Lot 301
François Morellet (Cholet 1926 – lebt in Cholet und Paris) „4 DOUBLES-TRAMES DÉCALÉES“. 1972 Öl auf Leinwand. 70 x 70 cm ( 27 ½ x 27 ½ in.). Rückseitig mit Filzstift in Schwarz bezeichnet und betitelt: no 72 061 4 doubles-trames décalées. Darunter mit Kugelschreiber in Schwarz signiert und datiert: Morellet 1972. Kleine Retuschen. [3334] Provenienz: Galerie Mathieu, Besançon Ausstellung: Stiftung – ganz konkret 1988-1998. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 1998/99 / en gros & en détail. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 2001/02 / Das Quadrat in der Sammlung. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 2009 / undsoweiter 1,2,3. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 2010 / undsoweiter 4,5,6. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 2010/11 / undsoweiter 7,8,9. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 2011 / Umbruch 2013 – Module im Wandel. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 2013 „Ich liebe die beiden großen Prinzipien, wenn sie sich verbinden, und ich ertrage sie kaum, wenn ich ihnen einzeln begegne: die Ordnung und die Unordnung oder, wenn man so will: die Logik und das Absurde. Ich liebe den Ablauf eines unerbittlich scheinenden Systems unter der Bedingung, daß ein anderes System oder irgendeine Störung dazwischenhaut oder, höflicher ausgedrückt, es belebt.“ (François Morellet, 1990) Über sechs Jahrzehnte hat François Morellet eindrücklich die Spanne zwischen Ordnung und Chaos ausgelotet. Charakteristisch für sein konzeptuell wie minimalistisch wirkendes Œuvre – das sowohl Zeichnung, Objekt, Malerei wie Installation und kinetische Kunst umfasst – ist ein scheinbarer Widerspruch: Einerseits beruht sein Schaffen auf der strikten Anwendung systematischer Überlegungen, andererseits ist es von dadaistischem Humor und vor allem vom Zufall geprägt. Seit Beginn der 1950er Jahre hat den „Peintre-amateur“ – wie er sich selbst bezeichnet – die konsequent betriebene Untersuchung und Erforschung von geometrischen und später immer stärker reduzierten Systemen beschäftigt. Ohne Zweifel inspirierten Morellet sowohl Max Bill als auch die maurische Ornamentik der Alhambra in Granada. Schon Bill hatte als Vertreter der konkreten Kunst die Subjektivität in der Kunst abgelehnt. Dieses Bemühen um Objektivität und der anti-subjektive Impetus finden sich auch in der Kunst von Morellet: Er arbeitet seriell, systematisch und auf der Grundlage präziser geometrischer Prinzipien; auf den völlig geometrisierten Oberflächen vermeidet er jeglichen individuellen Malduktus. Darüber hinaus ist nicht nur die Ausführung der Werke, die Morellet bereits früh Assistenten überließ, unpersönlich, auch die zugrundeliegenden Entwürfe selbst sind stets mit Lineal und Winkelmesser konstruiert. Auch das quadratische Format, das Morellet nahezu ausnahmslos seit 1953 verwendet, bevorzugt keine Richtung, weder die anthropomorphe Vertikale noch die landschaftliche Horizontale. Vielmehr ist das rahmenlose Quadrat in seiner variierenden Ausdehnung von gleichbleibender Intensität und unterstützt so eine inhaltlich neutrale Haltung – auch bei der Betrachtung. Morellet erklärt seine Beschränkung auf das quadratische Format wie folgt: „Ich habe mich für das Quadrat entschieden, weil es sich dabei um eine Figur handelt, die nur durch eine einzige subjektive Entscheidung definiert ist (anstelle von zweien bei einem Rechteck).“ Auch die vorliegende Arbeit „4 doubles-trames décalées -2°/+2°“ zeigt ein quadratisches Bildformat, das gänzlich mit einer systematisch gebildeten, netzartigen Struktur aus schwarzen Lineamenten überzogen ist. Den Ausgangspunkt stellen vier gleichmäßige Linienraster dar, die im festgelegten Winkel von -2° und +2° gedreht und übereinander gelagert wurden. Durch diese einfache Drehung von vier Gittern entsteht ein flirrendes, die weiße Bildfläche füllendes Rasternetz. In der äußerst dichtmaschigen Überlagerung versucht der Blick des Betrachters vergeblich, die Organisationsform, die der Titel präzise benennt, wiederzuerkennen. Auf diese Weise bringt Morellets Verfahren der Doppelrasterungen poetische Bilder hervor und führt zu einer „Interferenz zwischen Klarheit und Unklarheit“: Trotz der nachvollziehbaren Gestaltung mit ihren winkelverschobenen Doppelrastern und deren linearer Überlappung und Durchdringung ist in der Arbeit „4 doubles-trames décalées -2°/+2°“ das Prinzip der Irritation prägnant formuliert und der Ordnungssinn massiv gestört. Der Systematik und Neutralität in Morellets Schaffen steht das Einbrechen des Ungeordneten in die Ordnung gegenüber. Auf einzigartige und unverwechselbare Weise verbindet der Künstler geometrische Präzision mit spielerischem Witz. François Morellet (Cholet 1926 – lives in Cholet and Paris) „4 DOUBLES-TRAMES DÉCALÉES“. 1972 Oil on canvas. 70 x 70 cm ( 27 ½ x 27 ½ in.). On the reverse inscribed and titled in black felt-tip pen: no 72 061 4 doubles-trames décalées. Below this in black ballpoint pen signed and dated: Morellet 1972. Minor retouchings. [3334] Provenienz: Galerie Mathieu, Besançon Ausstellung: Stiftung – ganz konkret 1988-1998. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 1998/99 / en gros & en détail. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 2001/02 / Das Quadrat in der Sammlung. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 2009 / undsoweiter 1,2,3. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 2010 / undsoweiter 4,5,6. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 2010/11 / undsoweiter 7,8,9. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 2011 / Umbruch 2013 – Module im Wandel. Reutlingen, Stiftung für konkrete Kunst, 2013
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Catalogue
Collection Manfred Wandel
10719 Berlin - Allemagne
04/06/2015
Proposé par Grisebach
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