Lot 52
Karl Hofer (1878 Karlsruhe – 1955 Berlin)
„Der Rufer“. 1938
Öl auf Leinwand. 112,5 × 88,5 cm ( 44 ¼ × 34 ⅞ in.). Unten rechts monogrammiert (ligiert): CH.
Wohlert 1383.–
Rückseitig eine übermalte Komposition. [3400]
Provenienz: Privatsammlung, Süddeutschland
Literatur und Abbildung: Karl Hofer: Aus Leben und Kunst. Berlin, Rembrandt Verlag, 1952 (= Die Kunst unserer Zeit, Bd. 7), Abb. 30 / Karl Hofer zum 75. Geburtstag am 11.10.1953. In: Deutsche Rundschau. Jg. 79, 1953, H. 10, S. 1087 / Heinz Demisch: Die Lemuren sind unter uns. In: Die Kommenden, Jg. 10, 1956, H. 23, 10.12.1956, S. 5 / Gerhard Händler: Deutsche Maler der Gegenwart. Berlin, Rembrandt-Verlag, 1956 (= Die Kunst unserer Zeit, Bd. 11), S. 18 / Gert Kalow: Karl Hofer. In: Frankfurter Hefte, Jg. 11, 1956, H. 1, S. 65-67, hier S. 66 / Max Peter Maass: Das Apokalyptische in der modernen Kunst. Endzeit oder Neuzeit. Versuch einer Deutung. München, Bruckmann, 1965 (= Bruckmann Querschnitte), S. 111 / Erhard Frommhold (Hrsg.): Kunst im Widerstand. Malerei, Graphik, Plastik. 1922 bis 1945. Dresden, Verlag der Kunst, und Frankfurt a.M., Röderberg, 1968, S. 80 / Meyers Neues Lexikon, Bd. 6, Leipzig 1973, S. 323 / Hans-Jörg Schirmbeck: Carl Hofer (1878–1955). Leben, Werk und Stellung in der Zeit von 1917–1933. Berlin, Humboldt-Universität, Diplomarbeit, 1974, S. 11 u. S. 28, Abb. 14 / Hermann Raum: Die bildende Kunst der BRD und Westberlins. Leipzig, Seemann, 1977, S. 23 / Janni Müller-Hauck: Karl Hofer. Versuch einer Interpretation. In: Ausst.-Kat.: Karl Hofer. Berlin/Karlsruhe 1978, S. 13-31, hier S. 27 / Uta Laxner-Gerlach: Von der Heydt-Museum Wuppertal. Katalog der Gemälde des 20. Jahrhunderts. Wuppertal 1981, S. 97 (als 4. Fassung erwähnt) / Wolfgang Hütt: Zeichen einer künstlerischen Zäsur. Willi Sittes Gemälde „Der Rufer“. In: Ausst.-Kat.: Worin unsere Stärke besteht. Leipzig, Museum der bildenden Künste, 1986, S. 29 (nicht ausgestellt)
Was sehen wir? Ein nackter, magerer Mann irrt durch eine Wüstenei. Fahles Licht fällt auf ihn. Ist es ein Blitz? Wo befinden wir uns? Zerborstene Bäume, wie nach einem Brand oder einer Schlacht, dahinter eine Landschaft, die unheimlicher nicht sein könnte: über gezacktem Gebirge der nachtdunkle Himmel, darunter leblose Un-Natur. Jetzt hält dieser Mensch inne, schaut aus und ruft etwas. Er verstärkt seine Stimme mit der gewölbten Hand. Die andere hat er nicht frei, er umklammert einen Stecken. Wer ist der Mann? Ein Mensch in einer Extremsituation – von seinen Kleidern ist ihm nur ein Lendenschurz geblieben. Hört ihm jemand zu? Ruft er um Hilfe? Oder verkündet er anderen von den Schrecken, die er gesehen hat – oder von den Schrecken, die auf sie zukommen werden?
Es gibt Jahreszahlen, die im Menschheitsgedächtnis festgebrannt sind als Wendemarken des Unwiderruflichen. Im 20. Jahrhundert sind es vor allem deutsche Zahlen, die dann zu welthistorischen geworden sind. Ein Bild, das „1938“ datiert ist, ist darum ein besonderes Bild. 1938 ist das Jahr, in dem alle Alpträume, daß das große Morden in Europa eines nahen Tages wieder beginnen könnte, erste beängstigende Formen annahmen. Anders als 1914 war es keine friedenssichere Belle Époque, die im Jahr darauf vom Krieg überrascht wurde. Auch Hofer hatte seit 1918 immer wieder düstere Zukunftsträume gemalt. Und darum überrascht es uns nicht, daß es für den „Rufer“ von 1938 schon Vorläufer gibt. 1924 hatte Hofer das Motiv zum ersten Mal gestaltet (Gemäldegalerie Neue Meister, Dresden). 1935 hatte er es wieder aufgenommen und nun, 1938, suchte es ihn in der größten Version ein drittes Mal heim – man kann die Formulierung kaum vermeiden.
Hofer wußte, was kam. Er hatte sich dem Heraufziehen der NS-Barbarei erfolglos entgegengestemmt. 1933 schrieb er über Goethe: „Lebte er heute, so wäre er Emigrant.“ Hofer selbst wollte keiner werden. Obwohl gesichert durch ein Haus im Tessin, kam er nach Deutschland zurück: „Ich [...] kehre aber zurück, denn man muß das Schicksal seines Volkes miterleben und, wenn es sein muß, mitsterben.“ Ein unerhörtes Wort, mit fatalen Folgen für Hofer und seine Familie. Als er wieder in Berlin ist, 1934, verzehrt ihn der Ekel über die „blindwütige Narretei“, aber auch das Schweigen jener deutschen Intelligenz, die nicht emigriert ist. Er arbeitet weiter, „für eine schwarze Zukunft, ohne jede Hoffnung, [...] aus Wut und Zorn“. 1937 kam dann die Beschlagnahmung von mehr als dreihundert seiner Werke in deutschen Museen, die Aufnahme seiner Werke in die Schandausstellung „Entartete Kunst“. Er schreibt: „Menschentum, Anstand und Charakter stehen unter Strafe.“ Jetzt wird sein tief eingewurzelter Pessimismus zum Schutzschild: „Einigermaßen gewappnet ist nur der, der die ganze abgründige Grausigkeit ein für alle mal in ihrer ganzen Größe und alles zerstörenden Macht restlos begriffen hat, ihn kann nichts mehr erschüttern“ (Dezember 1937). Am 9. November 1938 war Hofer „am Kurfürstendamm zufällig Zeuge, wie Juden blutend aus ihren Wohnungen geschlagen wurden. [...] Mit Ekel und Verzweiflung im Herzen über diese Schande kehrte ich nach Hause zurück.“ Im September 1939 sollte er notieren: „Verdunkelt ist ja nun die Welt, und ich fürchte, wir werden kein Licht mehr erleben“. So verkündet der Mann im Niemandsland das „Finis Germaniae“ lange vor dem 8. Mai 1945. Christoph Stölzl
Karl Hofer (1878 Karlsruhe – 1955 Berlin)
„Der Rufer“. 1938
Oil on canvas. 112,5 × 88,5 cm ( 44 ¼ × 34 ⅞ in.). Monogrammed (joined) lower right: CH.
Wohlert 1383.–
On the reverse an overpainted composition. [3400]
Provenienz: Private collection, southern Germany
Literatur und Abbildung: Karl Hofer: Aus Leben und Kunst. Berlin, Rembrandt Verlag, 1952 (= Die Kunst unserer Zeit, vol. 7), ill. 30 / Karl Hofer zum 75. Geburtstag am 11.10.1953. In: Deutsche Rundschau. vol. 79, 1953, part 10, p. 1087 / Heinz Demisch: Die Lemuren sind unter uns. In: Die Kommenden, vol. 10, 1956, part 23, 10.12.1956, p. 5 / Gerhard Händler: Deutsche Maler der Gegenwart. Berlin, Rembrandt-Verlag, 1956 (= Die Kunst unserer Zeit, vol. 11), p. 18 / Gert Kalow: Karl Hofer. In: Frankfurter Hefte, vol. 11, 1956, part 1, p. 65-67, here p. 66 / Max Peter Maass: Das Apokalyptische in der modernen Kunst. Endzeit oder Neuzeit. Versuch einer Deutung. Munich, Bruckmann, 1965 (= Bruckmann Querschnitte), p. 111 / Erhard Frommhold (ed.): Kunst im Widerstand. Malerei, Graphik, Plastik. 1922 bis 1945. Dresden, Verlag der Kunst, and Frankfurt a.M., Röderberg, 1968, p. 80 / Meyers Neues Lexikon, vol. 6, Leipzig 1973, p. 323 / Hans-Jörg Schirmbeck: Carl Hofer (1878–1955). Leben, Werk und Stellung in der Zeit von 1917–1933. Berlin, Humboldt-Universität, Diplomarbeit, 1974, p. 11 and p. 28, ill. 14 / Hermann Raum: Die bildende Kunst der BRD und Westberlins. Leipzig, Seemann, 1977, p. 23 / Janni Müller-Hauck: Karl Hofer. Versuch einer Interpretation. In: exh. cat.: Karl Hofer. Berlin/Karlsruhe 1978, p. 13-31, here p. 27 / Uta Laxner-Gerlach: Von der Heydt-Museum Wuppertal. Katalog der Gemälde des 20. Jahrhunderts. Wuppertal 1981, p. 97 (referred to as 4th version) / Wolfgang Hütt: Zeichen einer künstlerischen Zäsur. Willi Sittes Gemälde „Der Rufer“. In: exh. cat.: Worin unsere Stärke besteht. Leipzig, Museum der bildenden Künste, 1986, p. 29 (not exhibited)
Crédits photos : Contacter la maison de vente
Dessins, aquarelles et pastels
À propos de la vente
Retrouvez des lots similaires en vente sur Interencheres
Voir plus de lots en vente sur Interencheres
Estimation :5 000 € - 8 000 €
Live
04/06/2026
Proposé par Gros & Delettrez
Estimation :300 €
Live
19/06/2026
Proposé par OGER-BLANCHET
Chrono
Proposé par Bartleby
Estimation :15 000 €
20 000 €
Live
17/06/2026
Proposé par AGUTTES
Estimation :80 000 €
120 000 €
Live
17/06/2026
Proposé par AGUTTES
Estimation :450 € - 600 €
Live
28/06/2026
Proposé par Militaria auctions
Estimation :50 € - 80 €
Live
28/06/2026
Proposé par Militaria auctions