Lot 837
Katharina Grosse (Freiburg 1961 – lebt in Berlin) Ohne Titel. 2010 Acryl und Erde auf Leinwand. 150 × 121 cm ( 59 × 47 ⅝ in.). Rückseitig mit Kohle in Schwarz signiert, datiert und bezeichnet: K. Grosse 2010 2010/1018M. [3017] Provenienz: Privatsammlung, Berlin In Interviews berichtet Katharina Grosse davon, dass sie ihre Freude an Farbe bereits im Kindesalter entwickelt habe. Während sie damals mehrere Seiten Papier aneinanderlegte, um den Malgrund über den Bildrand hinweg zu erweitern, konzentriert sich Grosse in den 1990er-Jahren als junge Künstlerin vollends auf die Analyse und Ausweitung des Mediums Malerei. Mit einem Studium an der Kunstakademie in Münster und Düsseldorf bei u.a. Norbert Tadeusz und Gotthard Graubner beginnt sie – beeinflusst durch den ab-strakten Expressionismus, die Pop-Art und das Informel – die Grenzen der Leinwand auszuloten. Ihre ein- oder zweifarbigen Frühwerke zeigen keine illusionistischen Bildräume. In der Tradition der Analytischen Malerei thematisiert Grosse vielmehr Farbaufstrich und Malgrund als wesentliche Elemente des Mediums, die sie im Laufe ihrer Karriere zunehmend voneinander trennt und als unabhängig voneinander betrachtet. Bereits Ende der 1990er-Jahre überwindet sie die Leinwand und überführt die Malerei in den dreidimensionalen Raum. Es sind zunächst Ausstellungsräume oder die eigene Wohnung, die der Künstlerin als Bildgrund dienen, während sie heute ganzen Landschaften einen neuen Anstrich gibt. Damit ändert sich auch das Malmittel: Grosses Duktus wird seitdem durch die Sprühpistole bestimmt. Unter dem Einfluss von Land-Art und Street-Art installiert die Künstlerin ihre kräftigen und meist polychromen Farbräume auf Architekturen, im Stadtraum und in der Natur. Sie entwickelt begehbare Bildräume, nutzt Baumstämme, Sandhaufen oder ganze Häuser als Malgrund („Rockaway!“, 2016). Die Arbeit von 2010 erscheint im Gegensatz zu ihren häufig dichten Kompositionen beruhigt und reduziert. Umso deutlicher treten die Elemente hervor, die Grosses Schaffen bis heute charakterisieren. Das Bild eröffnet einen Rückblick auf die Anfangsjahre. Leinwand und Farbauftrag bleiben getrennte Sphären. Den Grund bedecken blaugrüne, diagonale Streifen, die den Einsatz eines breiten Pinsels erkennen lassen. Darüber zieht sich eine Lasur aus cremefarbenen Strichen in gleicher Stärke und entgegengesetzter Richtung. Ein Raster entsteht, doch kein Gewebe. Die Farben vermischen sich nicht und insbesondere die obere Schicht scheint nur widerwillig auf der unteren zu haften. Als würden Schaumbahnen über eine Glasscheibe gezogen, zieht sich die Farbe an einigen Stellen zusammen. Sie verharrt in feinen wässrigen und löchrigen Strukturen. Eine weitere Ebene eröffnen zwei abstrakte, zentrale Bildfiguren, die zeichenhaft auf die raumgreifenden Installationen der Künstlerin verweisen: Die reiche und kräftige Palette erinnert ebenso wie der Einsatz der Sprühpistole an Grosses dreidimensionale Farbräume. Auch die körnige Struktur dieser Flächen, die hier auf den Einsatz von Erde zurückzuführen ist, gibt einen Hinweis auf die ungewöhnlichen Malgründe der Künstlerin. Grosses Arbeit führt wesentliche Stationen ihrer künstlerischen Entwicklung auf einen Blick zusammen: Elementare theoretische Überlegungen zu dem Verhältnis von Grund und Farbe, Ebene und Raum, Flächigkeit und Illusionismus werden evident. Ihr Verständnis von Malerei im Sinne von „Übermalung“ offenbart sich: Grosses Werke zeigen „voneinander abgekoppelte und einander überlagernde, miteinander verbundene und gegeneinander gesetzte Farbbahnen und Lineaturen, Flächen, Spritzer, Sprengsel und Figuren, Positiv- und Negativformen, Wolken und Schnitte, schließlich Unterschiede hinsichtlich der Bindung der Malerei an Formen der Architektur, des Tafelbildes oder der Skulptur ebenso wie an Gegenstände des täglichen Gebrauchs […]“ (Vgl. Ulrich Loock (Hg.): Katharina Grosse, Köln 2013, S.18f.). Schließlich demonstriert die Künstlerin die Kraft von Farbe. Während Landschaft und Architektur zu Bildträgern werden, entsteht auf der Leinwand auch ohne gegenständliche Darstellung, allein durch den Farbauftrag und abstrakte Formen, die Illusion von Räumlichkeit. Im Gedankenspiel kann auch das Bild von 2010 spezifische Momente beschreiben: Die weiße Lasur erinnert bereits formal an Flüssigkeit. Der Eindruck wird durch einen perlmuttfarbenen Schimmer dieser Farbe verstärkt. Je nach Lichteinfall und Position des Betrachters variiert die Farbtemperatur des Bildes. Motive wie die Reflexion von Sonnenlicht auf dem Wasser, schäumende Gischt und bunte Korallenriffe können assoziiert werden, wo sich mehrere Farbschichten ohne die Absicht treffen, einen Ausblick auf etwas außerhalb des Bildraumes geben zu wollen. Lydia Korndörfer Katharina Grosse (Freiburg 1961 – lives in Berlin) Untitled. 2010 Acrylic and soil on canvas. 150 × 121 cm ( 59 × 47 ⅝ in.). On the reverse in charcoal in black signed, dated and inscribed: K. Grosse 2010 2010/1018M. [3017] Provenienz: Private collection, Berlin
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Dessins, aquarelles et pastels
À propos de la vente
Live
Art Contemporain
10719 Berlin - Allemagne
02/06/2017
Proposé par Grisebach
0049 30 885 915 0