Lot 110
Franz Theobald Horny (Weimar 1798 – 1824 Olevano)
Landschaft bei Olevano. Um 1822
Feder in Grau über Bleistift auf Velin. 23,5 × 25,8 cm ( 9 ¼ × 10 ⅛ in.). Unten rechts von fremder Hand bei der Inventarisierung des Nachlasses mit Bleistift beschriftet: Fr. Horny. Am oberen Rand in der Mitte und rechts (schwer lesbar) eigenhändig beschriftet. Vom Künstler allseitig, vor allem links und rechts beschnitten.
Minimal braunfleckig. [3041]
Provenienz: Ehemals Sammlung Eugen Roth, München
Franz Horny teilt das Schicksal zahlreicher Künstler der Romantik, er starb jung im Alter von 25 Jahren, ähnlich wie Philipp Otto Runge an der Lungenschwindsucht. Sein nachgelassenes Werk bleibt ein Jugendwerk. Neben heute drei bekannten Ölgemälden von seiner Hand besteht sein nachgelassenes Werk aus etwa 900 Zeichnungen und Aquarellen, von denen weitaus mehr als die Hälfte als Bleistift- und Federzeichnungen in fünf Skizzenbüchern erhalten sind. Der größte Teil, einschließlich der Skizzenbücher, befindet sich in öffentlichen graphischen Sammlungen Deutschlands, am umfangreichsten in Weimar (ca. 200 Blätter), bedeutende Bestände besitzen auch Dresden, Berlin, Frankfurt a. M. und Lübeck. Das Auftauchen von unbekannten Werken seiner Hand verdient daher in jedem einzelnen Fall ein besonderes Interesse. Auf dem Kunstmarkt werden bildmäßig ausgeführte Arbeiten Hornys sehr selten angeboten.
Franz Horny, der in seinem späteren Leben Maler werden wollte, ist uns also vor allem als Zeichner gegenwärtig. Als solcher war er unter den deutschen Künstlern seiner Generation eine der größten Begabungen. Gleichwohl gestaltete sich sein künstlerischer Selbstfindungsprozeß sehr schwierig, zum einen durch seine frühe „Verbildung“ an der Zeichenschule in Weimar, zum anderen durch die spätere, ihn in Italien seit Anfang 1818 leidvoll begleitende und häufig im künstlerischen Schaffensprozeß beeinträchtigende und behindernde Lungenkrankheit. Die künstlerische Begabung Hornys früh erkannt zu haben, ist das Verdienst des Kunstschriftstellers Carl Friedrich von Rumohr, der ihn aus Weimar nach Rom mitnahm, bei Joseph Anton Koch für ein Jahr in die Lehre gab und ihn für den Rest seines Lebens als Mentor künstlerisch wesentlich förderte und als Mäzen materiell unterstützte. Horny war von zarter Natur, hochsensibel, von natürlicher Aufgeschlossenheit und künstlerischer Neugier, empfindsam und emotional, aber von Selbstzweifeln geplagt und mangelndem Selbstbewußtsein. Daher fiel es ihm schwer, in der nahen Umgebung so anspruchsvoller, klar orientierter und zielgerichtet schaffender nazarenischer Künstler wie Friedrich Overbeck oder Julius Schnorr von Carolsfeld im Spannungsfeld zwischen nazarenischer und realistischer Kunstrichtung, zwischen Historien- und Landschaftsmalerei eine eigene Position zu beziehen. Anders als sein im Alter von 22 Jahren 1818 im Tiber ertrunkener Freund Carl Philipp Fohr, der äußerst selbstbewußt aufgrund seiner weithin anerkannten hohen künstlerischen Begabung sich seine künstlerische Unabhängigkeit und Außenseiter-Rolle bewahrte, blieb Horny hinsichtlich seiner Zielsetzungen schwankend und leicht zu beeinflussen, selbst während er in seinen letzten Lebensjahren seinen charakteristischen eigenen Weg im Landschaftsfach gefunden hatte. Zu Unrecht hat man ihn ebenso wie Fohr als Künstler in die Nähe der Nazarener gerückt, deren Kunst beiden wesensfremd war. Hornys künstlerisches Werk zeigt entsprechend seinen erschwerten Lebens- und Schaffensbedingungen starke Qualitätsschwankungen, von eher unbeholfenen bis hin zu genialischen Schöpfungen.
Die vorliegende Zeichnung zeigt alle charakteristischen Züge seiner Handschrift. Horny zeichnete gern mit der Feder in grauer Tinte über Bleistiftvorzeichnung. Dabei gliederte er den Aufbau und die Strukturen der Landschaft durch Betonen ihrer Konturen, ein Erbe der Zeichenkunst Kochs und Einfluß der Nazarener-Freunde. Im Vordergrund zeichnete er mit breiterer Feder und dunklerer Tinte, im Mittel- und Hintergrund mit feineren Federn und einer sich in die räumliche Tiefe aufhellenden Tinte. Höhere, dem Lichteinfall ausgesetzte Partien, blieben ausgespart, die schattigen Zonen sind - jeweils der Richtung der Formationen angepaßt - mit schwungvollen Parallelschraffuren lebendig gemustert. Ähnlich schwungvoll ist die Behandlung der elastisch sich windenden und wiegenden Bäume und der wegen ihrer graphischen Strukturen mit Vorliebe beobachteten schroffen Felsabbrüche. In ihrer Linienführung ist die ganze Zeichnung ausgefüllt von rhythmisch durchpulsten ornamentalen Strukturen. Horny schildert die Landschaft nicht vedutenhaft getreu, sondern übersetzt deren Erlebnis in eine abstrahierende Sicht in seiner eigenwilligen, ornamental stilisierenden Handschrift. Seinen sicheren Umgang mit der Feder und seine virtuose Schraffurtechnik verdankte er in erster Linie seinem großherzigen Mentor Rumohr, der selbst ein besessener Zeichner mit der Feder war, und seiner nahen Verbindung zu Julius Schnorr von Carolsfeld. Selbstkritisch hat Horny einmal in anderem Zusammenhang über eigene Werke gesagt: „Es ist manches Gute darin, aber auch viel Stümperhaftes und Unbeholfenes“. Dieses kritisch Gemeinte gilt in zweierlei Hinsicht auch für unsere Zeichnung, nämlich mit Blick auf die Komposition einerseits und andererseits mit Blick auf die figürliche Staffage.
Eine besondere gestalterische Schwierigkeit ergab sich für Horny in seinen Kompositionen bei der Wahl des Bildausschnitts, was im Hinblick darauf nicht Wunder nimmt, daß er in Olevano und Umgebung beständig von weiten Panoramen der abwechslungsreichen Bergwelt umgeben war. Häufig hat er daher in eine einmal gewählte Komposition nachträglich alternative Bildausschnitte durch vertikale und horizontale Linien hineingezeichnet, gelegentlich auch das Format des Blattes selbst beschnitten oder durch Anstücken vergrößert. Horny legte seine Kompositionen häufig von der Bildmitte her an und ließ sie zu den Blatträndern hin offen, sodaß sie unvollendet und skizzenhaft wirkten. Um sie aber zu verdichten und bildmäßig ausgeführter erscheinen zu lassen, hat er sie gelegentlich, auch darin seinem Lehrer Rumohr folgend, allseitig beschnitten. In unserem Blatt hat der Künstler deutlich sichtbar das ursprüngliche Papierformat allseitig beschnitten, am deutlichsten an den seitlichen Rändern wahrnehmbar, wo offensichtlich die ursprüngliche Darstellung nicht unerheblich weiter über diese hinaus führte. Deutlich wollte Horny hier eine Konzentration der Komposition bewirken, die ihm aber - streng genommen - noch nicht restlos ausgewogen und überzeugend gelungen ist. Daß aber der Vorgang des Beschneidens noch von eigener Hand erfolgte, dafür spricht die bei der Inventarisierung des Nachlassses rechts unten mit Bleistift erfolgte, jedenfalls nicht eigenhändige Beschriftung mit: „Fr. Horny“.
Das nahezu zum Quadrat gestutzte Format der Zeichnung rückt die figürliche Staffage deutlich, nicht nur kompositorisch, sondern auch inhaltlich, in den Vordergrund. Auch diese ist umrißbetont gezeichnet, worin sich noch Koch’scher und nazarenischer Einfluß manifestiert. Mit der Wiedergabe der menschlichen Anatomie hatte Horny allerdings zeitlebens große Schwierigkeiten. Seine Figuren wirken - wie hier im Vordergrund - oft hölzern und lassen meist eine eigenwillige ornamentale Stilisierung erkennen. Im Vergleich zu der natürlicher wirkenden und an idealer antikischer Schönheit orientierten figürlichen Staffage in Julius Schnorrs italienischen Landschaftszeichnungen jener frühen römischen Jahre wird deutlich, daß Horny mehr auf expressiven Ausdruck Wert legte und dabei die Unzulänglichkeit in der Beherrschung der menschlichen Anatomie in Kauf nahm. Ausweislich seiner Skizzenbücher hat er Figürliches mit immensem Fleiß studiert, zuletzt sind ihm auch hier Meisterwerke gelungen. Vor allem hatte es ihm die einheimische Bevölkerung angetan, deren Lebensalltag er teilnahmsvoll beobachtete, wie hier die Hirten auf dem Felde und in den Bergen oder junge Frauen mit Lasten, Krügen oder Reisigbündeln, auf den Häuptern balancierend, Schilderungen einfachen Lebens voller Poesie. Solche Motive finden sich gehäuft in unserem Blatt an unterschiedlichen Stellen eingesetzt, einerseits zur Veranschaulichung der Perspektive, andererseits um die von ihm geliebte und als seine zweite Heimat empfundene Landschaft als pastorale und arkadische zu charakterisieren. Im mittleren Vordergrund dominiert ein Schweinehirt im Gespräch mit zwei jungen Frauen, links entschwindet eine kleiner proportionierte Figurengruppe in einem entfernteren Hohlweg, eine auf einem Maultier reitende junge Frau von einem Hirten zu Fuß begleitet, während oberhalb auf einer Anhöhe in der linken Bildhälfte im Mittelgrund – noch kleiner proportioniert - ein Schafhirtenpaar vor ihrer ärmlichen Hütte verweilt, die Frau beim Spinnen der Schafswolle.
Hinrich Sieveking
Franz Theobald Horny (Weimar 1798 – 1824 Olevano)
Landscape near Olevano. Circa 1822
Pen in grey over pencil on wove paper. 23,5 × 25,8 cm ( 9 ¼ × 10 ⅛ in.). Lower right inscribed in pencil by a foreign hand, near the estate inventory number: Fr. Horny. Inscribed by the artist in the upper margin in the centre, and on the right (hardly legible). Sheet trimmed by the artist on all sides, in particular left and right.
Minimally flecked with brown. [3041]
Provenienz: Formerly collection Eugen Roth, Munich
Crédits photos : Contacter la maison de vente
Dessins, aquarelles et pastels
À propos de la vente