Lot 107
Jakob Philipp Hackert (Prenzlau 1737 – 1807 San Piero di Careggi ) ITALIENISCHE LANDSCHAFT. (Nach) 1782 Öl auf Leinwand. 101 x 138,5 cm ( 39 ¾ x 54 ½ in.). Nicht bei Nordhoff/Reimer. – Mit einem Gutachten von Dr. Claudia Nordhoff, Rom, vom 3. Dezember 2013.– Kleine Retuschen. [3185] Provenienz: Privatsammlung, Deutschland Der Landschaftsmaler Jakob Philipp Hackert hatte sogleich nach seinem Eintreffen in Rom im Jahre 1768 die Bekanntschaft des Hofrats Johann Friedrich Reiffenstein (1719-1793) gemacht, eine der einflußreichsten Persönlichkeiten des römischen Kunstlebens. Es entstand eine Freundschaft, die bis zu Reiffensteins Tod dauerte und der der junge Maler eine Vielzahl wichtiger Kontakte zu hochgeborenen Bildungsreisenden verdankte. Zu diesen zählte auch Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1745-1804), der im Sommer 1780 über Reiffensteins Vermittlung zwei großformatige Gemälde bei Hackert bestellte der vielbeschäftigte Künstler konnte die Bilder allerdings erst zwei Jahre später ausführen. Reiffenstein, der den Herzog regelmäßig über das römische Kunstleben auf dem laufenden hielt, informiert in einem Brief vom 9. Februar 1782, daß es sich bei den Gemälden zum einen um eine Landschaft mit der mythologischen Szene der Flucht der Vestalinnen aus Rom sowie zum anderen um eine „frey nach Schönen Scenen der Natur componirte Landschaft im Styl von Claude Lorrain“ handele. Das erste der beiden Bilder, noch heute in Gotha befindlich, zeigt im linken Vordergrund einen von einer Brücke überspannten Fluß. Dahinter breitet sich eine von Baumreihen durchzogene Ebene aus, und ein berggesäumter Meerbusen leitet den Blick bis zum Horizont. Ein hoher Baum rahmt den linken Bildrand am rechten Bildrand erhebt sich eine baumbewachsene Steilwand. Im rechten Vordergrund erblickt man ein Ochsengespann mit einem Mann in kurzer Tunika: Hier handelt es sich um den Römer Lucius Albinius, der den Priesterinnen der Vesta bei ihrer Flucht aus dem durch die Gallier bedrohten Rom im 4. Jahrhundert v. Chr. seinen Wagen zur Verfügung stellte. Die in lange Gewänder gehüllten Vestalinnen, deren eine das heilige Feuer aus dem römischen Vesta-Tempel, eine andere eine heilige Statue trägt, haben zum Teil bereits auf dem Karren Platz genommen, zum Teil stehen sie daneben. In der rechten unteren Bildecke sitzt eine Frau mit mehreren Kindern und schaut dem Geschehen zu. Das zweite an den Gothaer Herzog gesandte Gemälde ist heute verschollen es ist durch eine 1829 ausgeführte Kopie des Malers Christian Wenk (Lebensdaten unbekannt) überliefert und zeigt im Vordergrund musizierende Hirten in antikischen Gewändern unter einer Baumgruppe. Ein Fluß durchquert eine Landschaft im Mittelgrund, und ein antiker Tempel erhebt sich rechts unter Bäumen. Hackert fertigte zu den beiden Gemälden für den Herzog von Gotha zwei perfekt ausgeführte, kleinere „Präsentations-Bilder“ an, die als Studien für die großformatigen Leinwände dienten und sodann separat verkauft werden konnten: Eine Praxis, die in der ersten Hälfte der 1780er Jahre dokumentiert ist und die erneut von Hofrat Reiffenstein in seinem Brief vom 9. Februar 1782 beschrieben wird. Die beiden solcherart sorgfältig vorbereiteten Gemälde führen den Betrachter in eine antike Vergangenheit, die durch die mythologische Staffage, die antikisierenden Gewänder und die Präsenz des Tempels impliziert wird. Bilder dieser Art sind in Hackerts Werk nicht selten: Sie wurden als Alternative zu den realistischen „Landschafts-Portraits“ ausgeführt und für Kunden bereitgehalten, die allgemein gehaltene, „südliche“ Landschaften mit Anklängen an die antike Vergangenheit Italiens zu erwerben wünschten. Das vorliegende Gemälde nun zeigt dieselbe Landschaft wie das noch erhaltene Bild für den Herzog von Gotha, doch unter Verzicht auf die Figurengruppe der Vestalinnen es ist um weniges größer als das Gothaer Gemälde. Unser Bild stammt zweifellos von Jakob Philipp Hackert, der in der ersten Hälfte der 1780er Jahre eine Vielzahl von Aufträgen zu bewältigen hatte. Es nimmt folglich nicht wunder, daß der Künstler auch Repliken von Gemälden anfertigte, die bei den Kunden Gefallen fanden. So ist anzunehmen, daß ein Reisender 1782 das kleinere „Präsentations-Bild“ in Hackerts Atelier gesehen hatte, von der Landschaft angetan war, doch auf die Figurengruppe der Vestalinnen verzichten wollte. In unserem Gemälde sind es vor allem die meisterhaft wiedergegebenen Bäume, die die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich ziehen und deren Spezies sich deutlich voneinander unterscheiden: Der linke Bildrand wird von einer schlanken Kastanie gesäumt, deren fächerförmig angeordnete, längliche Blätter sich deutlich von dem Azurblau des Himmels abheben. Auf dem Felshang rechts hingegen wachsen zwei Schirmpinien, deren Kronen sich über anmutig verzweigtem Geäst entfalten und eindrucksvoll mit zwei schlanken, wie dunkle Kerzen emporstrebenden Zypressen kontrastieren. Zwischen den Zypressen wiederum erkennt man die typischen Wedel einer Palme, und ein weiterer Laubbaum – vielleicht eine Steineiche – wächst am rechten Bildrand. Die Palme und die Zypressen erscheinen nicht im „Präsentations-Bild“, doch sind sie im Gothaer Gemälde ebenfalls vorhanden – ein Hinweis darauf, daß der Kunde Hackerts die Baumgruppe im Gothaer Gemälde gesehen und ebenfalls in dieser Form in seinem Bild gewünscht hatte. Auch die Landschaft im Hintergrund unseres Gemäldes ist nicht vollständig frei erfunden, sondern an einer real existierenden Gegend orientiert: Der Betrachter erblickt einen Meerbusen, dessen Vorbild der Golf von Gaeta, zwischen Terracina und Neapel gelegen, geliefert hat. Im vorliegenden Bild hingegen fügen sich die verbleibenden Figuren eher unauffällig in die Landschaft ein, ohne beim Betrachter sofort Assoziationen an die klassische Antike zu wecken: Zwar ist der Mann mit kurzer Tunika und Sandalen bekleidet, doch tragen die sitzende Frau und ihre Kinder „zeitlose“ Kleider, die auch im 18. Jahrhundert nicht auffallen würden. In unserem Bild wurden die Figuren vom Maler näher aneinandergerückt, und der Blick der sitzenden Frau, der im Gothaer Bild den Vestalinnen gilt, ist nun auf den Mann gerichtet: Es könnte sich also ohne weiteres um eine Bauernfamilie aus der Gegend am Golf von Gaeta handeln, die hier mit ihren Ochsen eine Rast einlegt. In unserem Gemälde lenkt nichts den Betrachter von den landschaftlichen Elementen ab, die die eigentlichen Bildprotago-nisten sind, und nichts hindert uns am einsamen „Spaziergang im Landschaftsgemälde“, wie Hackert ihn sich vorstellt. „Zahme Tiere“, ein Landmann, eine Frau und Kinder stören uns nicht bei der Kontemplation der geschweiften Blätterbündel der Kastanie, der prachtvollen Pinien und Zypressen und schließlich der in ihrer materiellen Qualität beinahe fühlbaren Bergkette, die sich vor dem am Horizont golden getönten, darüber im strahlenden Blau eines südlichen Sommermorgens gefärbten Himmel in ihrer ganzen Schönheit präsentieren. Ein vollendetes Landschaftsbild, das keine weiteren Details benötigt. Claudia Nordhoff, Rom "Jakob Philipp Hackert (Prenzlau 1737 – 1807 San Piero di Careggi ) ITALIAN LANDSCAPE. (after) 1782 Oil on canvas. 101 x 138,5 cm ( 39 ¾ x 54 ½ in.). Not in the catalogue raisonné by Nordhoff/Reimer. – accompanied by a certificate by Dr. Claudia Nordhoff, Rome, dated 3 December 2013.– Minor retouchings. [3185] Provenienz: Private collection, Germany
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Divers
À propos de la vente
Catalogue
Art du XIXème siècle
10719 Berlin - Allemagne
26/11/2014
Proposé par Grisebach
0049 30 885 915 0