Lot 35
Johannes Theodor Baargeld (1892 Stettin – 1927 am Montblanc) Unendlicher Regenschirm. 1919/20 Tuschfeder auf Papier. 32,6 × 24,6 cm ( 12 ⅞ × 9 ⅝ in.). Rückseitig mit Bleistift bezeichnet: Grünwold = Baargeld. Auf der Rückpappe Etiketten zur Ausstellung Washington D.C. und New York 2005/06 (s.u.). Knickspur, kleine Randmängel. [3479] Provenienz: Hans Koch, Düsseldorf/Randegg Ausstellung: DADA oder nicht DADA. Düsseldorf, Remmert und Barth, 2003, Kat.-Nr. 21 mit ganzs. Abb. / DADA. Paris, Centre Pompidou; Washington, National Gallery of Art; New York, The Museum of Modern Art, 2005/06, Kat.-Nr. 210, mit Abb. / Literatur und Abbildung: DADA. (Hrsg. von Laurent Le Bon im Zusammenhang mit der gleichnamigen Ausstellung), Paris, Centre Georges Pompidou, 2005, S. 135, mit Abb. Nr. 3 (als Querformat abgebildet) Die vorliegende Federzeichnung von 1919/20 zeigt die Sonderstellung von Johannes Theodor Baargeld in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Es ist eine gezeich-nete Assemblage aus verschiedenen, eigentlich nicht zueinander passenden Teilen: Bild und Text nebeneinander, Figur und Schraffur ineinander, Versuche, ein Chaos zu ordnen. „Die Axt im Haus ersetzt des Bräutigam“ – eine Sprichwörter-Collage rechts oben am Rande der Assemblage-Zeichnung. Johannes Theodor Baargeld ist ein Pseudonym. Geboren wurde er 1892 als Alfred Emanuel Ferdinand Gruenwald in Stettin. Er war ein Freund von Max Ernst und Hans Arp, mit denen er 1919 die kurzlebige Kölner Dada-Gruppe Zentrale W/3 gründete. 1921 löste sie sich auf. Schon vor dem Krieg, in den er freiwillig ging und aus dem er als Pazifist und Marxist zurückkehrte (seit 1918 in der USPD tätig), hatte er sich als Lyriker erprobt. Wir kennen diese verschollenen Gedichte nicht, wissen um ihre Existenz nur aus Briefen seines Maler-Freundes Otto Freundlich an den Kunsthistoriker Wilhelm Niemeyer, dem Freundlich sinngemäß schrieb, er sei dabei, den frühen Gedichten Alfred Gruenwalds grafische Gestaltung beizugeben. Im Kölner Dada brillierte Baargeld mit der Vielzahl seiner künstlerischen Talente: mit Zeichnungen, Collagen, Assemblagen und Fotomontagen und auch wieder mit lyrischen Texten. Jetzt ist es Dada-Lyrik. Im Frühjahr 1919 gab er den „Ventilator“ heraus, eine noch prä-dadaistische Publikation. Zusammen mit Max Ernst schuf er die Kölner „Dada-Manifeste Bulletin D“ (Herbst 1919) und „die schammade“ (Frühjahr 1920). Diese erschien parallel zum 2. Kölner Dada-Spektakel, das im Brauhaus Winter in der Kölner Schildergasse unter dem Motto „Dada-Vorfrühling“ stattfand. Die Schau wurde vom Düsseldorfer Urologen und Sammler Hans Koch übernommen, der nebenbei ein „Graphisches Kabinett“ unterhielt und wohl bei dieser Gelegenheit Baargelds „Unendlichen Regenschirm“ erwarb. Konventionelle Techniken wie Holzschnitt, Linolschnitt, Radierung mißachtete der Kölner Dadaist. Niemals hat er eine Leinwand bemalt, und wir kennen von ihm auch nur ein einziges Aquarell. Es wurde im Jahr 2004, fast sieben Jahrzehnte nach seinem Tod, in der Küchentischschublade einer Berghütte im Oberengadin entdeckt. Auf beiden Feldern – dem der Politik wie dem der Kunst – scheiterte er letztlich. Er begann 1923 eine Karriere als Extrembergsteiger, die er mit dem Tod besiegelte: Baargeld, der sich in den Bergen Jesajas nennen ließ, verunglückte 1927 nach einem unerwarteten Wetter-umsturz im Montblanc-Gebiet, erfror wenige hundert Meter vor einer rettenden Hütte. In der Dada-Literatur gab es bis fast zum Ende der 1970er Jahre von Baargeld so gut wie keine zuverlässigen biografischen Daten: unterschiedliche Geburts- wie Sterbejahre, verschiedene Geburtsorte. Als Landschaft seines Todessturzes ist auch Tirol gemutmaßt worden. Sein schmales Œuvre, zu dem exzellente Alpen-Fotos gehören, blieb gleichfalls Jahrzehnte nahezu unsichtbar. Einiges lagerte im Nachlaß des rumänischen Dada-Papstes Tristan Tzara. Früh besaß das Museum of Modern Art in New York Werke von ihm, zeigte diese aber selten. Beerdigt wurde er in Köln auf dem berühmten Melaten-Friedhof. Viele Friedhofsbesucher legen Kupfer- münzen auf seinen Grabstein, andere räumen sie wieder ab. Einmal Dada, immer Dada. Walter Vitt Johannes Theodor Baargeld (1892 Stettin – 1927 on Montblanc) Unendlicher Regenschirm. 1919/20 Pen and India ink on paper. 32,6 × 24,6 cm ( 12 ⅞ × 9 ⅝ in.). Inscribed in pencil on the reverse: Grünwold = Baargeld. On the cardboard backing labels of the exhibition Washington D.C. And New York 2005/06 (see below). Slight crease, minor imperfections in the margins. [3479] Provenienz: Hans Koch, Düsseldorf/Randegg Ausstellung: DADA oder nicht DADA. Düsseldorf, Remmert und Barth, 2003, cat. no. 21 with full-page ill. / DADA. Paris, Centre Pompidou; Washington, National Gallery of Art; New York, The Museum of Modern Art, 2005/06, cat. no. 210, with ill. / Literatur und Abbildung: DADA. (published by Laurent Le Bon to coincide with the exhibition of the same name), Paris, Centre Georges Pompidou, 2005, p. 135, with ill. no. 3 (illustrated in landscape format)
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10719 Berlin - Allemagne
26/11/2015
Proposé par Grisebach
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