Lot 311
Gottlieb Wilhelm Hamann (Wohl Berlin 1754 – 1826 Berlin) Der Schreibtisch mit den Postamenten – wohl nach einem Entwurf von Christian Friedrich Gottlieb Schadow (1761–1831). Kurz nach 1800 Mahagoni auf Nadelholz, Ahorn (evtl. Linde), Wacholder; vergoldete Bronzen von Johann Christoph Ermisch, Berlin; Wedgwoodplaketten (ergänzt); Leder. 118 × 140 × 72 cm ( 46 ½ × 55 ⅛ × 28 ⅜ in.). [3068] Provenienz: Bis 1996 Privatsammlung, USA / 1996 Sammlung Gianni Versace (1946-1997), New York / Bis 2006 dessen Schwester Donatella Versace (geb. 1955), New York / 2006 Kunsthandlung Frank C. Möller, Hamburg / 2011 Privatsammlung, Rheinland Ausstellung: TEFAF Messe Maastricht, Kunsthandlung Frank C. Möller Hamburg, März 2010 Literatur und Abbildung: Auktionskatalog: Sotheby's, New York, 20. Mai 1995, Los 266 (als „Russian“) / Auktionskatalog: Sotheby's, New York, 18. Mai 1996, Los 421 (als „Russian“) / Auktionskatalog: The Collection of Gianni Versace, Sotheby's, New York, 21. Mai 2005, Los 260 / Achim Stiegel: Berliner Möbelkunst vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, München 2003, S. 411f., S. 498, Abb. S. 421 (3) Archivalien Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin (GStA) Königin Luise von Preußen wusste genau, wie sie sich ihre Welt vorstellte. Bei ihren Kleidern, dem Schmuck, für den sie selbst Zeichnungen anfertigte, und auch bei den Um- und Ausgestaltungen ihrer Residenzen waren ihre Anweisungen an die ausführenden Künstler präzise. So entstanden zwischen 1797 und 1810 auch eigenwillige Möbelkreationen nach Wünschen der jungen Königin, von denen sich jedoch nur wenige erhalten haben. Unser Schreibtisch mit Postamenten ist eine zeitgenössische Variante von Luises Schreibtisch in deren Potsdamer Arbeitszimmer, der kurz nach 1800 vom Berliner Tischlermeister Hamann gefertigt wurde. Mit seinen feinen Bronzen und seiner architektonisch gedachten Form dürfte das Möbel auf eine Idee der Königin selbst zurückgehen. Sein scheinbar zeitloses „Design“ begeisterte gut zweihundert Jahre später auch den umjubelten Modezaren Gianni Versace. Seit 1798 gestaltete das Königspaar seine Residenzen in Berlin und Potsdam im Geschmack des Frühklassizismus um. Während der junge König dabei in seinem „schlichten einfachen wirtschaftlichen Sinn“ (Seidel 1909, S. 213) auf die Kostenbremse trat und „simplicité“ einforderte, hieß es über Luises Vorstellungen für die Möbel im Königlichen Palais: „Die Meubles will die Königin sich selber machen lassen“ (Brief an Valentin von Massow, zit. nach Frank C. Möller: 18 Objekte um 1800, Hamburg 2014, S. 36). Auch im Potsdamer Stadtschloss kam es damals zu Neuschöpfungen, die „das Feinste, Stilvollste und zum Teil Originellste sind, was in Potsdam und Berlin um die Wende des Jahrhunderts an Innendekorationen geschaffen worden ist“ (Seidel 1909, S. 247). Es entstanden repräsentative Raumfassungen in klaren Linien, mit noblen Hölzern und fein ziselierten antikischen Bronzepalmetten, die nach Entwürfen von Hofbauinspektor Christian Friedrich Gottlieb Schadow ausgeführt wurden. Schadow hatte ab 1787 unter Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff (1736–1800) bei der Ausgestaltung der Königskammern im Berliner Schloss mitgearbeitet und folgte bei seinen architektonisch gedachten Innenraum- und Möbelentwürfen dem Stil seines Lehrers. Gleichzeitig wurde im nordwestlichen Kopfbau des Potsdamer Stadtschlosses eine Wohnung für die Königin eingerichtet, bei der der bauverantwortliche Schadow indes mit den überkommenen Rokokofassungen auskommen musste, da hier das Spardiktat des Königs griff. Deshalb legte die Königin in diesen, ihren Räumen besonderen Wert auf eine innovative Möblierung, die der Vorgabe des Königs folgte, „einfaches, neues Meublement an Stelle des alten reicheren angebracht zu sehen“ (Friedrich Wilhelm III. an Massow, 13. Mai 1799). Für das Arbeitszimmer lieferte der Berliner Tischler Gottlieb Wilhelm Hamann im April 1800 einen Schreibtisch, der das teuerste der für die Räume der Luisen-Wohnung angeschafften Möbel war. Mit den Bronzearbeiten von Johann Christian Ermisch kostete der Tisch stolze 190 Taler (GStA, I. HA, Gr, Rep. 36, Nr. 3533 - hier Nr. 11 und 61). Hamann war an den Umbauten im Berliner Kronprinzenpalais seit 1793 beteiligt und hier unter anderem für die Wandverkleidungen zuständig gewesen. Zur selben Zeit hatte der Berliner Tischlermeister auf den Akademieausstellungen 1795 und 1797 raffinierte Schreibtische mit „vorspringenden Thüren und Schubkästen“ präsentiert, einmal mit eingebautem Zimmerbrunnen und einmal mit einem Spielwerk (Katalog der Akademieausstellung 1795, Nr. 200 und 1797, Nr. 220) – was die Auftragsvergabe nun auch für den eigenwilligen Schreibtisch der Königin in Potsdam an ihn begründen mag. Zwischen zwei hohe, schlanke Postamente für Marmorskulpturen spannte Hamann bei Luises Potsdamer Schreibtisch eine große Schreibfläche mit elegantem Rollverschluss, der die königliche Arbeitsfläche gegen neugierige Blicke schützen sollte. Zierde des „Mahagonij Schreib Tisches“ war die gekonnt eingesetzte Maserung des Holzes, die im Kontrast zu den vergoldeten, laut Rechnung „arabösquen“ (GStA, I. HA, Rep. 36, Nr. 3533, 61), Palmetten stand. Versteckte Drücker ließen – wie von Zauberhand – seitlich Türen aufspringen und zwei Schubladen hervorschnellen, die mit Plaketten der englischen Manufaktur Wedgwood verziert waren. Der Möbelkenner Achim Stiegel lobt den Potsdamer Schreibtisch der Königin daher als „ungewöhnlich aufgebautes Möbel, das in seinen Bestandteilen auf raffinierte Weise aufeinander abgestimmt“ sei (Stiegel 2001, S. 144). Der Potsdamer Schreibtisch war die Kreation eines streng architektonisch denkenden Entwerfers, vielleicht von Architekt Schadow, und erinnert in seiner Proportionierung an das berühmte, 1778 in Paris eröffnete Hôtel de Thellusson mit seinen pilasterartig ein Säulenhalbrund flankierenden Bauteilen. Der Tisch orientierte sich jedoch vor allem an den individuellen Wünschen der auftraggebenden Königin, die augenscheinlich zwei Skulpturen von Bartolomeo Cavaceppi maßgeschneidert eingebunden wissen wollte. So wurde der eigentliche Schreibtisch zwischen die charakteristischen Postamente gesetzt, die wiederum ihre Funktion des Aktenbewahrens verbargen. Die originalen Skulpturen wurden 2001 stark beschädigt aus ehemaligem Abraumschutt des Potsdamer Stadtschlosses geborgen (heute Untere Denkmalschutzbehörde, Potsdam). Der sich daraus ergebende monumentale Charakter des Möbels verband sich mit einer sehr persönlichen Gestaltungsfreude der Königin. Luises Potsdamer Schreibtisch war dabei äußerlich Möbel der Repräsentation und zugleich Refugium der Intimität, denn hier entstand die private Korrespondenz der Königin. Wie ihren Zeitgenossen galt Luise das Briefeschreiben als wichtiger persönlicher Reflexions- und Rückzugsmoment in politisch bewegten Zeiten. Vor diesem Hintergrund waren gerade Schreibmöbel um 1800 beliebte besondere Geschenke innerhalb der königlichen Familie, so 1795, als Luise ihrem Sohn einen Mahagonischreibtisch zum Geburtstag anfertigen ließ (vgl. GStA, BPH, Rep. 49 NI, Nr. 49). Später jubelte Luise über ein Geschenk ihres Vaters: „So einen himmlischen Schreibtisch hab’ ich noch nicht gesehen, er macht mir gerade eine kindische Freude, und ich arrangiere den ganzen Tag, beseh’ ihn von allen Seiten, sitze dafür und freue mich alle Augenblicke mehr über seine Schönheit und Bequemlichkeit“ (Brief Luise, 14. März 1810). Neben Schönheit und „simplicité“ trat mit Geheimfächern die fast schon schwärmerische Liebe für Verstecke und Spielereien hinzu. Besonders die klassizistischen Möbelkreationen David Roentgens, die Luise aus den Berliner Schlössern kannte, waren berühmt für ihre geheimen Fächer, die „Hintertürchen“ der rationalen Welt der Aufklärung hinein ins Schwärmerisch-Geheimnisvolle der Epoche der Empfindsamkeit waren. Vielleicht gingen deshalb die königlichen Schreibtischgeschenke meist an weibliche Familienmitglieder, wie die Geschenklisten des Hofes verraten (vgl. GStA, BPH, Rep. 49 G, Nr. 33). Ein solch repräsentatives und gleichzeitig persönliches Geschenk des preußischen Königspaares muss auch unser Schreibtisch gewesen sein. Bei dem kurz nach 1800 entstandenen Mahagonimöbel handelt es sich um eine nur geringfügig abweichende Variante des Schreibtisches, den Luise für ihr Arbeitszimmer in Auftrag gegeben und „erfunden“ hatte. Während dieser stets im Potsdamer Stadtschloss blieb, wo er im Zweiten Weltkrieg verbrannte, war das Schwestermöbel von Preußen aus in die Welt gesandt worden. Als „Ort der Intimität“ dürfte es ursprünglich einer der Königin sehr nahestehenden Person vorbehalten gewesen sein; auch weil solch ein Möbel in der Krisenzeit der Französischen Revolution repräsentatives Luxusgut war. Wer unseren königlichen Schreibtisch erhielt, ist jedoch unklar. Erst 1995 findet sich seine Spur in New York wieder: Im Auktionskatalog als „russisch“ beschrieben, wechselte der Schreibtisch in den Besitz von Modeschöpfer Gianni Versace, der „Luises Kreation“ in einem seiner Schlafzimmer in Manhattan aufstellte. SK Vergleichsliteratur: Paul Seidel: Die Zimmer-Einrichtungen König Friedrich Wilhelms III. und der Königin Luise im Potsdamer Stadtschlosse; in: Hohenzollern-Jahrbuch, Jg. 13 (1909), S. 246–264, S. 263 Wir danken Andreas Büttner, Braunschweig, für freundliche Hinweise. Gottlieb Wilhelm Hamann (Presumably Berlin 1754 – 1826 Berlin) Desk with pedestals – possibly after a design by Christian Friedrich Gottlieb Schadow (1761–1831). Shortly after 1800 Mahogany on pinewood, maple (possibly lime), juniper; gilt bronzes by Johann Christoph Ermisch, Berlin; Wedgwood plates (reconstructed); leather. 118 × 140 × 72 cm ( 46 ½ × 55 ⅛ × 28 ⅜ in.). Wedgwood plates reconstructed. [3068] Provenienz: Until 1996 private collection, USA / 1996 collection Gianni Versace (1946-1997), New York / Until 2006 his sister Donatella Versace (born 1955), New York / 2006 Kunsthandlung Frank C. Möller, Hamburg / 2011 private collection, Rhineland Ausstellung: TEFAF Maastricht, Kunsthandlung Frank C. Möller Hamburg, March 2010 Literatur und Abbildung: Auction catalogue: Sotheby's, New York, 20 May 1995, Lot 266 (as „Russian") / Auction catalogue: Sotheby's, New York, 18 May 1996, Lot 421 (as „Russian") / Auction catalogue: The Collection of Gianni Versace, Sotheby's, New York, 21 May 2005, Lot 260 / Achim Stiegel: Berliner Möbelkunst vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, Munich 2003, p. 411 f., p. 498, lll. p. 421 (3) / Michael Zajonz: Reichtum und Klugheit; in: Der Tagesspiegel, 18 March 2011 Archives: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin (GStA), Brandenburg-Preußisches Hausarchiv (BPH) Related literature: Paul Seidel: Die Zimmer-Einrichtungen König Friedrich Wilhelms III und der Königin Luise im Potsdamer Stadtschlosse; in: Hohenzollern-Jahrbuch, vol. 13 (1909), p. 246–264, p. 263. We would like to thank Andreas Büttner, Braunschweig, for kindly providing additional information
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Orangerie - Objets Sélectionnés
10719 Berlin - Allemagne
01/12/2016
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