Lot 189
Ludwig Meidner (Bernstadt 1884 – 1966 Darmstadt)
Straße bei Nacht II. 1913
Tuschfeder und -pinsel und Deckweiß auf Karton. 55,5 × 43,6 cm ( 21 ⅞ × 17 ⅛ in.). Unten rechts innerhalb der Darstellung signiert und datiert: L. Meidner 1913.
Mit einer Bestätigung von Winfried Flammann, Karlsruhe, vom 10. Februar 2006.–
[3407]
Provenienz: Privatsammlung, Hessen (bis 2006) / Kunsthandel, Schweiz / Jörg Maaß Kunsthandel, Berlin (2013)
Ausstellung: Meisterzeichnungen aus 100 Jahren. Berlin, Galerie Pels-Leusden, 1966, Kat.-Nr. 41, S. 5 / 1913: Bilder vor der Apokalypse. Kochel am See, Franz Marc Museum, Oktober 2013/14, Abbildung S. 46
Literatur und Abbildung: Auktion 134: Villa Grisebach Auktionen, Berlin, 26. Mai 2006, Kat.-Nr. 38
„[...] aber wenn ihr Berlin malt, so verwendet nur Weiß und Schwarz“. Der Expressionist Ludwig Meidner, eingegangen in die Mythengeschichte der deutschen Avantgarde durch seine prophetischen Bilder, in denen er lange vor 1914 den Untergang der alten europäischen Welt in einer Kriegsapokalypse weissagte, war seit seiner Ankunft 1906 der „preußisch-amerikanischen“ (Thomas Mann) Metropole Berlin verfallen. Die Stadt, ihr fieberhaftes Lebenstempo, ihre dämonischen Sozialkräfte, ihre faszinierenden Panoramen — hier war das große Thema für die junge Generation: „Wir müssen endlich anfangen unsere Heimat zu malen, die Großstadt, die wir unendlich lieben. Auf unzähligen, freskengroßen Leinwänden sollten unsere fiebernden Hände all das Herrliche und Seltsame, das Monströse und Dramatische ... hinkritzeln. [...] Eine Strasse [...] ist ein Bombardement von zischenden Fensterreihen, sausenden Lichtkegeln zwischen Fuhrwerken aller Art und tausend hüpfenden Kugeln, Menschenfetzen, Reklameschildern und dröhnenden, gestaltlosen Farbmassen. [...] Das Licht scheint zu fließen. Es zerfetzt die Dinge. Wir fühlen deutlich Lichtfetzen, Lichtbündel. Ganze Komplexe wogen im Licht und scheinen durchsichtig zu sein — doch dazwischen wieder Starrheit, Undurchsichtigkeit in breiten Massen. Zwischen hohen Häuserreihen blendet uns ein Tumult von Hell und Dunkel. Lichtflächen liegen breit auf Wänden. Mitten im Gewühl von Köpfen zerplatzt eine Lichtrakete. [...] Sind nicht unsre Großstadtlandschaften alle Schlachten der Mathematik! Was für Dreiecke, Vierecke, Vielecke und Kreise stürmen auf den Straßen auf uns ein. Lineale sausen nach allen Seiten. Viel Spitzes sticht uns. Selbst die herumtrabenden Menschen und Viecher scheinen geometrische Konstruktionen zu sein.“
Meidner, aus einer jüdischen Bürgerfamilie Breslaus stammend, wurde gegen den Willen der Eltern Künstler, freundete sich in Paris mit Amedeo Modigliani an und erfuhr sein entscheidendes Bildungserlebnis in der Begegnung mit dem italienischen Futurismus, der in Berlin 1912 durch Herwarth Walden ausgestellt wurde. Meidners entfesseltes Großstadtgefühl ist ein direktes Echo der futuristischen Manifeste, die Walden in seiner Zeitschrift „Der Sturm“ für Deutschland publizierte. Meidner gehörte folgerichtig zum Zirkel der literarischen Expressionisten, war mit Kurt Hiller und Johannes R. Becher gut bekannt. Er wanderte 1912/13 immer wieder mit seinem Freund, dem später von den Nationalsozialisten ermordeten Dichter Jakob van Hoddis, durch das nächtliche Berlin: „Diese Weltstadt Berlin war damals das grosse Erlebnis [...] Wir verließen nach Mitternacht das ‚Cafe des Westens‘ und marschierten stramm, ziemlich rasch geradeaus durch die Strassen, immer der Nase nach. Während ich als Maler herumspähte und das belebte Hell-Dunkel genoß, schien van Hoddis die Umwelt gar nicht zu betrachten [...] Wir waren damals achtundzwanzig Jahre alt und bewiesen große Ausdauer im Marschieren, das nicht aufhörte, als der Morgen graute [...] so verliebt waren wir in diese Stadt.“
Christoph Stölzl, Weimar
Ludwig Meidner (Bernstadt 1884 – 1966 Darmstadt)
Straße bei Nacht II. 1913
Pen and brush and India ink and opaque white on cardboard. 55,5 × 43,6 cm ( 21 ⅞ × 17 ⅛ in.). Signed and dated within the image lower right: L. Meidner 1913.
Accompanied by a confirmation from Winfried Flammann, Karlsruhe, dated 10 February 2006.–
[3407]
Provenienz: Private Collection, Hesse (until 2006) / Art Dealership, Switzerland / Jörg Maaß Art Dealership, Berlin (2013)
Ausstellung: Meisterzeichnungen aus 100 Jahren. Berlin, Galerie Pels-Leusden, 1966, cat. no. 41, p. 5 / 1913: Bilder vor der Apokalypse. Kochel am See, Franz Marc Museum, Oktober 2013/14, Illustration p. 46
Literatur und Abbildung: Auction 134: Villa Grisebach Auktionen, Berlin, 26 May 2006, cat. no. 38
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Dessins, aquarelles et pastels
À propos de la vente
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