Lot 254
Johannes Itten (Süderen-Linden, Kanton Bern 1888 – 1967 Zürich) „Kubistischer Kopf (Ida Kerkovius)“. 1915 Kohle und Grafit auf bräunlichem Papier. 34,4 × 26,1 cm ( 13 ½ × 10 ¼ in.). Wagner 1915-014-Z / Helfenstein/Mentha 123 / Mit einer Bestätigung von Anneliese Itten, der Witwe des Künstlers.– [3371] Provenienz: Nachlass Ida Kerkovius, Stuttgart / Privatsammlung, Rheinland Ausstellung: Constructivism in Europe. From Malevich to Kandinsky. Peking, National Art Museum of China, 2012, Kat.-Nr. 1 (als „Josef Itten“, datiert 1925), Abb. S. 8 / L‘abstraction en Europe. Saint-Paul-de-Vence, Fondation Maeght, 2011, Kat.-Nr. 9, Abb. S. 38 / Die Revolution entlässt ihre Bilder. Von Malewitsch bis Kandinsky. Münster, Kunstmuseum Pablo Picasso, 2014, Kat.-Nr. 13, Abb. S. 26 Johannes Itten lebte von 1913 bis 1916 in Stuttgart, um an der dortigen Akademie am Unterricht Adolf Hölzels teilnehmen zu können. Dort lernte er die aus Riga stammende Ida Kerkovius (1879–1970) kennen, die schon 1904 an der Malschule von Hölzel in Dachau unterrichtet worden war und seit 1911 als dessen Assistentin angehende Studierende auf die Akademie vorbereitete, indem sie ihnen die Grundlagen von Hölzels Lehre vermittelte. Itten war also für kurze Zeit auch Schüler von Kerkovius – eine Rollenverteilung, die beide später tauschen sollten, als Kerkovius 1920 Ittens Vorkurs am Bauhaus in Weimar besuchte. Unser „Porträt“ der bis 1923 am Bauhaus zur Weberin ausgebildeten Malerin aus dem Jahr 1915 zeigt, dass Itten über eine ausgeprägte künstlerische Erfahrung verfügte, die es ihm ermöglichte, kubistische Gestaltungsmittel gewissermaßen aus dem Handgelenk in einer verdichteten Komposition aufgehen zu lassen. Der wie bildhauerisch aufs Blatt gemeißelte Kopf verdankt sich dabei dem Zusammenspiel einer ausgeklügelten Verteilung der Schattenmassen und Energielinien mit einer überaus lockeren, unpedantischen Art zu zeichnen. Man geht vielleicht nicht ganz fehl, wenn man bereits hier die bildnerischen Auswirkungen der Atem- und Körperübungen zu spüren meint, mit denen der Künstler später den Unterricht in seinem berühmt gewordenen Vorkurs am Bauhaus einleitete. Bewegung spielte für den Kunstturner Itten zeitlebens eine wichtige Rolle. Der Künstler konfrontiert in seiner Kohle- und Grafitzeichnung die pulsierende Energie des leicht prismatisch aufgefächerten Gesichts mit dunklen Blöcken architektonisch anmutender Formen, er umbaut den Kopf, um die Kraftfelder einzuhegen, die vom Gesicht ausgehen. Es finden sich kaum parallele Linien, vielmehr strebt alles auseinander in verschiedene Richtungen. Genau diese Divergenz verlebendigt die Zeichnung. Das Tektonische wird durch das Bildzentrum energetisiert wie gleichzeitig dessen Bewegungstendenzen stabilisiert werden. So schafft Itten durch starken Kontrast von hellen und dunklen Bereichen zwar Körperlichkeit, hebt sie aber durch die flächig gedachten Schatten auch wieder auf. Im Ergebnis entsteht eine auf die Blattfläche bezogene Harmonie, die in spannungsreichem Gegensatz zur Dynamik der Zeichenweise steht. MS Johannes Itten (Süderen-Linden, Canton Bern 1888 – 1967 Zurich) „Kubistischer Kopf (Ida Kerkovius)“. 1915 Charcoal and graphite on brownish paper. 34,4 × 26,1 cm ( 13 ½ × 10 ¼ in.). Wagner 1915-014-Z / Helfenstein/Mentha 123 / accompanied by a confirmation by Anneliese Itten, the artist's widow.– [3371] Provenienz: Estate Ida Kerkovius, Stuttgart / Private Collection, Rhineland Ausstellung: Constructivism in Europe. From Malevich to Kandinsky. Peking, National Art Museum of China, 2012, cat. no. 1 (as "Josef Itten“, dated 1925), Abb. S. 8 / L‘abstraction en Europe. Saint-Paul-de-Vence, Fondation Maeght, 2011, cat. no. 9, ill. p. 38 / Die Revolution entlässt ihre Bilder. Von Malewitsch bis Kandinsky. Münster, Kunstmuseum Pablo Picasso, 2014, cat. no. 13, ill. p. 26
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30/05/2019
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