Lot 226
Franz von Lenbach (Schrobenhausen 1836 – 1904 München)
Selbstbildnis mit Tochter Marion. Um 1900
Öl auf Pappe. 85,2 × 76 cm ( 33 ½ × 29 ⅞ in.). Mitte links signiert: F. Lenbach.
[3488]
Wir stehen hier am Anfang jenes Zeitalters, das Ellen Key in ihrem berühmten Buch aus dem Jahr 1900 „Das Jahrhundert des Kindes“ genannt hat. Eine ihrer zentralen Thesen behandelte das Recht des Kindes darauf, seine Eltern zu wählen. Genau das tat die kaum vierjährige Marion Lenbach im Jahre 1896, als sich ihr Vater von ihrer Mutter, Madgalena Gräfin Moltke, scheiden ließ – sie blieb bei ihrem Vater, ihre Schwester Erika lebte fortan bei der Mutter.
Dieses Urerlebnis erklärt die nahezu verstörende Enge zwischen Vater und Tochter, die aus unserem Bildnis spricht, das faszinierenderweise genau in jener Zeit gemalt wurde, als Ellen Keys Buch erschien. Lenbach scheint sich fast an sein Kind zu klammern, und dieses schaut den Betrachter aus unendlich fernen, tiefen, traurigen Augen an, Augen, die schon alles gesehen haben. Marions Gesicht durchzieht Lenbachs Werk um 1900 und bis zu seinem Tod im Jahre 1905, sie war auch nach seiner Eheschließung mit Lolo von Hornstein sein wichtigster Bezugspunkt und emotionaler Halt. Selbst in dem berühmten „Selbstbildnis mit Frau Lolo und Töchtern Marion und Gabriele“ aus dem Jahre 1903, etwa gleichzeitig mit unserem Gemälde entstanden, ist Marion der Mittelpunkt der zweiten Familie Lenbachs, wie eine Prinzessin aus einem fernen, dunklen Reich thront sie in der Bildmitte (siehe unten die Fotografie, auf deren Grundlage das Gemälde entstand). Innerhalb der gründerzeitlichen Porträtmalerei galt Lenbach als „Seelenbeschwörer“, weil er den „durchdringenden Blick für das Wesen der Persönlichkeit hat, das sich für andere Augen in den Gesichtszügen der Menschen fast ebenso häufig verbirgt wie offenbart“, wie es Ludwig Pietsch formulierte. Unser Gemälde demonstriert, dass er diesen durchdringenden Blick auch auf sich selbst und sein Leben richtete.
Marion war, wie alle zeitgenössischen Besucher seines Atelier berichten, dauerhaft um den Vater, sie kostümierte sich und wurde immer und immer wieder von Lenbach gezeichnet. Oft malte er sie, als sei sie ein Porträt von Gainsborough. So auch hier: vornehme englische Blässe, vornehme englische Körperhaltung – und daneben der Vater mit den wirren Haaren in der Stirn, mit starrem Blick auf dem Betrachter. Man spürt seine Verletzungen, und man spürt ihren Stolz. Obwohl das Bild aus den Tiefen der Gründerzeit kommt, gelingt ihm doch der unmittelbare Sprung in unsere Gegenwart. Warum? Das wird an jener Eindringlichkeit liegen, die Lenbach auch dadurch erzeugte, dass er in diesen späten Porträts fast immer auf Grundlage von Fotografien arbeitete – und dass es ihm gelang, diese Unmittelbarkeit in Malerei zu übertragen. Ja, die Fotografie war für Lenbach bei den späten Porträts ein ganz selbstverständlicher Teil des Malprozesses – siehe die nebenstehende Fotografie, die die Vorarbeit für das berühmte Familienbildnis im Lenbachhaus ist. Was wir also hier in unserem Gemälde sehen, ist das erste gemalte Selfie der deutschen Kunstgeschichte – der Maler unternimmt keinerlei Anstrengungen, die gebannte Fixierung auf die Kamera aus Haltung und Mienen der Dargestellten zu tilgen.
Florian Illies
Franz von Lenbach (Schrobenhausen 1836 – 1904 Munich)
Selbstbildnis mit Tochter Marion. Circa 1900
Oil on cardboard. 85,2 × 76 cm ( 33 ½ × 29 ⅞ in.). Signed left of centre: F. Lenbach.
[3488]
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