ovalen Schlossbeschlags und der Bronzen der Tischbeine unseres Möbels sprechen für diese Herkunft. Der Beschlag am oberen Ende der Tischbeine zeigt einen Ring und ein halbes Akanthusblatt, dessen Modell auch eine Kassette ziert, die nachweislich von der Comtesse de Provence erworben wurde (Koeppe Kat.-Nr. 40, S. 152).
Wer im Porträt auf der Tischplatte abgebildet ist, wird unterschiedlich interpretiert. Von Huth bereits 1927 als König Friedrich Wilhelm II. von Preußen identifiziert, wird das Profilbildnis in jüngerer Zeit auch als Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel gelesen. Die Argumentation stützt sich dabei auf die Tatsache, dass der Landgraf Träger des englischen Hosenbandordens war, den man auf der Uniform des Dargestellten sehen kann, dass König Friedrich Wilhelm II. jedoch nicht mit diesem Orden dekoriert war. Der Landgraf von Hessen-Kassel ist zudem als Auftraggeber der Werkstatt Roentgens nachweisbar. Sein Porträt ist jedenfalls von französischen Vignetten oder Medaillenporträts, vielleicht von Nicolas Cochin, beeinflusst – was als weiterer Hinweis auf die direkte Assimilation der besten und modernsten Vorlagen des europäischen Umfelds für das für den höfischen Markt konzipierte Möbel verstanden werden muss.
Es handelt sich beim Roentgen-Tisch um ein besonderes Einzelstück im Werk des Kunsttischlers, das als Beispiel eines Kleinmöbels der mittleren Periode im Werk angesetzt werden kann, bevor die meisterhaften Marketeriebilder in der folgenden Zeit durch besonders qualitätvolle Mahagonifurniere ersetzt wurden, die das Spätwerk bestimmten. Der Tisch veranschaulicht auf einzigartige Weise die ehrgeizigen Bestrebungen, die zu dem großen wirtschaftlichen Erfolg der Kunstmöbel des David Roentgen in höchsten europäischen Adelskreisen geführt haben.
Ulrich Leben, Paris
Vergleichsabbildung: J. H. Tischbein d.Ä.: Friedrich II., Landgraf von Hessen-Kassel, DHM Berlin
Vergleichsliteratur: Wolfram Koeppe: Extravagant Inventions. The Princely Furniture of the Roentgens. Ausst.-Kat., New York 2012 / Christian Baulez: David Roentgen et François Rémond, Une collaboration majeure dans l’histoire du mobilier européen. In: L’Estampille-L’Objet d’Art, Jg. 1996, Nr. 305, S. 96–119
David Roentgen (Herrnhaag 1743 – 1807 Wiesbaden)
Table with the profile portrait of Friedrich II., Landgrave of Hessen-Kassel (1720–1785). 1770/75
Maple, boxwood, elm and various precious woods veneered onto oak; marquetry partially from coloured maple; bronze fittings, chased, gilt. 72,5 × 57 × 47 cm ( 28 ½ × 22 ½ × 18 ½ in.). On the underside two labels, inscribed in ink: Coll. J... / Salon... / . Inscribed with grease pencil: Roux.
Repairs to the table top dating from around 1900, parquet veneer in places very thin. In the drawer the so-called "Kleisterpapier", presumably prepared by the Herrnhutern in Neuwied. With key. [3248]
Provenienz: Until 1912 collection of the fashion designer Jacques Doucet (1853–1929), Paris / before 1936 collection Paul Roux, Paris (although not in the auction of 14 December 1936) / 1991 Kunsthandel Otto von Mitzlaff, Wächtersbach / Private collection, Munich
Literatur und Abbildung: Auction: Collection Jacques Doucet. Paris, Galerie Georges Petit, 7.–8 January 1912, cat. no. 324 (FF 23,000) / Seymour de Ricci: Louis XVI. Furniture. Stuttgart, 1913, p. 92 / Adolf Feulner: Kunstgeschichte des Möbels. Berlin, 1927, p. 721 / Hans Huth: Abraham und David Roentgen und ihre Neuwieder Möbelwerkstatt. Berlin, 1928, ill. p. 83 / Josef Maria Greber: Abraham und David Roentgen. Möbel für Europa. Starnberg, 1980, vol. 1, p. 230, part 2, ill. 605, 606 / Auction: New York, Christie's, 25 October 1991, cat. no. 204, p. 126f. / Weltkunst, vol. 63 (1993), p. 2540 / Dietrich Fabian: Abraham und David Roentgen. Bad Neustadt an der Saale, 1996, p. 244, ill. 555, p. 52–54, 91f
Comparable illustration: J. H. Tischbein d.Ä.: Friedrich II., Landgraf von Hessen-Kassel, DHM Berlin
Related literature: Wolfram Koeppe: Extravagant Inventions. The Princely Furniture of the Roentgens. exh. cat., New York 2012 / Christian Baulez: David Roentgen et François Rémond, Une collaboration majeure dans l’histoire du mobilier européen. In: L’Estampille-L’Objet d’Art, 1996, no. 305, p. 96–119
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