Lot 7
Gabriele Münter (Berlin 1877 – 1962 Murnau)
Heuhocken in Murnau. Um 1909
Öl auf Pappe. 25,5 × 34,7 cm ( 10 × 13 ⅝ in.). Unten links monogrammiert: Mü. Rückseitig ein Aufkleber der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, gestempelt und mit Bleistift beschriftet: 851 / 11. Dort auch ein Etikett zur Ausstellung New York 1961/62 (s.u.).
Kleine Retuschen. [3033]
Provenienz: Leonard Hutton Galleries, New York / Privatsammlung, USA / David B. Findlay Galleries, New York / Privatsammlung, USA (in den 1960er-Jahren erworben) / Beck & Eggeling, Düsseldorf (2009) / Privatsammlung, Nordrhein-Westfalen
Ausstellung: Gabriele Münter, Murnau to Stockholm (1908–1917). New York, Leonard Hutton Galleries, 1961/62, Kat.- Nr. 11 („Haystacks“; lt. rückseitigem Etikett)
Gabriele Münter und Wassily Kandinsky waren eines der großen Künstlerpaare der Moderne. Sie lernten sich kennen, als Kandinsky Münters Lehrer an der Malschule „Phalanx“ in München war. Seit 1903 lebten sie in einer Liebesgemeinschaft und unternahmen in den folgenden Jahren ausgedehnte Reisen nach Holland, Tunesien, Frankreich und Italien. Beide malten damals in einer spätimpressionistischen Manier, bei der sie durch ihren spachtelartigen Farbauftrag dichte, vibrierende Texturen erzeugten.
Erst in Murnau begann sich Münters Malerei zu verändern. Im Spätsommer 1908 hatte es sie, Kandinsky, Marianne von Werefkin und Alexej Jawlensky für ein paar Wochen dorthin gezogen – und die Arbeiten, die während dieses ersten Aufenthaltes entstanden, lassen ihre gegenseitigen Anregungen und Einflüsse deutlich erkennen. In ihrer Haltung am nächsten waren sich dabei, so scheint es, Münter und Jawlensky. Jawlensky hatte in Frankreich die Malerei von Gauguin und Matisse studiert. Nun suchte er nach einem Weg, den Eindruck, den die Natur bei ihm hinterließ, zu vereinfachen und in eine leicht erfassbare Form zu überführen.
Münter strebte nach ähnlichen Lösungen. Die Malerin arbeitete schon seit einigen Jahren mit farbigen Holzschnitten. Rückblickend sagte sie einmal über ihre künstlerische Entwicklung in dieser frühen Phase: „Aus anfänglichen Studien und der Art des damaligen Naturalismus kam ich bald zu dem befreiten Strich des Impressio-nismus und zu Farbenholzschnitten, die einen erst technisch bestimmten Versuch zu vereinfachter Formgebung und flächig gebreiteter Farbigkeit bilden“ (zit. nach: Gabriele Münter. Ausst.-Kat. Bietigheim-Bissingen, 1999, S. 16).
Fast wirkt es so, als habe Münter ihre neue Heimat in Murnau vor allem mithilfe der Malerei erkundet. Ab dem ersten Aufenthalt im Jahr 1908 entstand eine Vielzahl von Werken: Münter malte einzelne Häuser, Straßen, Ansichten aus der Umgebung. Und in all diesen Bildern ist ihr Drang zur Vereinheitlichung zu spüren. Details werden verknappt, die Farbe gewinnt an Be-deutung und Eigenständigkeit. Doch die Fülle des Gesehenen steht den Bestrebungen der Malerin nach Vereinfachung noch im Wege. Dann entdeckte die Künstlerin bei einem Spaziergang in das Murnauer Moos die Kegel der „Strahdrischen“, wie man die Heuhaufen in der Gegend nannte.
Hier findet sie das Motiv, das zu einer neuen Geschlossenheit in ihrer Malerei führt. Unser Gemälde ist eines der frühesten Zeugnisse für die Beschäftigung mit diesem Sujet. Sie wird es in den folgenden Jahren – wie Franz Marc und vor ihnen schon die Impressionisten – immer wieder aufgreifen.
Das Murnauer Moos gehörte zu den größten des Alpenraums. Das Schilfgras der Moorwiesen wurde im Herbst gemäht und – da es auf den bäuerlichen Anwesen kaum Möglichkeiten zur Lagerung gab – an einem Ort, dem Ödenanger, aufgeschichtet. Bei den von Münter als Heuhocken bezeichneten Strahdrischen handelt es sich um etwa drei Meter hohe Kegel, die um einen Holzstecken herum aufgebaut werden. Damit Regen nicht am Stecken in die Strahdrischen eindrang, wurde darauf ein Stück Grasnarbe gesetzt. So konnten die Bauern das Schilfheu mitunter mehrere Jahre an Ort und Stelle liegen lassen. Im Winter, wenn Boden und Gras gefroren waren, wurde es auf Fuhrwerken abtransportiert. Münter hat diese Arbeiten auf dem Ödenanger rund um Murnau auf mehreren Gemälden festgehalten.
Die Anlage unseres Bildes greift in seiner Einfachheit die Weite der Landschaft auf. Münter verzichtet auf einen Vordergrund und stellt die Gruppe der Heuhocken ins Zentrum der Komposition. Der Giebel eines Bauernhauses fügt sich nahtlos ein, wie ein natürlicher Bestandteil des Ganzen. Im Hintergrund erkennt man in Blau die Wand des Hörnle-Rückens. Die Malerin hat eine Baumgruppe davor platziert, um eine formale Überleitung zu schaffen. In der Farbigkeit des Gemäldes offenbart sich der neue, ganz eigene Weg, den Münter in ihrer Malerei geht.
Im Gegensatz etwa zur starken, „überzeichneten“ Palette Jawlenskys suchte Münter die naturnahen Valeurs eher harmonisierend als kontrastierend einzusetzen. Wiese und Berge legte sie dabei ohne Binnenstruktur als reine Farbflächen an. Die Transparenz des Farbauftrags im Bereich der Bergwand nimmt dem Fels seine lastende Schwere, auch der Rest der Farbkomposition strahlt bei aller Delikatesse auch eine gewisse Heiterkeit aus.
Münter schuf auch einen Farbholzschnitt mit diesem Motiv – an ihm zeigt sich noch einmal die grundlegende Bedeutung, die unser Gemälde für ihre künstlerische Entwicklung besaß: Die Kegel der Heuhaufen werden auf dem Holzschnitt durch die Umrisslinie weiter auf ihre Grundform reduziert, und auch die übrigen kompositorischen Elemente hat die Künstlerin stärker gestrafft. Das Gemälde „Heuhocken in Murnau“ und der darauf aufbauende Holzschnitt sind daher auch Zeugnisse der Emanzipation Münters von dem Einfluss ihrer Malerfreunde – und ganz entscheidende Stationen auf ihrem Weg, der sie zu einer der bedeutendsten Künstlerinnen der modernen Malerei machte.
Gabriele Münter (Berlin 1877 – 1962 Murnau)
Heuhocken in Murnau. Circa 1909
Oil on cardboard. 25,5 × 34,7 cm ( 10 × 13 ⅝ in.). Monogrammed lower left: Mü. On the reverse a label of the Gabriele Münter- and Johannes Eichner-Stiftung, stamped and inscribed in pencil: 851 / 11. There too a label of the exhibition New York 1961/62 (see below).
Minor retouchings. [3033]
Provenienz: Leonard Hutton Galleries, New York / Private Collection, USA / David B. Findlay Galleries, New York / Private Collection, USA (acquired in the 1960s) / Beck & Eggeling, Dusseldorf (2009) / Private Collection, North Rhine-Westphalia
Ausstellung: Gabriele Münter, Murnau to Stockholm (1908–1917). New York, Leonard Hutton Galleries, 1961/62, cat.no. 11 („Haystacks“; acc. to label on the reverse)
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