Lot 30
Johannes Molzahn (Duisburg 1892 – 1965 München)
„Gedenken Otto Mueller II“. 1930
Öl auf Leinwand. 77,5 × 65 cm ( 30 ½ × 25 ⅝ in.). Unten links signiert und datiert (in die feuchte Farbe geritzt): Molzahn 30. Rückseitig mit Pinsel in Schwarz bezeichnet: Oben! Beigegeben ein von der Rückseite der Leinwand abgelöstes Etikett der Kunstausstellung Der Sturm, vom Künstler bezeichnet: Johs. Molzahn Perpetuum immobile Preis: [ausgekratzt] Mark Adr. Soest / Westf. Höggenstr. 28.
Gries 150 A.–
[3089]
Provenienz: Fritz Kolb, Pegnitz (um 1946) / Privatsammlung, Süddeutschland (seit 1958)
Ausstellung: Johannes Molzahn. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Holzschnitte, Lithos (=Der Sturm, 91. Ausstellung). Berlin, Der Sturm, 1920, Kat.-Nr. 9 (als „Per-petuum immobile“, vor der Übermalung)/ Johannes Molzahn. Weimar, Museum am Museumsplatz, 1922 (als „Perpetuum immobile“, vor der Übermalung) / Johannes Molzahn. Das malerische Werk. Duisburg, Wilhelm-Lehmbruck-Museum, 1988, Kat.-Nr. 34, Abb. S. 72 (in der heutigen Fassung)
Im Berlin der 1910er- und 1920er-Jahre gehörte Johannes Molzahn zum Künstlerstamm von Herwarth Waldens Sturm-Galerie. Sein Malstil war zu dieser Zeit furios, kristallin und expressionistisch. Die Themen der Avantgarde - Mensch und Kosmos, Technik und Fortschritt - interessierten ihn ab da sein Leben lang. Von 1919 bis 1921 war Molzahn in Weimar ansässig, pflegte engen Kontakt zu Walter Gropius und dem Bauhaus und war Anführer einer Künstlergruppe um Johannes Karl Hermann, Robert Michel und Karl Peter Röhl (siehe Lose 28 u. 29). Er intensivierte seine Beschäftigung mit Werbegrafik und Lithografie und übernahm die Neugestaltung der Firmenreklame der Fagus-Werke und - ab 1923 - sämtlicher Publikationen des Folkwang / Auriga-Verlags.
Anschließend lehrte er für fünf Jahre in Magdeburg. 1928 wurde Molzahn von Oskar Moll als Leiter der Klasse für Grafik an die Staatliche Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau berufen. Dort lernte er Otto Mueller kennen, der bereits seit 1919 an der Akademie lehrte. Für Molzahn bedeutete der Umzug einen Umschwung. Er selbst bezeichnete seine Breslauer Jahre im Nachhinein als „Wiedergeburt der Malerei“. Hatte er sich in den Jahren zuvor auf die Gebrauchsgrafik konzentriert, begann er nun voll Enthusiasmus, sein malerisches Werk in neue Dimensionen zu überführen.
Unser „Bildnis Otto Mueller II“ gehört in eine Gruppe von Porträts, die Molzahn in diesen für ihn so wichtigen Jahren von engen Freunden und Bekannten schuf. Die bildfüllende Darstellung Muellers im Dreiviertelprofil und die intensive Farbigkeit verleihen dem Gemälde einen monumentalen Charakter. Die Aufteilung der Bildflächen ist durch die Physiognomie Muellers bestimmt. Dies entspricht einem theoretischen Grundsatz Molzahns, den er 1930 festhielt: „Form ist das Resultat des Wirkens der Naturkräfte, sie ist der Ausgleich dieser Kräfte, die Grenzbestimmung derselben. Darum ist Form nur biologisch zu erfassen, niemals ästhetisch. Die Formkräfte sind nichts anderes als Umsatzkräfte, der „Motor“, der den Stoff belebt und ihm Wirkung gibt.“ (Johannes Molzahn: Biophysik der Form. Breslau 1930. Zit. nach: Christian Gries: Johannes Molzahn (1892–1965) und der „Kampf um die Kunst“ im Deutschland der Weimarer Republik. Augsburg 1996, S. 218)
Neben einem weiteren Porträt Otto Muellers, das sich heute im Schlesischen Museum Görlitz befindet, ist unser Gemälde das Zeugnis der tiefen Freundschaft, welche die beiden Künstler verband. In seiner „Rede an der Bahre“ widmete Molzahn dem anderen hymnische Sätze: „Otto Mueller, du warst ein Priester des Unbewussten, und so sprach durch Dich jene Weisheit, die ein Wissen um die Gesetze ist, das wir Schicksal nennen. Deine Ahnen, das war die große tausendjährige Geschichte der Menschen und deren Erfahrungen. Deine Mutter war die Erde selber – und Du warst mit ihr immer verbunden. Dein Vater, - das war der Himmel, der sich über dir wölbt, die Bahn der Sonne und der Planeten.“ (Johannes Molzahn: Rede an der Bahre Otto Muellers, in: Schlesische Monatshefte, 1930. Zit. nach: a.a.O., S. 229)
NB
Johannes Molzahn (Duisburg 1892 – 1965 Munich)
„Gedenken Otto Mueller II“. 1930
Oil on canvas. 77,5 × 65 cm ( 30 ½ × 25 ⅝ in.). Signed and dated lower left (incised into the wet paint): Molzahn 30. On the reverse inscribed with brush in black: Oben! Enclosed: a lebel from an exhibition at "Der Sturm", formerly attached to the reverse of the canvas, inscribed by the artist: Johs. Molzahn Perpetuum immobile Preis: [crossed out] Mark Adr. Soest / Westf. Höggenstr. 28.
Gries 150 A.–
[3089]
Provenienz: Fritz Kolb, Pegnitz (circa 1946) / private collection, southern Germany (since 1958)
Ausstellung: Johannes Molzahn. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Holzschnitte, Lithos (=Der Sturm, 91. Ausstellung). Berlin, Der Sturm, 1920, cat. no. 9 (as „Per-petuum immobile“, before being overpainted)/ Johannes Molzahn. Weimar, Museum am Museumsplatz, 1922 (as „Perpetuum immobile“, before being overpainted) / Johannes Molzahn. Das malerische Werk. Duisburg, Wilhelm-Lehmbruck-Museum, 1988, cat. no. 34, ill. p. 72 (in the current state)
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