Lot 327
Georg Kolbe Zorn (Flamme) Steinplastik. Muschelkalk. Höhe 173,5 cm. Rückseitig am Sockel seitlich rechts monogrammiert 'GK' (ligiert). - Altersbedingt mit Verwitterungsspuren. Professionell restauriert und gereinigt. Vgl. Berger 53 (Holzvariante) Mit einem Gutachten von Ursel Berger, Berlin, vom 29. März 2016 Provenienz Ehemals Sammlung Schniewind, Neviges; Privatbesitz Nordrhein-Westfalen (seit 1977), seitdem in Familienbesitz Literatur Deutsche Kunst und Dekoration, Darmstadt, Band LIII (Okt. 1923 - März 1924), Januar 1924, S. 201 mit Abbildungen ("Holzplastik 'Zorn', Dreiviertel Lebensgrösse 1923."), vgl. auch allgemein den vorlaufenden Artikel von Georg Kolbe, "Begleit-Wort", S. 195-196; Rudolf G. Binding, Vom Leben der Plastik. Inhalt und Schönheit des Werkes von Georg Kolbe, Berlin 1933, S. 28 mit Abb. (Atelierfoto) Die wiederentdeckte lebensgroße Steinfassung der Skulptur "Zorn" (zu Lebzeiten Kolbes auch "Flamme" genannt) stellt eine wesentliche Ergänzung des bekannten Oeuvres von Georg Kolbe dar. Sie war bislang nur durch ein von der Fotografin und ersten Leiterin des Georg-Kolbe-Museums, Margrit Schwartzkopff (1903-1969), beschriftetes Dokument als vermutet bekannt. Wohl um 1922/1923 entstanden, fand die Steinfassung Aufstellung im Rosengarten der Familie Schniewind in Neviges, wo ihr seit Jahrzehnten, auch nach dem Besitzerwechsel des Anwesens in den 1970er Jahren, bis zum Januar 2016 ein verträumtes wie abgschirmtes Dasein vergönnt war (s. Vergleichsabb.). Zum Medium, zur Existenz und zu ihrem Verbleib hatte man bislang keinerlei weitere Erkenntnis (vgl. Ursel Berger, Georg Kolbe - Leben und Werk, mit dem Katalog der Kolbe-Plastiken im Georg-Kolbe-Museum, Berlin 1990, S. 262). Das ursprünglich dem Motiv zugrunde liegende Gipsmodell des Künstlers ist auf einem historischen Atelierfoto zu entdecken (s. Vergleichsabb.). Das Kolbe-Museum verwahrt darüberhinaus eine etwas kleinere, farbig gefasste Holzvariante (Höhe 166 cm, s. Berger 53). "Die vergrößerten Ausführungen sowohl in Stein als auch in Holz [...] stammen von Alfred Dietrich oder Josef Gobes, die beide als Steinmetzen häufig für den Bildhauer arbeiteten und damals eine Ateliergemeinschaft gebildet hatten [...]. Für Holzschnitzarbeiten ist eine Qittung von Dietrich und Gobes vom Juni 1923 im Georg-Kolbe-Museum erhalten. In jener Zeit dürfte auch die Steinfigur hergestellt worden sein. [...] Dass Kolbe 1922/23 einige Figuren in Stein oder Holz - statt wie üblich in Bronze - herstellen ließ, war durch die Inflation begründet: Wegen der galoppierenden Geldentwertung konnte der zeitaufwendige Bronzeguss kaum noch kalkuliert werden, sodass Kolbe auf andere Materialien auswich." (Ursel Berger in ihrem Gutachten). Berger schliesst nicht aus, dass diese Figur im Zusammenhang mit einem Denkmalsentwurf, vielleicht einem Gefallenen-Denkmal, entwickelt worden ist. Die ausdrucksstarke Skulptur ist Kolbes expressionistischem Werk zuzuordnen und steht stilistisch in der Reihe vergleichbarer Plastiken aus den frühen 1920er Jahren, die aus der inneren Bewegung und dem formalen Antagonismus von Körper und Gewand ihre künstlerische Spannung beziehen. Zur berühmtesten Ikone aus dieser Zeit wurde die Bronze "Adagio", aber auch die Stein- und Holzskulpturen von "Erwachen", "Törichter Engel" oder "Nonne". Inspiriert vom Ausdruckstanz wird über die Geste und die Form ein Seinszustand vermittelt, der auf den Ausdruck einer Emotion, einer starken inneren Bewegung zielt. Ein ins Überzeitliche zielender, hoher Abstraktionsgrad und eine gratige, kubistisch beeinflusste Stilisierung der Details lässt sich dabei beobachten und ist für diese Werkphase typisch. Die raumgreifende, gestreckte Bewegung der hier fast lebensgrossen Figur ist beachtlich: die federnde, leicht nach hinten geworfene Biegung des Leibes, die sich aus den gebeugten Knien ergibt, strafft sich im Oberkörper durch die ausgestreckten Arme mit den geballten Fäusten, die den Mantel wie in einer Geste der Befreiung weit hoch und weg zu zerren scheinen. Im Vorwort zur ersten Ausstellung der "Freien Secession" 1919 nach dem Krieg hatte Kolbe vermutlich selbst geschrieben: "Zersetzung und Auflösung sind das, was uns der Krieg hinterließ. Kein Einhalt scheint möglich, ein Aufbäumen noch nicht denkbar. Eben deshalb müssen die wenigen Kräfte wieder und wieder zu kommenden Werken gesammelt werden. In diesem Sinne halten wir unsere Ausstellung für notwendig... Wir Lebenden wollen weiter unsere Hände rühren und alle Tage der Kunst weihen." (zit. nach: Ursel Berger, op. cit. Berlin 1990, S. 64). Es wurden damals auch Werke von Wilhelm Lehmbruck gezeigt. Bei der Beerdigung dieses Künstlers waren sich Georg Kolbe und Karl Schmidt-Rottluff begegnet. Sie reisten 1923/1924 gemeinsam nach Italien und Frankreich, und es sollte sie nach diesem Aufbruch und dieser Zäsur eine lebenslange Freundschaft verbinden. Aus diesem Kontext einer aufgewühlten, politisch wie künstlerisch revolutionär gestimmten Zeit ist diese starke, expressiv gestimmte Plastik Georg Kolbes zu verstehen. Georg Kolbe Zorn (Flamme) Stone sculpture. Shell limestone. Height 173.5 cm. Monogrammed 'GK' (joined) on the back right side of the base. - Age-related traces of weathering. Professionally cleaned and restored. Cf. Berger 53 (Wooden version) With an expertise by Ursel Berger, Berlin, dated 29 March 2016 Provenance Formerly collection Schniewind, Neviges; Private possession, North Rhine-Westphalia (since 1977); in family possession since Literature Deutsche Kunst und Dekoration, Darmstadt, vol. LIII (Oct. 1923 - March 1924), January 1924, p. 201 with illustrations ("Holzplastik 'Zorn', Dreiviertel Lebensgrösse 1923."), cf. also generally the previous article by Georg Kolbe, "Begleit-Wort", p. 195-196; Rudolf G. Binding, Vom Leben der Plastik. Inhalt und Schönheit des Werkes von Georg Kolbe, Berlin 1933, p. 28 with illus. (photo of the studio) The rediscovered, life-sized stone version of the sculpture “Zorn” (also called “Flamme” during Kolbe's lifetime) represents a substantial supplement to Georg Kolbe's known oeuvre. Until now it had been known as a probable work only through a document inscribed by Margrit Schwartzkopff (1903-1969), the photographer and first director of the Georg-Kolbe-Museum in Berlin. Presumably created around 1922/1923, the stone version was set up in the rose garden of the Schniewind family in Neviges. Until January of 2016 it enjoyed an enchanted and reclusive existence there for decades, also after the property changed owners in the 1970s (see comparative illus.). Previously no one had any further knowledge regarding its actual existence, execution and whereabouts (cf. Ursel Berger, Georg Kolbe - Leben und Werk, mit dem Katalog der Kolbe-Plastiken im Georg-Kolbe-Museum, Berlin 1990, p. 262). The artist's plaster model on which the motif was originally based can be detected on a photo of Kolbe's studio (see comparative illus.). A slightly smaller polychrome wooden variation is preserved in the Kolbe Museum (height 166 cm, see Berger 53). “The enlarged versions executed in stone as well as in wood [...] are by Alfred Dietrich or Josef Gobes, both of whom often worked for the sculptor as stonemasons and had formed a joint studio together at that time [...]. A receipt written by Dietrich and Gobes in June of 1923 for wood-carving work is preserved in the Georg-Kolbe-Museum. It is likely that the stone figure was also produced at that time. [...] The fact that, in 1922/23, Kolbe had several figures produced in stone or wood - instead of the usual bronze - was a result of the inflation crisis: because of money's rampant devaluation, it was scarcely possible to calculate the costs of a time-consuming bronze casting, with the result that Kolbe turned to other m
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