Lot 28
Jeanne Mammen (1890 – Berlin – 1976)
„Kritik“. Um 1929
Aquarell, Tusche und Bleistift auf Papier. 43 × 34,3 cm ( 16 ⅞ × 13 ½ in.). Unten links signiert: J. Mammen.
Döpping/Klünner A 328.–
Farben geblichen, leichte Randmängel. [3349]
Provenienz: Privatsammlung, Süddeutschland
Literatur und Abbildung: Ulk, Heft 40, 58. Jg., Oktober 1929, Abb. o.S
Die Zeichnung erschien als Reproduktion in der Zeitschrift „Ulk“ mit folgendem Text: „Diese Mumie ist also Lottis neues Verhältnis? Wenn er nich so alt wär‘, könnte man annehmen, seine Mutter hat sich mit seiner Nase an ‚n Steckkontakt versehen. Aber zur Zeit Goethes gab es sowas noch nicht!“
„Eigentlich habe ich mir immer gewünscht: nur ein Paar Augen sein. Ungesehen durch die Welt gehen, nur die anderen sehen. Leider wurde man gesehen“ (Jeanne Mammen, zit. nach: Jeanne Mammen 1890–1976. Ausst.-Kat. Berlinische Galerie, 1997/98, S. 9). Als stille wie präzise Beobachterin hielt Jeanne Mammen ihre Zeitgenossen fest, die Vergnügungen der Wohlhabenden ebenso wie die Alltagswelt der Arbeiter und Angestellten, Charaktere, Typen, Begegnungen und Zwischenmenschliches, das ganze Panoptikum des sie umgebenden großstädtischen Lebens. Obwohl die Künstlerin jeder Einordnung entgehen wollte – ihr erstes Interview gab sie 1975 im Alter von 85 Jahren –, wurde Jeanne Mammen vor allem durch ihre Berliner Gesellschaftsszenen der 1920er-Jahre bekannt.
Gemeinsam mit ihrer Schwester Mimi bezieht Jeanne 1919 ein Wohnatelier am Kurfürstendamm 29, gleichsam am Puls der Stadt und inmitten der Cafés, Bars, Varietés und Tanzlokale, die sie mit Skizzenblock und Zeichenstift aufsucht. Immer wieder richtet Mammen ihr Augenmerk auf die Frauen, mal steht die junge, modisch gekleidete „neue Frau“ mit kurzem Haar und schlanker Silhouette im Mittelpunkt ihrer Kompositionen, mal die geheimnisumwitterte Femme Fatale oder auch ein lesbisches Freundinnenpaar. Die Protagonistin der vorliegenden Szene gehört zur feinen Gesellschaft. In ihrer üppigen Pelzstola fast versinkend, wendet sie sich mit einem Drink dem Betrachter zu, während ihre Begleiter am kleinen Stehtisch offenbar hochnäsige Konversation betreiben. Mit sparsamer Strichführung erfasst die Künstlerin die beengte Welt der Spießbürger und der sich mondän gebenden, gelangweilten Dame, deren Blick aus den zu Schlitzen verengten Katzenaugen ausdruckslos bleibt.
Mit ihrem ausgeprägten Gespür für die Brüche und Widersprüche in der Gesellschaft eroberte Jeanne Mammen das in jenen Jahren expandierende Feld der kulturellen Medien, die Präsenz ihrer Zeichnungen und Aquarelle in den Magazinen und satirischen Blättern der Weimarer Republik ist nur noch mit George Grosz vergleichbar. Mammens treffsichere wie auch mehrdeutige Darstellungen, die sich mit den verschiedensten Sprüchen und Bildunterschriften versehen ließen, erschienen unter anderem in „Der Querschnitt“, „Das Leben“, „Simplicissimus“, „Uhu“ und „Ulk“ und prägen bis heute das schillernde Bild von den „Goldenen Zwanzigern“ in Berlin. sch
Jeanne Mammen (1890 – Berlin – 1976)
„Kritik“. Circa 1929
Watercolour, India ink and pencil on paper. 43 × 34,3 cm ( 16 ⅞ × 13 ½ in.). Signed lower left: J. Mammen.
Döpping/Klünner A 328.–
Faded colours, minor imperfections in the margin. [3349]
Provenienz: Private Collection, Southern Germany
Literatur und Abbildung: Ulk, Issue 40, 58. ed., October 1929, illustration unpaginated
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Dessins, aquarelles et pastels
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