Lot 43
Ernst Wilhelm Nay (Berlin 1902 – 1968 Köln)
„Selbstbildnis“. 1940
Öl auf Leinwand. 105 × 80,5 cm ( 41 ⅜ × 31 ¾ in.). Unten rechts signiert und datiert: EWNAy 40. Rückseitig mit Pinsel in Schwarz betitelt und zweifach datiert: Selbst Sept. 40. 40. Auf dem Keilrahmen mit Bleistift signiert und betitelt: E W Nay: Selbstportrait.
Scheibler 291.–
[3352]
Provenienz: Ehemals Karlheinz Gabler, Frankfurt a.M. (von 1974 bis 1994 als Leihgabe in den Staatlichen und Städtischen Kunstsammlungen Kassel, Neue Galerie)
Ausstellung: E. W. Nay. Berlin, Haus am Waldsee, 1952, Kat.-Nr. 61 / E. W. Nay. Bilder und Dokumente. Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum; München, Haus der Kunst; Leverkusen, Bayer AG, Erholungshaus; Ludwigshafen, Wilhelm-Hack-Museum; Kassel, Neue Galerie, 1980 / 81, Kat.-Nr. 15, Abb. 32 auf S. 76
Literatur und Abbildung: Elly Nay: Ein strahlendes Weiß – meine Zeit mit E. W. Nay. Berlin und Köln, Selbstverlag, 1984, Abb. S. 117
Als Expressionist hat er begonnen, denn die unerschrockene Direktheit der Brücke-Künstler beeindruckte den jungen Ernst Wilhelm Nay sehr. Deren Vorbild folgend, entstanden in den 1930er-Jahren Bilder von Fischern und Seeleuten in stark kontrastierenden, den Gegensatz von Hell und Dunkel erprobenden Werken. Nach einem Norwegenaufenthalt 1937, den Edvard Munch finanziell förderte, folgten auf den Lofoten gemalte Naturschilderungen. Ihr expressionistischer Farbenrausch festigte sich in der Folgezeit zu einem bereits in den Fischerbildern erkennbaren ordnenden Prinzip, das den Gegenstand allmählich verschwinden lässt. Der beginnende Nationalsozialismus und die Schreckensherrschaft eines Regimes, das die künstlerische Moderne nahezu auslöschte, schränkten Nays Wirken dramatisch ein, er erhielt Malverbot. Den Krieg überstand er als Luftwaffenhelfer in Frankreich, geschützt von Kunstfreunden, die seine Talente erkannten. Anfang der 1940er-Jahre entstanden mehrere Selbstbildnisse, „die allerdings mehr einer künstlerischen Idee über den menschlichen Kopf als dem Wunsch mich selbst darzustellen entsprungen sind.“ (E.W. Nay an Erich Mayer, 23.12.1940. Zit. nach: E.W. Nay. Bilder und Dokumente. München, 1980 S. 74)
Unser „Selbstbildnis“ verblüfft durch seine Vehemenz. Wenn weder Entstehungsjahr noch Urheber bekannt wären, könnte das Bild Beispiel einer neoexpressiven Figurenmalerei sein, wie sie vier Jahrzehnte später aufkam und sich mit dem Attribut „wild“ schmückte. Die Komposition ist von den militärischen Tarnfarben Braun, Ocker, Grün sowie etwas Dunkelblau bestimmt. Alle Formen sind eckig und kantig, selbst die Gesichtszüge und der weisende Gestus der Hand wirken wie holzgeschnitzt. Kraftvolle Linien und Konturen markieren Körper und Raum, Schraffuren verstärken die Dynamik. Deutlich betont ist der Blick aus scharfem Auge. Mit kraftvollem Pinsel modelliert Nay sein Gesicht, eine Seelenlandschaft in verworrenen Zeiten. Furcht, Getriebensein, Ungewissheit sprechen aus den vehement gesetzten Farben. Aber auch ein starker, aus der Kraft der Malerei erwachsenender Rhythmus ist wahrzunehmen. Er sollte das gesamte nachfolgende Schaffen des Künstlers bestimmen. Das „Selbstbildnis“ verschweigt die schrecklichen Kriegserfahrungen nicht, weist andererseits aber auf Nays Weg zu einer von der Farbe und ihren Werten geprägten Ausdruckskunst, die auf Gegenständliches verzichten kann. Andere Inhalte werden das spätere Œuvre bestimmen, die Kraft des Organischen und die Harmonie des Transzendenten. Beide klingen hier bereits an. EO
Ernst Wilhelm Nay (Berlin 1902 – 1968 Cologne)
„Selbstbildnis“. 1940
Oil on canvas. 105 × 80,5 cm ( 41 ⅜ × 31 ¾ in.). Signed and dated lower right: EWNAy 40. Titled with brush in black on the reverse and dated twice: Selbst Sept. 40. 40. On the stretcher signed and titled in pencil: E W Nay: Selbstportrait.
Scheibler 291.–
[3352]
Provenienz: Formerly Karlheinz Gabler, Frankfurt a.M. (from 1974 until 1994 as loan in the Staatlichen and Städtischen Kunstsammlungen Kassel, Neue Galerie)
Ausstellung: E. W. Nay. Berlin, Haus am Waldsee, 1952, cat. no. 61 / E. W. Nay. Bilder und Dokumente. Nuremberg, Germanisches Nationalmuseum; Munich, Haus der Kunst; Leverkusen, Bayer AG, Erholungshaus; Ludwigshafen, Wilhelm-Hack-Museum; Kassel, Neue Galerie, 1980 / 81, cat. no. 15, ill. 32 on p. 76
Literatur und Abbildung: Elly Nay: Ein strahlendes Weiß – meine Zeit mit E. W. Nay. Berlin und Cologne, self-published, 1984, ill. p. 117
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Dessins, aquarelles et pastels
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