Lot 9
Emil Nolde (Nolde 1867 – 1956 Seebüll)
„Landungsbrücke im Winter“. 1902
Öl auf Leinwand. 57 × 70 cm ( 22 ½ × 27 ½ in.). Unten links signiert: HANSEN NOLDE. Auf dem Keilrahmen signiert und betitelt: Hansen Nolde Landungsbrücke im Winter.
Urban 96.–
Retuschen. [3663]
Provenienz: Hans Fehr, Leipzig (1903 erhalten als Geschenk des Künstlers) / Adolf M. Fehr, Winterthur / Privatsammlung, Süddeutschland / Privatsammlung, Norddeutschland
Ausstellung: Nordfriesische Kunstausstellung. Husum 1903, Kat.-Nr. 61 / Emil Nolde. Zürich, Kunsthaus, 1958, Kat.-Nr. 1
Literatur und Abbildung: Lagerkatalog: Moderne Kunst III. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen. Campione d'Italia, R. N. Ketterer, 1966, Kat.-Nr. 139, ganzseitige Abbildung S. 160
Die wirtschaftliche Situation des soeben vermählten Paares Emil und Ada Nolde war in den ersten Ehejahren desolat. Bilderverkäufe gab es so gut wie nicht, und auf das Zeichnen von Illustrationen für Zeitschriften wollte Nolde sich nicht mehr einlassen. Ada steuerte ihren Teil mit Webarbeiten nach Entwürfen Emil Noldes bei, doch reichte auch dies bei Weitem nicht aus. Hinzu kam die verständliche Scham, Familienangehörige um einen Zuschuss zu bitten, was zusätzlich zu Isolation und Abkapselung führte. Nolde bekannte in seiner Autobiografie „Mit unserem Glück und Elend lebten wir gar nicht viele Kilometer von meinen Verwandten entfernt, aber wir mieden während Jahren jede Begegnung, damit sie nicht sehen sollten, wie arm wir seien“ (Emil Nolde: Jahre der Kämpfe. Köln 1985, 5. Auflage, S. 45). In einem Brief schildert der Maler im Oktober 1904 seinem engsten Freund Hans Fehr die Situation mit schonungsloser Offenheit: „Bisher alle Tage habe ich meine Stunden gearbeitet, ich malte, bis mir die Sinne vergingen, - aber schön habe ich gemalt. Jetzt aber ging mein Material zu Ende und das Vierteljahr Kredit, das ich beim Farbenhändler erbeten, ist abgelaufen, demnächst erhalte ich seine Rechnung. Im Jahr 1903 betrug mein Verbrauch an Material 750 Mark. In diesem Jahr habe ich wohl jetzt schon mehr als diese Summe verbraucht, weil ich so intensiv und glücklich gearbeitet habe und so viele Bilder gerahmt und in Kisten gepackt verschickt werden mussten. Auch Dir, lieber Fehr, bin ich einen Betrag schuldig“ (Hans Fehr: Ein Buch der Freundschaft. Köln 1957, 1. Auflage, S. 36). Wie so oft unterstützte der junge Jurist Fehr auch diesmal seinen Freund und früheren Lehrer am Industrie- und Gewerbemuseum in St. Gallen, wie und wann immer es ihm finanziell möglich war. Ihm und seinen Zuwendungen in der größten Not ist es zu verdanken, dass Nolde diese schwierige Anfangsphase heil überstand und er seinen künstlerischen Weg bis zu den ersten zaghaften Verkaufserfolgen konsequent weitergehen konnte.
In dieser Zeit der Armut und Entbehrungen entstand das Gemälde „Landungsbrücke im Winter“. Dargestellt ist ein mit Schnee und Eis bedeckter Steg, der einige Meter vom Strand ins tiefere Wasser hineinführt und als Anlegestelle genutzt wird. Das grünlich-blau gefärbte Meer geht fast nahtlos in einen gleichfarbigen bedeckten Himmel über. Ein etwas hellerer Streifen am Horizont links lässt die Silhouette eines vorbeifahrenden Dampfers in weiter Ferne erkennen. Seine Rauchfahne löst sich allmählich im Dunst auf. Dieses Schiff und das von Salzwasser und Witterung zerfressene Bollwerk, das zur Verstärkung beiderseits des kleinen Damms senkrecht in die Erde getrieben wurde, sind die einzigen Hinweise auf die Existenz des Menschen.
Diese von Trostlosigkeit und eisiger Kälte geprägte Szenerie muss nicht notwendigerweise Ausdruck der geschilderten Lebenssituation Noldes sein, wenngleich diese fraglos bei der Bildfindung eine Rolle spielte. Vielmehr haben wir es hier mit einer der ersten Darstellungen des sogenannten Urmeeres zu tun, einem Motiv, das Nolde zeit seines Lebens beim Malen seiner dramatischen Seebilder vor dem inneren Auge hatte. Er beschrieb diese Faszination für alle „Erstheiten“ der Natur einmal mit den Worten: „Alles Ur- und Urwesenhaftes immer wieder fesselte meine Sinne. Das große, tosende Meer ist noch im Urzustand, der Wind, die Sonne, ja der Sternenhimmel wohl fast auch noch so, wie er vor fünfzigtausend Jahren war“ (Emil Nolde: Jahre der Kämpfe. Köln 1985, 5. Auflage, S. 197). Und im Hinblick auf die Menschheit fügt er mahnend hinzu: „Mit dem Verschwinden der Urzustände geht ein erster Abschnitt des Erdenseins vorüber. [...} Auf unserem Planeten können wir Menschen in unserem eigenen Sein einiges ein klein wenig aufhalten, anderes ein klein wenig beschleunigen, im Ganzen aber geht Vorwärtsentwicklung und Abstieg einzelner Völker als auch der ganzen Menschheit seinen unabänderlichen gemessenen Gang“ (Emil Nolde: Welt und Heimat. Köln 1965, 2. Auflage S. 107).
Das Gemälde „Landungsbrücke im Winter“ erhielt von Nolde zunächst den treffenderen Titel „Wintermeer“. Jedoch beschäftigte ihn das Motiv weiterhin, sodass 1903 eine zweite Fassung mit dem Titel „Wintermeer II“ entstand (Urban 127), welche im Jahr 1912 beim Brand des Hauses seiner Schwester vernichtet wurde. Zur besseren Unterscheidung nannte Nolde die Erstfassung „Landungsbrücke im Winter“, während die zweite nur noch schlicht „Wintermeer“ hieß. Noldes nächste Beschäftigung mit demselben Motiv datiert in das Jahr 1905, als sich der Maler entschloss, die „Wintermeer“-Gemälde auch als Radierung in kleinem Format erstehen zu lassen. Bedingt durch die Übertragung auf die Druckplatte, erscheint das Bild auf den insgesamt zwölf Druckexemplaren nun seitenverkehrt. Nur auf den ersten beiden Fassungen dieses Druckes, die mittels differenzierter Tonätzung einzelne Wolken amHimmel andeuten, ist der qualmende Dampfer am Horizont noch auszumachen. Die dritte und letzte Fassung hingegen weist Strichätzung auf der gesamten Bildfläche auf und lässt diesen unter den dichten Strichlagen verschwinden. Allerdings kommt der einheitlich gestaltete Himmel hier unserem Gemälde erheblich näher.
Die „Landungsbrücke im Winter“ war Ausgangspunkt für wichtige Weiterentwicklungen des „Urmeer“-Motivs und ermöglichte zahlreiche zentrale Werke im Schaffen Emil Noldes: An erster Stelle ist hier die Reihe der zwanzig Gemälde umfassenden „Herbstmeere“ aus den Jahren 1910 und 1911 zu nennen, die Nolde zur titelgebenden Jahreszeit in seinem kleinen Strandatelier auf Alsen malte. Hierbei handelt es sich nicht etwa um Bildvariationen oder eine theoretisch erarbeitete Sequenz, sondern um selbstständige Einzelwerke unterschiedlichster Art, angeregt durch das tägliche Naturerlebnis direkt vor den Augen des Malers.
Das Motiv der Landungsbrücke taucht 1910 vermehrt wieder in Noldes Schaffen auf. Während seines knapp dreiwöchigen Aufenthalts in Hamburg von Februar bis März entstanden neben elf Gemälden auch 23 Grafiken sowie zahlreiche großformatige Tuschpinselzeichnungen, die Betriebsamkeit, Hektik und Tosen des Hafenlebens treffend einfangen. Die Radierung „Hamburg, Landungsbrücke“ aus dieser Schaffensphase kommt unter diesen Arbeiten unserem früheren Gemälde am nächsten.
Emil Nolde machte unser Gemälde im Oktober 1903 Hans Fehr zum Geschenk, wo es in dessen Studierzimmer einen Ehrenplatz erhielt. So konnte der Maler sich auf seine Art für die zum Überleben so wichtigen Zuwendungen seines Freundes erkenntlich zeigen, ohne als Bittsteller zu erscheinen. Das Bild blieb lange Zeit in Besitz der Familie Fehr, auch wenn dessen Verkauf die „Schulden“ des mitt- lerweile weltbekannten Künstlers Emil Nolde um ein Vielfaches getilgt hätte.
AF
Emil Nolde (Nolde 1867 – 1956 Seebüll)
„Landungsbrücke im Winter“. 1902
Oil on canvas. 57 × 70 cm ( 22 ½ × 27 ½ in.). Signed lower left: HANSEN NOLDE. On the stretcher signed and titled: Hansen Nolde Landungsbrücke im Winter.
Urban 96.–
Retouchings. [3663]
Provenienz: Hans Fehr, Leipzig (1903 received as a gift from the artist) / Adolf M. Fehr, Winterthur / Private collection, Southern Germany / Private collection, Northern Germany
Ausstellung: Nordfriesische Kunstausstellung. Husum 1903, cat. no. 61 / Emil Nolde. Zurich, Kunsthaus, 1958, cat. no. 1
Literatur und Abbildung: Store catalogue: Moderne Kunst III. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen. Campione d'Italia, R. N. Ketterer, 1966, cat. no. 139, full-page ill. p. 160
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