Lot 205
Hans Thoma (Bernau 1839 – 1924 Karlsruhe) Landschaft im Sturm. 1892 Öl auf Leinwand. Doubliert. 75 × 97 cm ( 29 ½ × 38 ¼ in.). Unten rechts monogrammiert (ligiert) und datiert: HTh 92. Auf dem Keilrahmen ein Stempel und ein Aufkleber der Kunsthandlung J. P. Schneider jr., Frankfurt a.M. [3200] Provenienz: Kunsthandlung J. P. Schneider, Frankfurt a.M. (um 1900) / Ferdinand Hirsch, Frankfurt a.M. (spätestens 1909 bis 1916) / Anna Pauline Hirsch, Witwe von Ferdinand Hirsch (1916 bis 1925) / Sammlung Georg Schäfer, Schweinfurt (Inv.-Nr. 4178 erworben 1961 im Kunsthandel, München, bis ca. 1990) Ausstellung: Thoma-Ausstellung. Gemälde von Hans Thoma aus deutschem Privatbesitz. Berlin, National-Galerie, 1922, Kat.-Nr. 159 / Hans Thoma 1839–1924. Gemälde und Zeichnungen aus der Sammlung Georg Schäfer. Schweinfurt, Altes Rathaus Augsburg, Städtische Kunstsammlungen Karlsruhe, Staatliche Kunsthalle, und Kiel, Kunsthalle zu Kiel der Christian-Albrechts-Universität und Schleswig-Holsteinischer Kunstverein, 1989/90, Kat.-Nr. 39, mit ganzseitiger Farbabbildung Literatur und Abbildung: Henry Thode: Thoma, des Meisters Gemälde in 874 Abbildungen. Stuttgart und Leipzig, Deutsche Verlags-Anstalt, 1909 (= Klassiker der Kunst, Bd. 15), S. XLV, Abb. S. 351 / Henry Thode (Hrsg.): Hans Thoma. VI. Gemälde in Frankfurt am Main. Frankfurt a.M., Verlag von Heinrich Keller, 1910, S. 459, Abb. 69 / Ludwig Justi (Hrsg.): Hans Thoma. Hundert Gemälde aus deutschem Privatbesitz. Berlin, Reimer u. Vohsen, 1922, Tf. 35 Für Hans Thoma Begrenze und begreife Das war der rechte Rat damals bei Sorg und Saat. Jetzt ist erfüllt die Zeit: Es rauscht die Welt von Reife und von der Stirne streife Dir die Nachdenklichkeit Rainer Maria Rilke „Begrenze und begreife“, heißt es in Rilkes „Lied, geschrieben für Hans Thoma“ zum 60. Geburtstag 1899. Seit knapp zehn Jahren führte Thoma ein von existenziellen Sorgen weitgehend befreites Künstlerleben in Frankfurt am Main - eine „erfüllte“, eine „von Reife“ berauschte Zeit, in der viele seiner besten Arbeiten entstanden. Zu diesen besten Arbeiten zählen zweifelsohne die Landschaften aus seiner mitteldeutschen Heimat. Sie offenbaren den „geborenen Realisten“, der „nichts anderes“ malte, als was er „selber gesehen, ja, selber gelebt“ hatte, so der Künstler. Unser Gemälde aus dem Jahr 1892 zeugt in eindrucksvoller Weise von Thomas individueller, künstlerisch gereifter Landschaftsmalerei. Von einer Anhöhe schweift unser Blick über die in sanften Hügeln sich erstreckende Wald- und Wiesenlandschaft der Nidda-Gegend. Der hoch gelegene Horizont zieht in der Ferne eine strenge Waagerechte, die nur von einer Baumkrone am äußersten linken Rand durchbrochen wird. Malerisch zusammengefasste, voluminöse Busch- und Baumgruppen durchweben die Komposition und geben lediglich vereinzelt den Blick auf den silbrig schimmernden Fluss im Mittelgrund frei. Ihre undurchdringliche, plastisch-amorphe Form steht in einem reizvollen Kontrast zu den flächig aufgefassten Rasenstücken. Die kugeligen, zum rechten Rand hin auslaufenden Baummassen bestimmen den melodischen Rhythmus der Landschaft und leiten zugleich den Betrachterblick. Die Bewegungsrichtung in das Bild hinein wird auch durch die nahsichtigen Wiesenblumen in der linken unteren Bildecke betont, auf die der in der Ferne lockende, hell- bis grellgrüne Wiesenstreifen vor der am äußersten rechten Horizont erkennbaren Stadt antwortet. Doch belässt Thoma es nicht dabei. Im Gegensatz zu der zwei Jahre zuvor entstandenen menschenleeren „Nidda-Landschaft“ in hellem Sonnenlicht (Thode 1909, S. 308) kommt in unserer „Sturm-Landschaft“ der Wind als wesentliches, die Darstellung bestimmendes Element hinzu. Dieser Wind erschwert das „Hineinwandern“ in die Landschaft, denn er bläst nicht nur dem Bauernpaar im Vordergrund, sondern auch uns Betrachtern mit aller Kraft entgegen. Dunkle Wolken, nur von kleinen Sonnenlöchern durchbrochen, drängen auf uns zu. Windböen erfassen Baumgruppen, einzelne Vögel kreisen. Das eigentümliche Licht eines herannahenden Gewitters hat sich über die Ebene gelegt. Thomas intime Landschaftsmalerei und sein feines Gefühl für die gewachsenen geologischen Strukturen seiner heimatlichen Gegend, die sich im selben Moment lieblich-sanft und abwehrend schroff zeigen kann, zeugen von der poetischen Seele des Künstlers, der seine pantheistische Naturauffassung nicht verleugnet. Auch Thomas Figuren sind nie bloße Staffage. Vielmehr gehören sie zu der dargestellten Natur, sind ein Teil von ihr – wie auch in unserem Bild, in dem das als Rückenfiguren gezeigte Bauernpaar auf einen Kunstgriff der Romantik verweist. „Ich dachte, wenn ich einmal Bilder annähernd malte, wie sie mich traumartig umgaukelten, dieselben auch aller Welt gefallen müssten“, schrieb Thoma im gleichen Atemzug, in dem er sich selbst den „geborenen Realisten“ nannte. Er blieb seiner individuellen Kunstauffassung treu – trotz langer Durststrecken und einigem Gegenwind. Erst im Alter war „seine Zeit erfüllt“ (Rilke), und er wurde zum gefeierten Künstler. Die ruhige Intensität seiner Werke hatte Bestand, selbst gegenüber der Avantgarde der Impressionisten. In Museen und öffentlichen Sammlungen gehören Thomas Gemälde seither zu den hochrangigsten Ensembles deutscher Kunst des 19. Jahrhunderts. Anna Ahrens Wir danken Dr. Christoph Andreas, Kunsthandlung J. P. Schneider in Frankfurt a. M., für freundliche Hinweise zur Provenienz. Hans Thoma (Bernau 1839 – 1924 Karlsruhe) Landscape in a Storm. 1892 Oil on canvas. Relined. 75 × 97 cm ( 29 ½ × 38 ¼ in.). Monogrammed (joined) and dated lower right: HTh 92. On the stretcher a stamp and label of the art dealership J. P. Schneider jr., Frankfurt a.M. [3200] Provenienz: Kunsthandlung J. P. Schneider, Frankfurt a.M. (circa 1900) / Ferdinand Hirsch, Frankfurt a.M. (at the latest 1909 until 1916) / Anna Pauline Hirsch, widow of Ferdinand Hirsch (1916 until 1925) / the Georg Schäfer collection, Schweinfurt (inv. no. 4178 acquired 1961 from an art dealer in Munich, until approx. 1990) Ausstellung: Thoma-Ausstellung. Gemälde von Hans Thoma aus deutschem Privatbesitz. Berlin, National-Galerie, 1922, cat. no. 159 / Hans Thoma 1839–1924. Gemälde und Zeichnungen aus der Sammlung Georg Schäfer. Schweinfurt, Altes Rathaus Augsburg, Städtische Kunstsammlungen Karlsruhe, Staatliche Kunsthalle, and Kiel, Kunsthalle zu Kiel der Christian-Albrechts-Universität and Schleswig-Holsteinischer Kunstverein, 1989/90, cat. no. 39, with full-page colour illustration Literatur und Abbildung: Henry Thode: Thoma, des Meisters Gemälde in 874 Abbildungen. Stuttgart and Leipzig, Deutsche Verlags-Anstalt, 1909 (= Klassiker der Kunst, vol. 15), p. XLV, ill. p. 351 / Henry Thode (ed.): Hans Thoma. VI. Gemälde in Frankfurt am Main. Frankfurt a.M., publishing house of Heinrich Keller, 1910, p. 459, ill. 69 / Ludwig Justi (ed.): Hans Thoma. Hundert Gemälde aus deutschem Privatbesitz. Berlin, Reimer u. Vohsen, 1922, pl. 35 We would like to thank Dr. Christoph Andreas, of the Kunsthandlung J. P. Schneider in Frankfurt a.M., for kindly providing additional information regarding provenance
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Catalogue
Art du 19e siècle
10719 Berlin - Allemagne
01/06/2016
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