Lot 437
Dresdner Hoftischler (18. Jahrhundert) Paar Pfeilerkommoden mit reicher floraler Marketerie – im Stil der Brüder Johann Friedrich (1726–1793) und Heinrich Wilhelm Spindler (1738–1788). Um 1755/60 Marketerie in Palisander, Buchsbaum, Zeder, Ahorn, teilweise in Eisenchlorid gefärbt, brandschattiert und graviert; Korpus in Kiefer; Schübe in Buche; Bronzebeschläge, feuervergoldet; Eisenschlösser; Schlüssel. Je 83 × 72 × 52,5 cm ( 32 ⅝ × 28 ⅜ × 20 ⅝ in.). [3244] Provenienz: 2009 Privatsammlung, England / Privatsammlung, Saarland Literatur und Abbildung: Auktionskatalog: Important European Furniture, Sculpture and Clocks, Christie’s, London, 9. Juli 2009, Los 141 (hier Johann Friedrich und Heinrich Wilhelm Spindler zugeschrieben) Der Dresdner Hof unter Kurfürst Friedrich August II. (1696–1763) glänzte bei Festlichkeiten, Bau- und Gartenkunst, Meissener Porzellan und auch Möbeln, die aus den besten Hofwerkstätten der sächsischen Residenzhauptstadt stammten. Hier verbanden sich Einflüsse aus ganz Europa, denn in Dresden war man mit den „neuesten französischen und englischen Manieren und Dessins besonders wohl erfahren“ (zit. nach Haase 1983, S. 143), wie es 1750 über einen Dresdner Kunsttischler hieß. Nach Paris, dem Zentrum der eleganten höfischen Möbel des 18. Jahrhunderts, bestand auch eine dynastische Verbindung, denn eine Tochter des sächsischen Kurfürsten, Prinzessin Maria Josepha (1731–1767), war seit 1747 mit dem französischen Kronprinzen vermählt. Zudem ließ der in Staats- und Kunstsachen allmächtige kursächsische Minister Graf Heinrich von Brühl (1700–1763) Mobiliar aus Paris kommen, das den heimischen Ebenisten als „Models“ ihrer eigenen Schöpfungen diente. Das auf Wunsch von Graf Brühl in der Manufaktur Meissen hergestellte Schwanenservice wurde auch mit seiner Lust an den Schwüngen der Rocaille, dem Spiel von Blüten und Festons, exotischem Getier in überreichen Dekorationen zu einem Höhepunkt des Dresdner Rokoko, das auch die Möbel aus den Werkstätten der Dresdner Hoftischler zeigen. Seit den späten 1740er Jahren veränderten sich deshalb auch die Formen der Möbel, die für den sächsischen Hof gefertigt wurden. Der Bewegungsfluß der Möbel wurde stärker betont und alle Elemente sind homogen zu einem Ganzen verschliffen. Front und Seiten der Kastenmöbel wurden durch konkave und konvexe Schweifungen durchdrungen. Ganz nach den französischen Vorbildern wuchs alles aus allem und wurden die so bewegten Oberflächen durch die „Einführung neuer und variantenreicher Formen der Oberflächenveredelung“ (Haase 1983, S. 147) gestaltet. Auch unser Kommodenpaar verband diese „neue“ Mode: Vom Typus der schmalen, hochbeinigen Pfeilerkommode aus Frankreich ausgehend, wurden deren bombierte Schauseiten ganzflächig mit aufwändigen Marketerien überzogen. Blütenfestons aus eingefärbten und teilweise brandschattierten Hölzern verschleifen die eigentlich durch zwei Schübe geteilten (Fronten) zu einem einheitlichen Frontfeld. Wie scheinbar aus den Bronzebeschlägen erwachsend, werden die Maketerie-Bouquets von parallel zu den Kanten geführten Bandschwüngen gerahmt. Diese bilden mit ihren gegeneinander laufenden Endschwüngen ein typisches Charakteristikum der wenigen bekannten Dresdner Blütenmarketeriemöbel. Auf den Möbelseiten sind Blütendekore aus vor allem heimischen Blumen an diesen Endschwüngen kunstvoll aufgehängt. Auf den ebenfalls marketierten Deckplatten der Kommoden thronen hingegen über der Blütenpracht exotische Kranichwesen, die wohl auf eine weitere Inspirationsquelle der Dresdner Blütenmarketerien hinweisen: auf die Brüder Spindler aus Bayreuth. Denn dort schufen die Ebenisten Johann Friedrich (1726–1793) und Heinrich Wilhelm Spindler (1738–1788) für Markgräfin Wilhelmine einzigartige Marketerieschöpfungen, die zu dieser Zeit auch Möbel in anderen Residenzen beeinflußt haben. Seit den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts waren die beiden Spindlerbrüder dann am preußischen Hof in Potsdam und Berlin tätig. In Dresden sind verschiedene Kommoden mit solchen beeinflußten Blütenmarketerien nachweisbar, die bisher fast immer der Spindler-Werkstatt zugeschrieben wurden – so zum Beispiel auch unser Kommodenpaar 2009 bei der Christie’s-Versteigerung in London. Die hervorragende Qualität dieser beiden prachtvollen Kommoden, einschließlich der Vollkommenheit ihrer Proportionen sowie die einzigartige florale Marketerie in einer zart bewegten Bandeinfassung belegen jedoch mit Sicherheit, daß es sich um eine Auftragsarbeit eines Dresdner Hofebenisten für eines der kurfürstlich-sächsischen Schlösser oder Palais handelt. SK Vergleichsobjekte Kommodenpaar mit Blütenmarketerie in feiner doppelter C-Schwung-Rahmung; ehem. Residenzschloß Dresden (Kaiserzimmer) / Paar höfische Dresdner Kommoden, um 1760, im Kunsthandel Mühlbauer, Schloß Schönburg Vergleichsliteratur: Gisela Haase: Dresdner Möbel des 18. Jahrhunderts, Leipzig 1993, S. 147ff., Taf. 154, Kat.-Nr. 59, Taf. 158f, Kat.-Nr. 58 Wir danken Gisela Haase – ehemalige Direktorin des Kunstgewerbemuseums, Dresden für freundliche Hinweise. Dresden Court Carpenter (18th century) Pair of drawed commodes with rich floral marquetry – in the style of the brothers Johann Friedrich (1726–1793) and Heinrich Wilhelm Spindler (1738–1788). Circa 1755/60 Marquetry in palisander, boxwood, cedar, maple, partially coloured in iron chloride, fire shaded and engraved; body in pine; drawers in beech; bronze fittings, gilt; iron locks; key. Each 83 × 72 × 52,5 cm ( 32 ⅝ × 28 ⅜ × 20 ⅝ in.). [3244] Provenienz: 2009 private collection, England / private collection, Saarland Literatur und Abbildung: Auktionskatalog: Important European Furniture, Sculpture and Clocks, Christie’s, London, 9. Juli 2009, Los 141 (hier Johann Friedrich und Heinrich Wilhelm Spindler zugeschrieben) Comparable object: Pair of commodes with floral marquetry in a fine double-C frame, formerly Residenzschloß Dresden (Kaiserzimmer) / Pair of courtly Dresden commodes, circa 1760, art dealership Mühlbauer, Schloß Schönburg Related literature: Gisela Haase: Dresdner Möbel des 18. Jahrhunderts, Leipzig 1993, p. 147ff., pl. 154, cat. no. 59, pl. 158f, cat. no. 58 We would like to thank Gisela Haase, former director of the Kunstgewerbemuseum, Dresden for her kind assistance
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Catalogue
Orangerie. Objets Choisies
10719 Berlin - Allemagne
26/11/2015
Proposé par Grisebach
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