Lot 167
Ernst Ludwig Kirchner (Aschaffenburg 1880 – 1938 Davos)
Frauenportrait (Erna Schilling). Um 1914/15
Kohle auf Papier. 46,5 × 41 cm ( 18 ¼ × 16 ⅛ in.). Unten rechts mit dem Nachlassstempel in Violett (Lugt 1570b) und der mit Tuschfeder in Schwarz eingetragenen Registriernummer: K Da/Bg 60.
Rückseitig: Sitzende Bauern beim Essen. 1920, Kreide. [3413]
Provenienz: Nachlass des Künstlers / Privatsammlung, Berlin (bis Anfang der 1990er-Jahre)
Ausstellung: Ernst Ludwig Kirchner. Berlin, Galerie Michael Haas, und Düsseldorf, Galerie Beck & Eggeling, 2010, S. 58, mit Abbildung
Aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Dargestellte auf der Vorderseite dieses Blattes Erna Schilling, Kirchners Lebensgefährtin, wie „der Vergleich mit anderen Arbeiten aus der Zeit nahelegt – und dürfte 1914/15 entstanden sein.“ Die auf der Rückseite dargestellten Bauern „sind die Söhne der Familie Müller, der die Hofgebäude ‚In den Lärchen‘ gehörten. Die Zeichnung ist die genaue Vorarbeit für den Holzschnitt ‚Mittagessen der Bauern‘, 1920, (Dube H 436) und das wichtige Gemälde ‚Bauernmittag‘, 1920, (Gordon 644), ehemals in der Hamburger Kunsthalle (und als entartet beschlagnahmt). Somit stammt die Zeichnung bestimmt aus dem Jahr 1920.“ (Günther Gercken in einem Brief an Bernd Schultz im Mai 2010).
Ernst Ludwig Kirchner lernte Erna Schilling schon bald nach seiner Ankunft in Berlin, im Oktober 1911, kennen, als er nach einem Modell suchte: „Ich fand eine kleine Tänzerin. Sie war sehr nett, gut gebaut. Wir hatten Sympathie für einander, und sie ging mit mir und lebte ganz bei mir. Ich vergesse nie die rührende Hingebung, die in der Bewegung lag, als ich ihr helfen wollte, die Bluse auszuziehen.“ Sie war anders als jene Frauen, die er in Dresden kennengelernt hatte: „Stärker und mutiger im Erleben. Sie gab sich vollkommen, innerlich und äußerlich.“ Und dann kam noch etwas hinzu, was für Kirchner entscheidend war: Sie regte ihn „zum Schaffen“ an, trieb ihn zu einer gestalterischen Bestimmtheit, „mit der ich ohne weiteres an die Spitze der damaligen Berliner Moderne treten konnte.“
Die vorliegende Kohlezeichnung nimmt diese feinen Züge einer von Hingabe, erstem Glück und einer leichten weiblichen Herausforderung durchwehten Begegnung auf. Erna hat den Kopf gesenkt. Ihr schmales Gesicht spiegelt die Nähe, die sie dem Schaffenden entgegenbringt. Der Künstler nimmt das auf, verdichtet es in einer knappen, dichten Zeichnung, fest in der Komposition, ungeheuer sicher im Strich. Das Blatt wird so zum Zeugnis für alles, was sie verband.
Gerd Presler, Weingarten
Wir danken Günther Gercken, Lütjensee, für wertvolle Hinweise.
Ernst Ludwig Kirchner (Aschaffenburg 1880 – 1938 Davos)
Frauenportrait (Erna Schilling). Circa 1914/15
Charcoal on paper. 46,5 × 41 cm ( 18 ¼ × 16 ⅛ in.). Estate stamp in violet (Lugt 1570b) and registry number inscribed in pen and black India ink lower right: K Da/Bg 60.
On the reverse: seated farmer at dinner. 1920, chalk. [3413]
Provenienz: Estate of the artist / Private Collection, Berlin (until the early 1990s)
Ausstellung: Ernst Ludwig Kirchner. Berlin, Galerie Michael Haas, and Düsseldorf, Galerie Beck & Eggeling, 2010, p. 58, with illustration
We would like to thank Günther Gercken, Lütjensee, for the valuable information provided.
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