Lot 317
Georg Baselitz (Deutschbaselitz/Sachsen 1938 – lebt in Salzburg)
Der Hirte. 2007
Aquarell auf Bütten. 66,9 × 50,5 cm ( 26 ⅜ × 19 ⅞ in.). Unten links mit Tuschfeder datiert und signiert: 9.XII.07 G Baselitz.
[3410]
Provenienz: Galerie Schönewald, Düsseldorf
Ist der „Hirte“ mit dem gesenkten Kopf und dem wallenden Haar ein romantischer Typ? Jedenfalls stammt er aus einer älteren Erzählung: Seine Vorgeschichte reicht zurück zu den Landsknecht-Darstellungen des 16. Jahrhunderts, und im Werk von Georg Baselitz erscheint er zum ersten Mal 1965 (Kat.-Nr. 316). Baselitz gießt das kunsthistorische Modell des Einzelfigurbildes in seinen Stil und seine Erlebniswelt um. Aber wie der Name sagt, unterscheidet sich „Der neue Typ“ in Malerei und Haltung von allen Vorgängern. Einen solchen wie ihn, der in die Wirren des 20. Jahrhunderts hineingeboren wurde, hat es noch nicht gegeben. In der Bilderserie des „Neuen Typs“ aus den Jahren 1965/66 kann er auch anders heißen als „Hirte“, etwa „Rebell“, „Partisan“, „versperrter“ oder – aus der Romantik – „Ludwig Richter auf dem Weg zur Arbeit“. Er ist belastet mit vielen Bedeutungen: mit der Außenposition des Künstlers, mit der Auflehnung gegen die Gesellschaft und gegen die gängige Kunstpraxis. Aber im Gegensatz zu einem aktiven Revolutionär ist er gehemmt, innerlich zerrissen und trotz der ramponierten, soldatischen Kleidung friedlich und melancholisch. Ein Anti-Held, das heißt, heldenhaft in der Gegenposition und im Widerstand.
Als Georg Baselitz ab 2005 seine ehemaligen Werke von 1965/66 einer Neuformulierung in den „Remix“-Bildern unterzog, zu denen dieses Aquarell gehört, nahm er die Herausforderung eines Bilderwettstreits an, die alten Werke zu übertreffen. Der „Hirte“ scheint in den Jahrzehnten nicht gealtert zu sein, sondern er ist sogar verjüngt. Mit den „Remix“-Arbeiten befreit sich der Künstler von der emotionalen Last und der pastosen Malerei der Frühzeit. Die Bilder sind in leuchtenden Farben schnell und offen gemalt. Sie feiern die Malerei als Malerei der abstrakten Formfíndung und Formsetzung. Wirken die großen Gemälde in ihrem Farbauftrag schon aquarellhaft, so werden die Merkmale des Flüchtigen, der Transparenz und Leuchtkraft im Aquarell noch verstärkt. Trotz der großen Spontaneität sind die Farbflächen, die viel Freiraum zwischen sich lassen, mit großer Treffsicherheit platziert. Die Komposition als Ganzes ist überlegt und stimmig konstruiert.
Die abstrakte, farbige Bildform ist jedoch keine l’art-pour-l’art-Malerei, sondern sie umschreibt einen gegenständlichen Inhalt. Der sitzende „Hirte“ wird vom Halt suchenden Arm einer stürzenden Figur umfangen, deren nackter Oberkörper im Ausschnitt am linken Bildrand angedeutet ist. Durch dieses Motiv erhält auch der Gesichtsausdruck des Hirten eine besondere Bedeutung. Sein Blick richtet sich wehmütig auf den fallenden Freund. So verbindet das Aquarell mit der perfekten abstrakten Gestaltung die inhaltliche Tiefe der Trauer um den Freund. Auf jeden Fall trägt der „Hirte“, wie man sieht, das Herz auf dem rechten Fleck. Günther Gercken, Lütjensee
Georg Baselitz (Deutschbaselitz/Saxony 1938 – lives in Salzburg)
Der Hirte. 2007
Watercolour on laid paper. 66,9 × 50,5 cm ( 26 ⅜ × 19 ⅞ in.). Dated and signed in pen and India ink lower left: 9.XII.07 G Baselitz.
[3410]
Provenienz: Galerie Schönewald, Düsseldorf
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Dessins, aquarelles et pastels
À propos de la vente
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