Lot 20
Emil Nolde (Nolde 1867 – 1956 Seebüll)
Künstlerin. Um 1911
Aquarell und Tuschpinsel auf Japan, in den Ecken und am rechten Rand auf Karton montiert. 26,7 × 14,8 cm ( 10 ½ × 5 ⅞ in.). Oben rechts mit Feder in Schwarz signiert: Nolde.
[3024]
Provenienz: Privatsammlung, Luxemburg (1953 vom Künstler erworben, seitdem in Familienbesitz)
Die Marschlandschaft seiner Heimat Nordfriesland und die Metropole Berlin waren die Pole, zwischen denen sich das Leben von Emil Nolde und seiner Frau Ada abspielte. Der Frühling und die warmen Sommermonate waren einem ländlichen Leben in stiller Zurückgezogenheit vorbehalten. Im Herbst reiste man in die lärmende Großstadt, weniger, um dem rauen Nordseeklima zu entfliehen, als um hier Kontakte zu Gleichgesinnten zu pflegen und den Bilderverkauf anzukurbeln. Nolde berichtet: „Im Herbst zogen wir wie die Landleute zur Großstadt, uns dauernd putzen, recken und strecken müssend, damit Kellner und Ladenmädchen sich uns nicht gar zu überlegen schienen.“ Im Frühling mussten sie dann „unvermeidlich angenommene städtische Äußerlichkeiten“ abstreifen, um „wieder harmlose Naturmenschen“ zu sein. (Zit. nach: Emil Nolde: Jahre der Kämpfe. Köln, 5. Aufl. 1985, S. 131f.)
1889 lässt sich der gerade 22-jährige Holzbildhauer und Zeichner Emil Hansen – wie er zu der Zeit noch heißt – zum ersten Mal für zwei Jahre in Berlin nieder. Nach anfänglicher Euphorie stellt sich jedoch rasch Ernüchterung ein. Der junge Mann empfindet die Großstadt als Ort der Dekadenz, wo menschliche Entwurzelung in Einsamkeit, Depression, Vergnügungs- und Drogensucht mündet. Erleichtert nimmt er deshalb im Januar 1892 eine Stelle als Fachlehrer für Zeichnen am Industrie- und Gewerbemuseum im schweizerischen St. Gallen an. Ab dem Jahr 1905 verbringt das Ehepaar Nolde die Wintermonate allerdings wieder regelmäßig in Berlin. Zunächst wohnt man in gemieteten Zimmern und Pensionen, später in einer kleinen Zweizimmerwohnung in Friedenau. 1910 ziehen die beiden in ein repräsentativeres Wohnatelier in der Tauentzienstraße 8, das für neunzehn Jahre das Berliner Heim der Noldes werden sollte. Spätestens jetzt ist die Stadt für Emil Nolde die notwendige Gegenwelt, die ihn fasziniert, die seine künstlerische Persönlichkeit als Anregung verlangt. Noch im Winter 1910/11 folgt eine intensive Auseinandersetzung mit der bunten Exotik des Berliner Nachtlebens: „Ein starker Betätigungsdrang hatte sich meiner bemächtigt“, erinnerte sich der Künstler. (ebda., S. 147).
„Allabendlich um elf zog ich meine dunkle Hose an und auch den schwarzen St. Galler Frack, der nun bald historisch war. Meine Ada ebenfalls zog ihr bestes Kleid an, und wir gingen auf Maskenbälle, in die Kabaretts, in den Eispalast.“ Das alles wirkte auf den Maler sehr produktiv: „Ich zeichnete und zeichnete, das Licht der Säle, den Oberflächenflitter, die Menschen alle, ob schlecht oder recht, ob Halbwelt oder ganz verdorben, ich zeichnete diese Kehrseite des Lebens mit seiner Schminke, mit seinem glitschigen Schmutz und dem Verderb.“ (Ebda., S. 147)
Die Ausbeute dieser „Expeditionen“ waren siebzehn Ölbilder, mehr als dreihundert Aquarelle und Tuschpinselzeichnungen sowie einige Radierungen und Lithographien. Nolde selbst erkannte: „Meine Bilder, welche nach den Beobachtungen und Nachtzeichnungen diesen Winters entstanden, wurden anders als vorher und nachher, sie waren […] alle in starkem Licht und Farbenkontrasten die ungewöhnlichen und eleganten Typen weltlich scharf und momentan erfassend.“ (Ebda., S. 148)
Unsere drei Aquarelle von Emil Nolde aus dieser Schaffensphase (Lose 20–22) könnten unterschiedlicher kaum sein. Das schlicht mit „Künstlerin“ betitelte, auffallend dunkel gehaltene erste Blatt zeigt eine Tänzerin auf einer Cabaret-Bühne. Die schlanke Frau trägt ein grünes Korsett über einem knöchellangen orange-roten Rock. Ihre hochgesteckte, voluminöse Frisur umschließt den Kopf wie eine dunkelbraune Haube. Ihre Hände sind vor der Brust verschränkt, die Ellenbogen in einer schwer deutbaren Geste weit vom Körper abgespreizt. Nolde gelingt es, die Vitalität und Impulsivität der Künstlerin in rasch gesetzten Pinselstrichen auf unnachahmliche Weise einzufangen. Zugleich arbeitet er ihr Gesicht und Details wie die breiten Ohrringe präzise mit der Tuschfeder aus, ohne hierbei jedoch Portraithaftigkeit anzustreben. Der von Dunkelblau zu Rotviolett changierende Hintergrund verleiht der Szene räumliche Tiefe. Darüber hinaus bildet er mit dem Kostüm der Tänzerin einen farblichen Dreiklang, der Temperament und Elan ihrer Aufführung zusätzlich betont.
Im Vergleich hierzu erscheint die auf unserem zweiten Aquarell wiedergegebene „Schauspielerin“ zart, fragil und introvertiert. Entsprechend leicht und luftig ist die Malerei gehalten, dominiert von dem intensiven Rot des Kleides und den leuchtenden Orangetönen im erneut diffusen Fond. Nur das tiefschwarze Haar und die grünen Augen der Schauspielerin, die den Betrachter unwiderstehlich in ihren Bann ziehen, durchbrechen dieses Farbschema. Ein filigranes Liniengeflecht aus dünnen Bleistiftstrichen umreißt frei die Konturen ihres Körpers. Der Rest erwächst spontan und instinktiv im freien, lustvollen Umgang mit den Aquarellfarben. Das Resultat ist frappierend: Wie einen geisterhaften Schemen lässt Nolde diese Frau vor uns erscheinen. Unnahbar und entrückt tritt sie vor uns und konfrontiert uns mit der eigenen Existenz.
Unser drittes Aquarell schließlich belegt Noldes großes Interesse an den schwer durchschaubaren Beziehungen und gegenseitigen Abhängigkeiten seiner Berliner Nachtschwärmer. Blicke werden verstohlen ausgetauscht, man taxiert sich und versucht, sein Gegenüber richtig einzuschätzen. Der Maler verwendet in seiner Biografie drastische Formulierungen wie „impotente Asphaltlöwen“ und „hektische Halbweltdamen“, schreibt von „Oberflächenflitter“, „glitschigem Schmutz und Verderb“ und bekennt abschließend: „Schwül war es manchmal in dieser Tiefe zwischen all den leichtsinnig glücklichen und unglücklichen Menschen. Ich zeichnete und zeichnete.“ (Ebda., S. 147f.)
„Im Café“ demonstriert eindrücklich Noldes meisterlichen Umgang mit Aquarellfarben und schwarzer Tusche während dieser rauschhaften Schaffensphasen im Nachtleben Berlins. Zunächst legen scheinbar frei gemalte Farbflächen die Grundstimmung eines jeden Bildes fest, gemäß Noldes Doktrin: „Eine Farbe bestimmt durch ihre Nähe das Ausstrahlen der Nachbarfarbe, genau so wie in der Musik der Ton im Akkord von seinem Nachbarton seine Klangwirkung erhält.“ (Ebda., S. 167.) In unserem Blatt bestimmen kalte Farben die Aura des Mannes, während seine Partnerin durch warme Rot- und Orangetöne gekennzeichnet ist. Einen reizvollen Akzent setzt ihr grünes Halstuch. Über dieses Grundgerüst gegensätzlicher Farbflächen ist dann mit traumwandlerischer Sicherheit eine schwarze Tuschzeichnung gelegt, ausgeführt mit Feder oder spitzem Pinsel. Nur wenige, aber dafür ungemein präzise gesetzte Striche genügen Nolde, um Blicke, Mimik und Körperhaltungen sprechen zu lassen und die Szene atmosphärisch aufzuladen. Ihm selbst war der Hang zur eindringlichen Beobachtung seiner Mitmenschen oft nicht geheuer, denn er bekannte: „Mich fesselten das Schillernde ihrer Charaktere und ihre wechselnden Seelenkämpfe. Ich sah ihre Leidenschaft in Höhen schwärmend, in Mystik träumend. Sie selbst wohl merkten dieses nicht, und hässlich ist, so objektiv beobachtet sein.“ (Ebda., S. 147.)
Emil Nolde (Nolde 1867 – 1956 Seebüll)
Künstlerin. Circa 1911
Watercolour and brush and India ink on Japan paper, mounted at corners and in the right margin onto cardboard. 26,7 × 14,8 cm ( 10 ½ × 5 ⅞ in.). Signed in pen and black ink upper right: Nolde.
[3024]
Provenienz: Private collection, Luxembourg (acquired in 1953 from the artist, thence by descent to the present owner)
Crédits photos : Contacter la maison de vente
Dessins, aquarelles et pastels
À propos de la vente
Retrouvez des lots similaires en vente sur Interencheres
Voir plus de lots en vente sur Interencheres
Estimation :4 000 € - 6 000 €
Live
14/06/2026
Proposé par Osenat
Estimation :800 € - 1 000 €
Live
19/06/2026
Proposé par GALERIE DE CHARTRES - GDC judiciaire - Mes GODY-BAUBAU, MAICHE, RIVIERE
Estimation :300 €
Live
19/06/2026
Proposé par OGER-BLANCHET
Estimation :450 € - 600 €
Live
28/06/2026
Proposé par Militaria auctions
Estimation :50 € - 80 €
Live
28/06/2026
Proposé par Militaria auctions