Lot 845
Gerhard Richter (Dresden 1932 – lebt in Köln) Konzeptblatt zu „Farbfelder. 6 Anordnungen von 1260 Farben“ / Probedruck zu „Farbfelder. 6 Anordnungen von 1260 Farben“ / Mappe zu „Farbfelder. 6 Anordnungen von 1260 Farben“.. 1974 Konzeptblatt: Filzstift in Schwarz und Bleistift auf zwei aneinander montierten Kartons / Probedruck: Farboffset auf weißem Karton (Gelb-Blau-Rot) / Mappe: 6 Farboffsets, jeweils auf weißem Karton. 65,4 × 80 cm / 62,6 × 77,5 cm (64,5 × 79,2 cm) / Jeweils 62,5 × 77,5 cm (64,5 × 79,2 cm) ( 25 ¾ × 31 ½ in. / 24 ⅝ × 30 ½ in. (25 ⅜ × 31 ⅛ in.) / Jeweils 24 ⅝ × 30 ½ in. (25 ⅜ × 31 ⅛ in.)). Konzeptblatt: Unten rechts datiert und signiert: 19. Mai - 74 - G. Richter sowie rückseitig bezeichnet: GERHARD RICHTER FARBFELDER 1260 Farben in 6 Anordnungen. Dort mit dem Stempel in Braun: Slg. Carl Vogel Hamburg. Probedruck: Betitelt, bezeichnet, signiert und datiert: Gelb - Blau - Rot Druckprobe. Mappe: Jeweils betitelt, signiert und datiert. Butin 51a-51f / Butin 51c.– Probedruck außerhalb der Auflage. Galerie Heiner Friedrich, München 1974 6 Farboffsets: Jeweils eines von 32 numerierten Exemplaren. Galerie Heiner Friedrich, München 1974. [3107] Provenienz: Sammlung Carl Vogel / Privatsammlung, Berlin Literatur und Abbildung: Stefan Koldehoff im Gespräch mit Gerhard Richter: Gerhard Richters frühe Polemik gegen die Abstraktion. In: Grisebach. Das Journal. Heft 6, Berlin 2016, S. 17-19, m. Farbabbildung Gerhard Richters Konzept für seine Farbfelder-Druckgrafiken von 1974 Hubertus Butin Sol LeWitt als einer der wichtigsten amerikanischen Konzeptkünstler äußerte 1967 auf programmatische Weise: »Bei konzeptueller Kunst ist die Idee oder die Konzeption der wichtigste Aspekt der Arbeit. Wenn ein Künstler eine konzeptuelle Form von Kunst benutzt, heißt das, dass alle Pläne und Entscheidungen im Voraus erledigt werden und die Ausführung eine rein mechanische Angelegenheit ist.« Es gibt wenige Arbeiten von Gerhard Richter, bei denen diese Definition von Sol LeWitt so zutreffend erscheint wie bei der 1974 produzierten Grafikmappe Farbfelder. 6 Anordnungen von 1260 Farben. Die sechs Offsetdrucke enthalten jeweils 1260 Farben in Form von kleinen, neben- und untereinander angeordneten Rechtecken, wobei jedes Blatt eine andere Verteilung der Farbtöne aufweist. Um das Konzept für diese Grafikserie festzulegen, fertigte Richter mit Bleistift und schwarzem Filzschreiber eine Zeichnung auf Karton an. Sie zeigt die Kästchen noch ohne Farben; stattdessen weisen die Rechtecke jeweils eine dreistellige Zahl auf, die der Künstler in die Flächenformen hineingeschrieben hat. – Diese Zeichnung ist nicht Bestandteil der Grafikmappe, sondern existiert als bedeutendes, kunsthistorisch aufschlussreiches Unikat. – Um die Anzahl von 1260 Farben zu erreichen, wandte Richter einen mathematischen Schlüssel an: Aus den Zahlen 001 bis 999 wurden 999 Farbtöne gebildet, zu denen noch 261 Extratöne addiert wurden, um die gewünschte Rechteckform der Anordnungen zu erhalten, die aus 999 Farben nicht hätte gebildet werden können. Somit ergaben 42 vertikal mal 30 horizontal angeordnete Farbtöne die Rechteckform des jeweiligen Blattes mit seinen 1260 Kästchen. Ein Beispiel kann die vom Drucker vorgenommene Umsetzung einer von Richter notierten Zahl in einen bestimmten Farbton verdeutlichen: Ziffer 258 = 2 Teile Rot + 5 Teile Blau + 8 Teile Gelb = Olivgrün hell. In einigen Kästchen erscheint anstatt einer Zahl ein kleines »V«, das »Vollton« bedeutet, sodass dieser Farbton mit einhundert Prozent gedruckt werden sollte. Die Reihenfolge der Zahlen und die daraus resultierenden Farbtöne wurden für alle Kästchen des ersten der sechs Offsetdrucke durch den Künstler ausgelost, indem er Papierzettel mit Nummern aus einem Eimer zog. Richter hat also den Zufall als ein zentrales bildkonstituierendes Prinzip eingesetzt. Die auf diese Weise ermittelten Zahlenfolgen wurden dann für die weiteren fünf Blätter beibehalten, allerdings vertauschte der Drucker nach Angaben des Künstlers die jeweiligen Farbanteile, sodass zum Beispiel die erwähnte Ziffer 258 nicht mehr ein helles Olivgrün, sondern beim nächsten Druck ein gedecktes Blauviolett ergab. Die Farbmischungen wurden von Richter konzeptuell zwar vor der Produktion festgelegt, doch sichtbar wurden sie im Ergebnis erst durch den Druck. Nicht nur die Serie der sechs Blätter, sondern auch die Zeichnung mit ihren Ziffern hat einen künstlerisch bildmäßigen Charakter, den Richter durch seine Signatur auf dem Karton unten rechts bestätigt hat. Auf jedem Exemplar der Druckgrafiken wurde von Richter mit Bleistift unten links außerdem die jeweils gültige Farbkombination vermerkt: Gelb – Rot – Blau oder Rot – Blau – Gelb und so weiter. Neben dem Konzept des Zufalls ist das Prinzip des Seriellen die zweite grundlegende Kategorie, welche die Farbfelder-Mappe konstituiert. Serialität als künstlerisches Konzept und als Gestaltungsform basiert immer auf dem Prinzip der Wiederholung des Gleichen oder zumindest Ähnlichen. Die Zeichnung wie auch die sechs Druckgrafiken weisen eine strenge Bildorganisation auf, der ein serielles und symmetrisches Ordnungsprinzip zugrunde liegt: Die rechtwinklige Anordnung der Farbkästchen und ihre weißen Zwischenräume bilden eine gleichmäßige Rasterstruktur. Dabei stehen alle bildnerischen Elemente in einem egalitären Verhältnis zueinander, denn sie sind prinzipiell nicht nur gleichförmig, sondern auch völlig gleichwertig. Dieses serielle Prinzip gilt sowohl für die innere Bildstruktur als auch für die Erscheinung aller sechs Drucke, wenn man sie nebeneinanderlegt. Deshalb kann bei jener Arbeit auch nicht von einer auf Kontrasten basierenden Komposition gesprochen werden, sondern nur von einer nicht relationalen Struktur. Dies bedeutet nicht zuletzt, dass Richter die Farben ohne jeglichen Ausdruckswert und auch ohne jede Symbolik vorführt. Indem er unter Ausschluss jeder Subjektivität die Farbtöne durch das Los ermittelte, erzeugte er ein bewusst organisiertes Chaos im Sinne eines Zustands höchster Unordnung. Das Auslosen als Zufallsgenerator verhindert zwangsläufig eine Ordnung nach den Abstufungen eines Farbspektrums oder nach intendierten kompositorischen Kontrasten. Während die Rechtecke durch das Raster ein Höchstmaß an Ordnung zeigen, vermittelt sich die Verteilung der Farben als ein Höchstmaß an Unordnung. Richters Farbfelder sind damit geradezu ein Musterbeispiel einer farblich hierarchielosen Sprache der Kunst. Bei der grundsätzlichen Reflexion der Möglichkeiten einer zeitgenössischen Kunst hat Richter mit diesen Druckgrafiken und der Zeichnung ein Motiv gefunden, das natürlicherweise Teil seines historischen Kontextes ist, wenn man an die historisch gleichzeitige Conceptual Art, Minimal Art und Farbfeldmalerei denkt. Doch er hat eine besonders radikale künstlerische Produktionsform entwickelt, indem er mehrere grundlegende Aspekte zusammengeführt hat: das Konzept des Zufalls als bildkonstituierendes Prinzip, die Anwendung streng serieller und antikompositioneller Rasterstrukturen, die Ablehnung akademischer Farbtheorien und die weitgehende Ausschaltung subjektiver Kategorien. Trotz oder gerade aufgrund dieser Abwendung von traditionellen Formen der Bildfindung sind die Farbfelder-Mappe und ihre konzeptuelle Zeichnung unverkennbar Werke, die das künstlerische Denken Gerhard Richters auf beeindruckende Weise veranschaulichen. Gerhard Richter (Dresden 1932 – lives in Cologne) Concept sheet for „Farbfelder. 6 Anordnungen von 1260 Farben“ / Trial proof for „Farbfelder. 6 Anordnungen von 1260 Farben“ / Portfolio „Farbfelder. 6 Anordnungen von 1260 Farben“. 1974 Concept sheet: back felt-tip pen and pencil on two sheets of cardboard mounted together / Trial proof: colour offset on white cardboard (yellow-blue-red) / Portfolio: 6 colour offsets, each on white cardboard. 65,4 × 80 cm / 62,6 × 77,5 cm (64,5 × 79,2 cm) / each 62,5 × 77,5 cm (64,5 × 79,2 cm) ( 25 ¾ × 31 ½ in. / 24 ⅝ × 30 ½ in. (25 ⅜ × 31 ⅛ in.) / each 24 ⅝ × 30 ½ in. (25 ⅜ × 31 ⅛ in.)). Concept sheet: Signed and dated lower right: 19. Mai - 74 - G. Richter and inscribed on the reverse: GERHARD RICHTER FARBFELDER 1260 Farben in 6 Anordnungen. There, with the stamp in brown: Slg. Carl Vogel Hamburg. Trial proof: Titled, inscribed, signed and dated: Gelb - Blau - Rot Druckprobe. Portfolio: Each titled, signed and dated. Butin 51a-51f / Butin 51c.– Trial proof aside from the edition. Galerie Heiner Friedrich, Munich 1974. 6 colour offsets: Each one of 32 numbered copies. Galerie Heiner Friedrich, Munich 1974. [3107] Provenienz: Collection Carl Vogel / Private collection, Berlin Literatur und Abbildung: Stefan Koldehoff im Gespräch mit Gerhard Richter: Gerhard Richters frühe Polemik gegen die Abstraktion. Grisebach. Das Journal. Issue 6, Berlin 2016, p. 17-19, colour ill.
Crédits photos : Contacter la maison de vente
Dessins, aquarelles et pastels
À propos de la vente
Catalogue
Art Contemporain
10719 Berlin - Allemagne
02/12/2016
Proposé par Grisebach
0049 30 885 915 0