Lot 315
Eugen Schönebeck (Heidenau/Sachsen 1936 – lebt in Berlin)
Ohne Titel. 1963
Tuschfeder und -pinsel über Bleistift auf Papier. 42 × 29,5 cm ( 16 ½ × 11 ⅝ in.). Unten rechts monogrammiert und datiert: ES 63.
[3410]
Provenienz: Silvia Menzel, Berlin / Privatsammlung, Berlin / Juerg Judin, Zürich (2012)
Ausstellung: Eugen Schönebeck, Zeichnungen 1960-1963. Berlin, Galerie Silvia Menzel, 1986, mit Abbildung / Eugen Schönebeck – Die Nacht des Malers. Bilder und Zeichnungen 1957-1966. Hannover, Kestner-Gesellschaft, 1992, Kat.-Nr. 132, mit Abbildung / Eugen Schönebeck – The Drawings. Berlin, Nolan Judin, 2012, Kat.-Nr. 37, Abbildung S. 86
In nur zehn Jahren schuf Eugen Schönebeck ein malerisches Werk, das ihm noch heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem selbst gewählten Rückzug aus der Öffentlichkeit, einen der vordersten Plätze in der Kunstgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sichert. Unsere Zeichnung von 1963 entstand zu einer Zeit, in der Schönebeck die entscheidende Wendung in seinem kurzen Schaffen vollzog. Zwei Jahre nach der ersten Doppelausstellung mit Georg Baselitz zum „Pandämonischen Manifest“ hatte er endlich Antworten auf Fragen gefunden, die ihn damals über alle Maßen beschäftigten.
Orientierte er sich bis dahin am Pariser Informel, so begannen sich nun „aus diesen amorphen Strukturen figurative Elemente zu lösen, die ihn zu monumental-expressiven Gemälden wie ‚Figur mit Vogel’ von 1963 (Dresden, Galerie Neue Meister) und ‚Kreuzigung’ von 1964 (Städel, Frankfurt a.M.) führten.“ (Deutsche Kunst im 20. Jahrhundert. Ausst.-Kat., London, Stuttgart, 1985/86, S. 500)
Auch die Zeichnung zählt zu den Arbeiten, bei denen Schönebeck diesen künstlerischen Befreiungsschlag der frühen 1960er-Jahre voll auskostet. In enormer Energieanstrengung verteilt er Linienknäuel mit der Feder auf dem Malgrund, legt daneben mit dem Pinsel eher flächige Zonen an, durch die teilweise noch die Unterzeichnungen in Bleistift hervorscheinen, und breitet so das Farbspektrum, das ihm die Tinte bietet, nach allen Möglichkeiten vor dem Betrachter aus: von hellem Grau über die reichen Varianten der Mitteltöne bis hin zu einem tiefen, in das Blatt regelrecht einschneidenden Schwarz.
Aus diesem furiosen abstrakt-expressiven Wirbel treten Gestalten hervor, die man identifizieren zu können glaubt: Links eine Frau, die eine Art Tanzschritt vollführt. Das Gebilde im Zentrum trägt Gesichter, hat Hände, Füße, doch wie sie aufgetaucht sind, so verschwinden diese Figuren auch, mehr Assoziationen als wiedererkennbare Motive. In der elementaren Wucht, mit der Schönebeck hier Gewissheiten schafft, um sie im nächsten Moment wieder zu zerstören, liegt eines der Geheimnisse, die großer Kunst zu eigen sind.
Ulrich Clewing, Berlin
Addendum/Erratum: Die Zeichnung wird aufgenommen in das Werkverzeichnis der Papierarbeiten Eugen Schönebecks von Juerg Judin und Pay Matthis Karstens, Berlin (in Vorbereitung).
Eugen Schönebeck (Heidenau/Saxony 1936 – lives in Berlin)
Untitled. 1963
Pen and brush and India ink over pencil on paper. 42 × 29,5 cm ( 16 ½ × 11 ⅝ in.). Monogrammed and dated lower right: ES 63.
[3410]
Provenienz: Silvia Menzel, Berlin / Private Collection, Berlin / Juerg Judin, Zurich (2012)
Ausstellung: Eugen Schönebeck, Zeichnungen 1960-1963. Berlin, Galerie Silvia Menzel, 1986, with illustration / Eugen Schönebeck – Die Nacht des Malers. Bilder und Zeichnungen 1957-1966. Hanover, Kestner-Gesellschaft, 1992, cat. no. 132, with illustration / Eugen Schönebeck – The Drawings. Berlin, Nolan Judin, 2012, cat. no. 37, illustration p. 86
Addendum/Erratum: The drawing will be included in the catalogue raisonné of works on paper by Eugen Schönebeck by Juerg Judin and Pay Matthis Karstens, Berlin (in preparation).
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