Lot 198
Karl Schmidt-Rottluff (Rottluff 1884 – 1976 Berlin) „9 Holzschnitte“. 1918 Halbpergamentmappe mit 10 Holzschnitten (inklusive Deckblatt), jeweils auf Van Gelder-Bütten. Jeweils 68,5 × 53,5 cm ( 27 × 21 ⅛ in.). Jeweils signiert. Schapire 40 (Gebrauchsblätter), 206, 208, 211-216, 218.– Jeweils einer von insgesamt 75 nummerierten Abzügen, in den Original-Passepartouts. Leipzig, Verlag Kurt Wolff, 1918. [3412] Provenienz: Galerie Nierendorf, Berlin / Privatsammlung, Berlin (bis 2011) Der „Kristus-Zyklus“ von Karl Schmidt-Rottluff, in einer Auflage von 75 Exemplaren mit je 9 Holzschnitten und einem ebenfalls in Holz geschnittenen Titelblatt erschienen, zählt zu den intensivsten Werken deutscher Grafik. Er ist ein aufwühlender Aufschrei der Verzweiflung und der Angst. Er zeigt aber auch die Verheißung von Hoffnung, Versöhnung und Liebe. Liebe ist Leben – verlorene Liebe bleibt lange Schmerz. Der Tod kommt meist ungerufen. Hass, Gewalt, Mord und Unmenschlichkeit dagegen sind Menschenwerk: Am 30. Januar 1933 endete für Deutschland die Demokratie, die Herrschaft des Rechts. An diesem Tag begann die Zerstörung des Staates, der Gesellschaft, und des Geistes. Was in Vielfalt geleuchtet hatte, endete in unermesslichem Leid und Sterben. Wer dem entkommen konnte, wählte das Leben in einem fernen Land, dessen Sprache, Gebräuche und Abläufe fremd waren und wo im bisherigen Leben Geleistetes sich nicht immer wieder neu entfalten konnte. Die Liebe zur verlorenen Heimat verkümmerte zu einer vagen Hoffnung auf Rückkehr. Im Osten gab es auch nach dem Ende des Schreckens keine Befreiung – eine Diktatur ging in eine andere über. Wieder suchten viele den Weg in ein anderes Land, bis auch dieses Unrecht stürzte. Auch heute hat sich nichts geändert. Noch immer machen sich Tausende in vielen Teilen der Erde auf den Weg ins Irgendwo. Aber die Liebe überkommt den Schmerz. Wenn das Fundament wegbricht, wenn der Krieg zum sinnlosen Abschlachten verkommt, wenn nichts mehr ist, was war, dann ist da immer noch die Liebe. Es ist diese Liebe, die Karl Schmidt-Rottluff im Angesicht des Grauens des Ersten Weltkrieges in seinem Kristus-Zyklus festgehalten hat. Schmidt-Rottluff zeigt in seinen zutiefst ausdruckstarken Holzschnitten Christus als Revolutionär der Liebe. Die in starkem Wechselspiel von Hell und Dunkel dramatisierten biblischen Erzählungen sind ein „Kuss der Liebe“. Das „Kristus-Bild“ ist Ruhe und Anklage zugleich. 1918 ist der Stirn des Gekreuzigten eingraviert, seine Augen, sein Gesicht atmen Trauer und Entsetzen. „Ist euch nicht Kristus erschienen“, fragt er. Wo ist die Heilsbotschaft von der unendlichen Liebe Gottes geblieben? Aber so dunkel der Kopf Christi, so schwarz die Wangen und das Haar auch sind, so hell schimmern die Strahlen des Göttlichen um sein Haupt. Sie weisen den Weg der Hoffnung! Der Holzschnitt „Kristus und Judas“ zeigt einen liebenden Christus, der weiß, dass er verraten wird, damit sich die Schrift erfülle. Die Augen Christi sind ohne Hass. Gott vergibt. Das zeigt auch der Holzschnitt „Kristus und die Ehebrecherin“. Aus dem Wechselspiel von Dunkel und Licht erstrahlt das Gesicht der Sünderin in verklärendem Licht vor dem großen Weiß mitten im Bild. Ihre Angst ist spürbar. Christus aber ist Ruhe und Trost: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ Hier kann er allein bestehen. Er wirft nicht. Das beschämt. Umsonst ist die teuflische Häme der Menge. Es bleibt der Segen der Liebe. Tief bewegend ist auch der Holzschnitt „Maria“. Wessen Haupt steht hier dem Kopf Christi gegenüber? Welche Maria? Maria, die lebenspendende Mutter, Maria von Magdala, die Sünderin und Weggefährtin, oder Maria, die Schwester der Martha? Sie alle handelten aus unanfechtbarer Liebe zu Christus. Maria, die Schwester der Martha, gab viel Geld aus –nicht für die Armen, sondern für Spezereien, um Christi Füße zu waschen und zu salben. Das brachte ihr den Zorn der anderen ein. Das Bildnis „Maria“ lebt von Augen und Mund – sie sind fragend, ängstlich und trotzig zugleich. Und doch ist das Gesicht von der Gewissheit gekennzeichnet, das Richtige zu tun. Liebe darf auch verschwenden. Liebe ist keine Buchhaltung für die Not der Welt. Kann Liebe auch sinnlos strafen? Wenn Christus „dem „Feigenbaum flucht“, weil er, außerhalb der Reifezeit, keine Früchte bringt, die Christi Hunger hätten stillen können, dann erscheint dieses Strafwunder als Eigensucht und Ungerechtigkeit. Der Feigenbaum steht im Schwarz-Weiß des Holzschnitts in vollem Lichterglanz, die erstaunten Gesichter der Jünger und der im Profil kraftvoll geprägte Christus geben Antwort – es geht nicht um Strafe, es ist eine Ermunterung des Glaubens: Wer glaubt und nicht zweifelt, erhält unmenschliche Kraft, die Feigenbäume verdorren lässt und die sogar Berge versetzen kann. Diesen Glauben, dass auch Tod und Enttäuschung nicht siegen, mussten auch die Jünger auf dem Gang nach Emmaus lernen, als sie den mit ihnen wandernden auferstandenen Christus nicht erkannten. Dieser Holzschnitt ist heller und friedvoller als die anderen, der weiß gehaltene Weg verliert sich in der Ferne und lässt die Distanz ahnen, den die Wanderer schon gegangen sind – ohne Hoffnung in die Zukunft. Ihnen werden die Augen geöffnet und mit dem neuen Glauben gehen sie dann hinaus in die Welt. Denn dazu waren sie berufen. Der Holzschnitt „Petri Fischzug“ fesselt durch die zu Christus gereckten Hände. Die Fischer, die bisher nichts gefangen hatten, waren auf das Geheiß Christi noch einmal hinausgefahren und hatten so viele Fische gefangen, dass die Netze rissen und die Schiffe sanken. Dieser Fischzug hatte die Männer erschreckt und sie dann zu Jüngern Christi gemacht, zu Menschenfängern. Christus brauchte dazu keine Arme. Zu seinen Gliedern wurden die Jünger im Glauben. Der Holzschnitt „Jünger“ ist das in den Zügen des Künstlers gehaltene Portrait des von Christus Ausgesandten: Er soll Christus verkünden und Friedensbote sein. Es ist der Mund des Jüngers, der das Bild beherrscht. Der Mund ist die Erfüllung der Botschaft. Die Botschaft ist die Liebe. Der Holzschnitt „Kuss der Liebe“ umrahmt den Zyklus. Es ist nicht der Kuss des Verrats, sondern der heilige Kuss des Friedens. Und es ist der Kuss zwischen Liebenden. Die Linien erscheinen unendlich zart, einander hingegeben mit Blick und Gefühl. Leid und Krieg sind weit entfernt. Der Kreis schließt sich. Karl Schmidt- Rottluff hat nach den schrecklichen Erfahrungen des ersten Krieges Verfolgung und Unrecht unter der Nazi-Herrschaft erleben müssen. Seine Kunst wurde als „entartet“ diffamiert, seine Werke wurden aus deutschen Museen beschlagnahmt und in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. Er wurde aus der Berliner Akademie der Künste ausgeschlossen und mit Ausstellungs- und Malverbot belegt. Seiner Kunst entsagte er nicht. Seine Professur an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin nach dem Ende der Schreckenszeit, seine erfolgreiche Initiative zur Wiedereröffnung des Brücke-Museum in Berlin und die Verleihung des Ordens „Pour le Mérite“ bezeugen die Kraft seines Wirkens. Es ist ein Schaffen, das in seiner Expressivität immer neu begeistert. Die Freude an der Kunst ist ein köstlicher Segen. Bernd Schulz hat den größten Teil seines Lebens der Kunst gewidmet. Mit der Versteigerung nun trennt er sich von ganz besonderen Schätzen. Er tut dies in dem unerschütterlichen Glauben, seinen Weg zu gehen. Das Ziel ist ein Museum auch für Künstler im Exil. Zweifel gibt es nicht. Man könnte sicher auch vielen bedürftigen Künstlern helfen. Aber ein Museum, welches das Schicksal all der verfolgten Künstler in Erinnerung ruft, gibt es so nicht. Die digitale Darstellung „Künstler im Exil“ an der Deutschen Nationalbibliothek kann wegen i
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26/10/2018
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