Lot 1
Lesser Ury (Birnbaum/Posen 1861 – 1931 Berlin)
„Dame am Fenster vor Staffelei“. 1910
Öl auf Leinwand. 71 × 53 cm ( 28 × 20 ⅞ in.). Unten rechts signiert: L. Ury. Auf dem Keilrahmen ein Etikett der Ausstellung Berlin 1910 (s.u.).
Mit einer Expertise von Dr. Sibylle Groß, Berlin, vom 27. April 2016. – Das Gemälde wird aufgenommen in das Werkverzeichnis der Gemälde, Pastelle, Gouachen und Aquarelle von Lesser Ury von Dr. Sibylle Groß, Berlin (in Vorbereitung).–
Kleine Retuschen. [3528]
Provenienz: Martin Cohn/Coser, Berlin (bis 1932) / Karl Schapira/Carlos Soria, Berlin/New York / Privatsammlung, USA
Ausstellung: Katalog der Großen Berliner Kunstausstellung. Berlin, Landesausstellungsgebäude, 1910, Kat.-Nr. 2031 („Interieur mit Goldrahmen an der Wand“) / IX. Jg., 3. Ausstellung: Lesser Ury. Berlin, Paul Cassirer, 1916, Kat.-Nr. 70 („Am Fenster“, 1910) / 42. Ausstellung: Lesser Ury. Berlin, Berliner Secession, 1922, Kat.-Nr. 120 („Interieur“, 1910) / Lesser Ury (1861-1931). Exhibition of Paintings and Drawings. New York, Jewish Museum under the Auspices of The Jewish Theological Seminary of America, 1951, Kat.-Nr. 20 („Interieur“, 1910)
Literatur und Abbildung: Adolph Donath: Lesser Ury. Seine Stellung in der modernen deutschen Malerei. Berlin, Verlag Max Perls, 1921, S.123, ganzseitige Abb. 60 („Interieur“, 1910) / Katalog 141: Gemälde neuer Meister [...]. Berlin, Internationales Kunst- und Auktions-Haus, 14.12.1932, Kat.-Nr. 378, Abb. Taf. 3 („Interieur. Dame am Fenster vor Staffelei“) / Ausst.-Kat.: Lesser Ury. Zauber des Lichts. Berlin, Käthe-Kollwitz-Museum, 1995/96, S. 96, Nr. 31 (Schapira-Verzeichnis: „Interieur“, 1910 nicht ausgestellt)
1873 zog die Familie Lesser Urys von dessen Geburtsort Birnbaum in der Provinz Posen in das rund 200 Kilometer entfernte Berlin. Ury war damals elf Jahre alt. 1879 brach er eine kaufmännische Lehre ab, um sich noch im selben Jahr an der Düsseldorfer Kunstakademie einzuschreiben. 1880 folgten Studienaufenthalte in Brüssel, Paris und Antwerpen, 1882 der Eintritt in die Académie Royale des Beaux-Arts in Brüssel. 1887 ließ Ury sich dauerhaft in Berlin nieder, wo seine Gemälde mit Straßenszenen der lärmenden Großstadt Berlin seinen Ruhm begründeten.
1910 entstand unser bemerkenswertes Interieur. Darin gewährt Ury einen Blick in einen mondänen Wohnraum jener Tage. Drei Gemälde an der rechten Wand sowie ein weiteres auf einer Staffelei, Teppiche auf dem polierten Parkettboden und ein auffälliger Kronleuchter zeugen vom Wohlstand seiner Bewohner. Doch ist diese Zurschaustellung gewiss nicht Urys Thema. Indem er vor der rückwärtigen Fensterfront des Raumes eine Frauengestalt einfügt, tritt ein spannungsreiches erzählerisches Element hinzu. Die junge Bewohnerin – möglicherweise die Dame des Hauses – trägt ein elegantes, dunkelblaues langes Kleid und ist in die Lektüre eines Briefes vertieft.
Das Motiv der Briefleserin hat eine lange Bildtradition, die Ury sicher bekannt gewesen ist. Besonders die niederländische Malerei des „Goldenen Zeitalters“ im 17. Jahrhundert brachte viele solcher Genreszenen hervor, allen voran deren Hauptvertreter Jan Vermeer, vor dem sich Ury mit diesem Bild zu verneigen scheint. Maltechnisch jedoch befindet sich Ury ganz auf der Höhe seiner Zeit. Der nur rund zehn Jahre zuvor in Frankreich entwickelte Impressionismus wird insbesondere in der Behandlung des Lichts von ihm unverkennbar adaptiert und durch reizvolle Spiegeleffekte geschickt ergänzt, etwa auf dem Parkettboden, der dunklen Eichentür rechts oder im Kristall des Deckenleuchters.
Die stille Intimität einer solchen Szene und der ungewisse Inhalt des Gelesenen regen die Phantasie des Betrachters an – und animierten auch nachfolgende Künstler zu ganz ähnlichen Bildlösungen. An erster Stelle ist hier der Amerikaner Edward Hopper zu nennen, der in zahlreichen seiner Werke die Vereinsamung des Großstadtmenschen thematisiert hat und sich damit auf ähnlichem Terrain bewegte wie Lesser Ury in unserem Gemälde, aber auch in seinen späteren Bildern von der rastlosen Metropole Berlin. AF
Lesser Ury (Birnbaum/Poznań 1861 – 1931 Berlin)
„Dame am Fenster vor Staffelei“. 1910
Oil on canvas. 71 × 53 cm ( 28 × 20 ⅞ in.). Signed lower right: L. Ury. On the upper stretcher bar left with the label of exhibition Berlin 1910 (see below).
Accompanied by a certificate by Dr. Sibylle Groß, Berlin, dated 27 April 2016. – The painting will be included in the catalogue raisonné of paintings, pastels, gouaches and watercolours by Lesser Ury by Dr. Sibylle Groß, Berlin (in preparation).–
Minor retouchings. [3528]
Provenienz: Martin Cohn/Coser, Berlin (until 1932) / Karl Schapira/Carlos Soria, Berlin/New York / Privatsammlung, USA
Ausstellung: Katalog der Großen Berliner Kunstausstellung. Berlin, Landesausstellungsgebäude, 1910, cat. no. 2031 („Interieur mit Goldrahmen an der Wand“) / IX. vol., 3. Ausstellung: Lesser Ury. Berlin, Paul Cassirer, 1916, cat. no. 70 („Am Fenster“, 1910) / 42. Austellung: Lesser Ury. Berlin, Berlin Secession, 1922, cat. no. 120 („Interieur“, 1910) / Lesser Ury (1861-1931). Exhibition of Paintings and Drawings. New York, Jewish Museum under the Auspices of The Jewish Theological Seminary of America, 1951, cat. no. 20 („Interieur“, 1910)
Literatur und Abbildung: Adolph Donath: Lesser Ury. Seine Stellung in der modernen deutschen Malerei. Berlin, Verlag Max Perls, 1921, p.123, full-page ill. 60 („Interieur“, 1910) / Katalog 141: Gemälde neuer Meister [...]. Berlin, Internationales Kunst- und Auktions-Haus, 14 Dec. 1932, cat. no. 378, ill. pl. 3 („Interieur. Dame am Fenster vor Staffelei“) / Exh. cat.: Lesser Ury. Zauber des Lichts. Berlin, Käthe-Kollwitz-Museum, 1995/96, p. 96, no. 31 (Schapira inventory: „Interieur“, 1910 not exhibited)
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