Lot 6
Gabriele Münter (Berlin 1877 – 1962 Murnau)
„Herbstliche Landstrasse“. 1910
Öl auf Pappe. 32,7 × 40,7 cm ( 12 ⅞ × 16 in.). Unten rechts signiert und datiert: Münter 1910. Rückseitig mit Pinsel in Schwarz signiert: Münter. Ebenda mit Bleistift betitelt und datiert: herbstliche Landstrasse 1910. Dort auch die Nachlass-Nr. L[andschaft] 131. Auf dem Rahmen rückseitig Etiketten zu den Ausstellungen Essen 1990, München und Frankfurt a. M. 1992 / 93, Zürich 2014 und Basel 2016 / 17 (s.u.).
[3468]
Provenienz: Nachlass der Künstlerin / Privatsammlung, Schweiz (1965 in der Galerie Daniel Keel, Zürich, erworben)
Ausstellung: Gabriele Münter. Zürich, Galerie Daniel Keel, 1965, Kat.-Nr. 3, Abb. / Gabriele Münter und ihre Zeit. Malerei der klassischen Moderne in Deutschland. Essen, Galerie Neher, 1990, S. 32, Abb. S. 33 / Gabriele Münter 1877-1962. Retrospektive. München, Städtische Galerie im Lenbachhaus, und Frankfurt a. M., Schirn Kunsthalle, 1992 / 93, Kat.-Nr. 83, Abb. / Garten der Frauen. Wegbereiterinnen der Moderne 1900-1914. Hannover, Sprengel Museum, und Wuppertal, Von der Heydt-Museum, 1996 / 97, S. 239, Abb. S. 164 / Gabriele Münter. Bietigheim-Bissingen, Städtische Galerie, 1999, Kat.-Nr. 18, Abb. S. 92 / Expressionismus in Deutschland und Frankreich. Von Matisse zum Blauen Reiter. Zürich, Kunsthaus; Los Angeles, County Museum of Art; Montreal, Musée des Beaux-Arts; 2014 / 15, außer Katalog / Kandinsky, Marc und der Blaue Reiter. Basel, Fondation Beyeler, 2016 / 17, ohne Nr., Abb. S. 78
Susanne Schmid: Gabriele Münter entwirft Bayern aus Farben und Formen, aus Kalt und Warm
Die außergewöhnliche Komposition der „Herbstlichen Landstrasse“ gehört zu den Schöpfungen des Expressionismus, in denen die Kraft und Vitalität des künstlerischen Aufbruchs noch heute deutlich wird. Zügig auf Pappe aufgetragene Pinselstriche, flächig ineinandergreifende, abstrahierte Naturformen zeugen von einer radikal neuen Sicht auf die Welt. Der Beginn des 20. Jahrhunderts war eine Zeit des Wandels, in der die Industrialisierung rasant voranschritt und die Gesellschaft von einem unbedingten Fortschrittsglauben durchdrungen war, während die ehrwürdigen Institutionen der Kunstakademie und der staatlichen Künstlervereinigungen im Althergebrachten verharrten. Aus dem Kampf „gegen eine alte, organisierte Macht“ (Franz Marc, 1912) erwuchs eine künstlerische Opposition – keine einheitliche Bewegung mit ausformulierten Zielen, sondern verschiedene Künstlergruppen mit durchaus unterschiedlichen Stilen und Inhalten. Neben den als antiquiert empfundenen Unterrichtsmethoden wurden auch die etablierten Formen der Publikumspräsentation infrage gestellt wie etwa die großen Kunstausstellungen in München, Berlin und Dresden, an denen die „Wilden Deutschen“ (Marc) nur selten teilnahmen.
In diesem Klima der teilweise heftig geführten Auseinandersetzungen kam Gabriele Münter nach München, um ein Kunststudium aufzunehmen. „Bis nach dem Ersten Weltkrieg blieben Frauen die Türen fast aller deutschen Kunstakademien verschlossen. Kunst durfte eine deutsche Frau nur im Ausland oder in privaten Schulen oder Ateliers lernen, wobei sie staatliche Unterstützung durch Stipendien usw. natürlich entbehren musste. Künstlerinnen und Kunst studierende Frauen stammten daher aus den mittleren und oberen Gesellschaftsschichten. [...] Gabriele Münters Kunstausbildung folgt auch diesem Schema“ (Ausst.-Kat.: Gabriele Münter. Kunstverein, Hamburg; Hessisches Landesmuseum, Darmstadt, 1988, S. 16).
Gabriele Münter erhielt ihren ersten Unterricht im Zeichnen 1897 im Privatatelier eines Düsseldorfer Künstlers und besuchte dann die Düsseldorfer Damen-Kunstschule. Erst als ihr durch eine Erbschaft eigene Mittel zur Finanzierung eines Kunststudiums zur Verfügung standen, entschloss sie sich 1901, nach München zu gehen, um die Schule des Münchner Künstlerinnen-Vereins zu besuchen. Bereits im Winter desselben Jahres wechselte Münter in die Bildhauerklasse Wilhelm Hüsgens an der neu eröffneten „Phalanx“-Schule, was die Künstlerin als Befreiung von den beengenden akademischen Strukturen erlebte. Der Bildhauerkurs schloss den „Abendakt“ in der Malklasse Wassily Kandinskys ein, über den Gabriele Münter später schrieb: „Da war ein neues künstlerisches Erlebnis, weil Kandinsky, ganz anders wie die anderen Lehrer, eingehend, gründlich erklärte und mich ansah wie einen bewusst strebenden Menschen. Das war mir neu und machte Eindruck“ (Ausst.-Kat.: Gabriele Münter. Retrospektive. München, Städtische Galerie im Lenbachhaus u.a., 1992 / 93, S. 29).
Mit der „Phalanx“-Malklasse ging Münter nach Kochel und Kallmünz, wo erstmals Ölstudien vor der Natur, Landschafts- und Straßenbilder entstanden. In Kallmünz wurden die junge Malerin und der noch verheiratete Kandinsky ein Paar, und in den folgenden Jahren begaben sich beide immer wieder auf gemeinsame ausgedehnte Reisen, bis sie 1908 nach München zurückkehrten. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort auf dem Lande entdeckten sie bald den alten Marktort Murnau im bayerischen Voralpenland.
Gemeinsam mit den Künstlerfreunden Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin erkundeten Gabriele Münter und Wassily Kandinsky die Umgebung, häufig mit den Fahrrädern, bepackt mit Malkasten und Staffelei. Die malerische Lage des Ortes, der kontrastreiche Wechsel der Formen, die von Baumreihen und Wasserläufen durchzogene Ebene des Mooses, der Staffelsee und die unvermittelt aufsteigenden Bergfronten begeisterten die Künstler und gaben ihnen die entscheidenden Impulse zu neuer Sehweise und Bildgestaltung. Es ist die Geburtsstunde des „Blauen Reiter“ und ein epochaler Durchbruch zur modernen Malerei. Die enge Zusammenarbeit und gegenseitige Inspiration der Künstler zeigt sich exemplarisch bei unserem Gemälde „Herbstliche Landstrasse“, das eine enge Verwandtschaft mit Jawlenksys „Murnauer Landschaft (Chausee)“ von 1909 aufweist, einem Gemälde, das sich schon früh in Münters und Kandinskys Besitz befand und eine ähnliche Abstrahierung der Naturformen zeigt.
Gabriele Münter war eine aufmerksame Beobachterin mit feinem Gespür für die Eigenarten der Landschaft. Manche Landschaftsansichten wurden spontan vor Ort ausgeführt, andere entstanden in den Wintermonaten in der Münchner Wohnung in der Ainmillerstraße 36. Die „Herbstliche Landstrasse“ stützt sich auf „Murnauer Skizzen von der Kohlgruber Landstraße, die vom Ort heraus nach Westen über die Berglehne am Staffelsee nach Bad Kohlgrub führt“ (Ausst.-Kat.: Gabriele Münter. Retrospektive. München, Städtische Galerie im Lenbachhaus u.a., 1992 / 93, Kat.Nr. 83). Doch nicht die geografische Zuordnung ist der Malerin wichtig, ihr eigentliches Bildthema ist die in konzentrierter Dichte zusammengefasste Schau des Natureindrucks in außergewöhnlichem Kolorit aus kalten und warmen Farbtönen. Die räumliche Entfernung zwischen der von Bäumen gesäumten Straße im Vordergrund und der sanft gerundeten Bergkulisse in der Ferne ist nahezu aufgehoben. Auch der bewegte, umliegende Farben aufnehmende Himmel drängt mit Macht nach vorn. Der Malprozess, mit dem die Realität gleichsam vom Äußerlichen „entkleidet“ wird, bleibt sichtbar und offenbart am Ende ein inneres Bild – eine Aufforderung an den Betrachter, die „Herbstliche Landstrasse“ zu betreten und die Dinge mit anderen Augen zu sehen.
Gabriele Münter (Berlin 1877 – 1962 Murnau)
„Herbstliche Landstrasse“. 1910
Oil on cardboard. 32,7 × 40,7 cm ( 12 ⅞ × 16 in.). Signed and dated lower right: Münter 1910. Signed with brush in black on the reverse: Münter. Same place titled and dated in pencil: herbstliche Landstrasse 1910. There too the estate no. L[andschaft] 131. On the frame on the reverse labels of the exhibitions Essen 1990, Munich and Frankfurt a. M. 1992 / 93, Zurich 2014 and Basel 2016 / 17 (see below).
[3468]
Provenienz: Estate of the artist / private collection, Switzerland (acquired 1965 at Galerie Daniel Keel, Zurich)
Ausstellung: Gabriele Münter. Zürich, Galerie Daniel Keel, 1965, cat. no. 3, ill. / Gabriele Münter und ihre Zeit. Malerei der klassischen Moderne in Deutschland. Essen, Galerie Neher, 1990, p. 32, ill. p. 33 / Gabriele Münter 1877-1962. Retrospektive. Munich, Städtische Galerie im Lenbachhaus, and Frankfurt a. M., Schirn Kunsthalle, 1992 / 93, cat. no. 83, ill. / Garten der Frauen. Wegbereiterinnen der Moderne 1900-1914. Hannover, Sprengel Museum, and Wuppertal, Von der Heydt-Museum, 1996 / 97, p. 239, ill. p. 164 / Gabriele Münter. Bietigheim-Bissingen, Städtische Galerie, 1999, cat. no. 18, ill. p. 92 / Expressionismus in Deutschland und Frankreich. Von Matisse zum Blauen Reiter. Zürich, Kunsthaus; Los Angeles, County Museum of Art; Montreal, Musée des Beaux-Arts; 2014 / 15, not in catalogue / Kandinsky, Marc und der Blaue Reiter. Basel, Fondation Beyeler, 2016 / 17, no cat. no., ill. p. 78
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