Lot 29
Karl Schmidt-Rottluff (Rottluff 1884 – 1976 Berlin)
„Ascona“. 1927
Öl auf Leinwand. 88,5 × 113 cm ( 34 ⅞ × 44 ½ in.). Unten rechts signiert: S.Rottluff. Auf dem Keilrahmen mit Pinsel in Schwarz signiert, betitelt und mit der Werknummer bezeichnet: Schmidt=Rottluff „Ascona“ ((276)). Dort auch ein Etikett der Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf.
Werkverzeichnis: Grohmann S. 297.–
[3554]
Provenienz: Nachlass des Künstlers / Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf / Meshulam Riklis, New York / Leonard Hutton Galleries, New York / Privatsammlung, Schweiz
Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff. Berlin, Galerie Ferdinand Möller, 1928, Kat.-Nr. 4 [=Blätter der Galerie Ferdinand Möller, H. 1, November 1928] / Sonderausstellung: S. Rottluff. Gemälde aus den Jahren 1907–1961. Düsseldorf, Galerie Wilhelm Grosshennig, 1969, Abb. S. 11
Elisa Tamaschke: Karl Schmidt-Rottluffs sonnenwarmer Blick auf Ascona und den Lago Maggiore
Es mag ein warmer Nachmittag im Sommer sein, den Karl Schmidt-Rottluff hier festgehalten hat. Ascona, das kleine Tessiner Städtchen am Lago Maggiore, liegt traumverloren und still da. Kein Mensch ist zu sehen, dafür charaktervolle Bauten, das Grün der Bäume, der tiefblaue, auch grünlich schimmernde See. Hinter den gelb leuchtenden Kirchen von Gambarogno am gegenüberliegenden Ufer erhebt sich der gleichnamige Monte Gambarogno, zu groß und mächtig, um noch ganz in den Bildausschnitt zu passen.
Die einprägsame, schattige Schlucht am Berg, diesem wuchtigen dunkelroten Steinmassiv, lässt uns die Hoheit der Natur spüren. Den farblichen Kontrapunkt zum Rot des Berges bildet das geradezu keck in die linke Ecke versetzte Haus mit den leicht schief gestellten tiefschwarzen Fensterhöhlen. Im Zentrum des Bildes strahlt hell das Gemäuer der zwischen 1399 und 1442 erbauten Kirche S. Maria della Misericordia mit dem Collegio Papio und dessen Säulengang. Rechts dahinter erkennt man den markanten Turm des „Castello“, in dem Marianne von Werefkin und Alexej Jawlensky ab 1918 lebten, bis sie sich drei Jahre später trennten.
Karl Schmidt-Rottluffs Gemälde „Ascona“ erzählt nichts von menschlichen Dramen dieser Art. Ausgeglichen und beinahe monumental erstreckt sich das Panorama über die Leinwand. Die spätexpressiven Farbflächen grenzen sich deutlich voneinander ab, treffen kontrastreich aufeinander, jede scheint ihren Platz in der Komposition mit einem eigenen Bewusstsein zu behaupten. Und immer wieder lassen sich herrliche Farbchangierungen beobachten, etwa auf der blassrosa-rötlichen hohen Giebelwand des Collegio, die so zu einem sanften Mittelpunkt im Bild wird.
In den Jahren nach Auflösung der „Brücke“ 1913 hatte sich Schmidt-Rottluff von seiner zuerst impressionistischen, dann expressiven, schnellen, gestischen Pinselführung entfernt und zu einer Bildsprache gefunden, die es ihm ermöglichte, die Formen kompakter zu fassen. Doch die Bedeutung, die er der Farbkraft beimaß, blieb gleich. Hier, im Bild „Ascona“, fügen sich die Farbfelder wie die Schauseiten eines seltenen Edelsteins zusammen.
1927 war der Künstler zum ersten Mal ins Tessin gereist. Während dieses Aufenthalts entstand „Ascona“. Von da an sollte Schmidt-Rottluff bis in die Fünfzigerjahre hinein immer wiederkehren, um der dortigen Landschaft zahlreiche Ölbilder und Aquarelle zu widmen. Man kann sich gut vorstellen, dass das abgelegene, von allen großstädtischen Kunstzentren weit entfernte Ascona dem Künstler gut gefiel. Andererseits war auch Ascona ein Zentrum der Kunst. Im Jahr 1900 hatten Ida Hofmann und Henri Oedenkoven auf dem nahe gelegenen Monte Verità, bei dem es sich eigentlich nur um einen Hügel handelt, eine lebensreformerische Gemeinschaft gegründet. Sie wurde schnell zu einem Inbegriff der Moderne. Hinaus aus den Städten, fort von der Zivilisation zog es die Anhänger dieser Bewegung, in die Natur, wo sie als Vegetarier sich selbst versorgten und Licht-, Luft- und Sonnentherapien hingaben.
Dies zog Freigeister und während des Ersten Weltkrieges auch viele Exilanten aus Deutschland an. Tänzer und Tänzerinnen entwickelten neue, unkonventionelle Ausdrucksformen. Der berühmten Charlotte Bara wurde am Lago Maggiore 1927/28 eigens ein Tanztheater erbaut, das architektonisch vom Bauhaus beeinflusste Teatro San Materno. Dann gingen die Lebensreformer, und immer mehr Kunstschaffende kamen. 1924 gründete sich die Künstlergruppe „Großer Bär“ in Ascona, der unter anderen Marianne von Werefkin angehörte. 1928 stellte der nach dem Sternbild benannte „Große Bär“ in der Galerie Nierendorf in Berlin aus. An der Schau nahm auch Karl Schmidt-Rottluff teil.
In der Zwischenzeit war der Monte Verità mitsamt allen Häusern zu einem günstigen Preis in den Besitz des Bankiers und Kunstsammlers Baron Eduard von der Heydt übergegangen. Von dem rheinländischen Architekten Emil Fahrenkamp, der in Berlin das berühmte Shell-Haus errichtete, ließ „der Baron“, wie er unter seinen Gästen, den Künstlern, genannt wurde, 1927/28 ein Hotel auf dem Hügel bauen. Damit hatte der puristische Geist des Bauhauses endgültig Ascona erreicht.
In dem Jahr, als Schmidt-Rottluff „Ascona“ malte, war dort auch Oskar Schlemmer im August und September zu Besuch. In einem Brief beschrieb der Bauhaus-Meister seinen Eindruck in einem atemlosen Stakkato: „also in ascona anwesend. abgestiegen. haengen geblieben. sowiesoda sind u. a: dr. gi[e]dion ---- moholy und frau, breuer-bauhaus und frau. noch einer vom bhs. seine freundin, emil ludwig., hausenstein. der soeben 500 seiten ueber rembrandt schrieb, familie cromelinck, dramatiker modern. sonst paris-bruessel. der dichter nebel vom ‚sturm’ (laecheln oder lachen Sie? [fragt Schlemmer seinen Briefpartner]) andere saenger. barone. grafen. taenzer, tanzende comtessen, m a l e r und innen, asconeser. tessiner, fischer und schiffer, chauffeure. u s w ------- (haben Sie ein bild?) [...] die asconeser sind durch die sonderbaren kaeuze. heiligen. naturapostel. maler scheints an alles gewoehnt. sodass nichts und niemand mehr auffaellt“ (zitiert nach dem Brieforiginal vom 18. August 1927, Staatsgalerie Stuttgart, Archiv Oskar Schlemmer, Box 21, Mappe 1927; unvollständig zitiert in: Tut Schlemmer (Hg.): Oskar Schlemmer, Briefe und Tagebücher, München 1958, S. 213).
Diese Schilderung berichtet von einem anderen Ascona, als Karl Schmidt-Rottluff es malte. Wir hören aus ihr das sommerfröhliche Lachen und Geplapper einer großen, wohl etwas zu lauten, vom Fortschritt getriebenen Gesellschaft. Unseren Blick dürfen wir auf der sonnenwarmen Malerei des Expressionisten ausruhen lassen.
Karl Schmidt-Rottluff (Rottluff 1884 – 1976 Berlin)
„Ascona“. 1927
Oil on canvas. 88,5 × 113 cm ( 34 ⅞ × 44 ½ in.). Signed lower right: S.Rottluff. Signed, titled and inscribed with the work number in black brush on the stretcher: Schmidt=Rottluff „Ascona“ ((276)). There too a label of Galerie Wilhelm Grosshennig, Dusseldorf.
Grohmann p. 297.–
[3554]
Provenienz: Estate of the artist / Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf / Meshulam Riklis, New York / Leonard Hutton Galleries, New York / Private collection, Switzerland
Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff. Berlin, Galerie Ferdinand Möller, 1928, cat. no. 4 [=Blätter der Galerie Ferdinand Möller, H. 1, November 1928] / Sonderausstellung: S. Rottluff. Gemälde aus den Jahren 1907–1961. Düsseldorf, Galerie Wilhelm Grosshennig, 1969, ill. p. 11
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