Lot 253
Lyonel Feininger (1871 – New York – 1956)
„Die grüne Brücke“. 1910/11
Radierung auf Velin, vom Künstler aquarelliert. 27 × 19,9 cm (47,8 × 34 cm) ( 10 ⅝ × 7 ⅞ in. (18 ⅞ × 13 ⅜ in.)). Signiert, datiert und betitelt: 1911.
Prasse E 22 / Söhn HDO 52003-2.–
Selten, einer von 4 Abzügen außerhalb der Gesamtauflage von 275 Exemplaren. Blatt 2 (von 10) der Mappe: Zweite Jahresgabe des Kreises graphischer Künstler und Sammler, 1922. Verlag Arndt Beyer, Leipzig. Leicht stockfleckig, sorgfältig restaurierte Randmängel. [3547]
Provenienz: Privatsammlung, Deutschland
Lyonel Feininger war einer der ersten Künstler, die Walter Gropius 1919 an das gerade gegründete Bauhaus in Weimar berief. Doch es gab für ihn auch eine Zeit vor dem Bauhaus. „Die grüne Brücke“ gehört zu den Hauptwerken seines grafischen Schaffens während dieser frühen Vor-Bauhaus-Phase. Als handkoloriertes Exemplar, wie wir sie hier zeigen, ist die Radierung extrem rar.
Als Feininger die Vorlage für das Blatt schuf, lebte er mit seiner Frau, der Pianistin Clara Fürst, und den drei Söhnen die meiste Zeit des Jahres in Berlin. Die Familie unternahm aber auch regelmäßig Reisen nach Paris, wo Feininger 1906 Künstler wie Henri Matisse und Robert Delaunay kennengelernt hatte.
Paris war für Feininger die „Stadt am Ende der Welt“, und es sind immer wieder dieselben Charaktere, die auf den Arbeiten seines Frühwerks auftauchen. Sie sind zum Teil der Realität abgeschaut, zum Teil der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts entlehnt. Man findet sie auch auf der „Grünen Brücke“. Stark vertreten sind hier Bourgeoisie und Arbeiterschaft. Der Klerus hingegen scheint zu fehlen. Man sieht jedoch einen seiner Vertreter, einen Jesuiten, auf dem Ölgemälde, das der Radierung vorausging und eine nahezu identische Szenerie zeigt. Es befindet sich mittlerweile in Privatbesitz, aber als Feininger es zum ersten Mal 1911 auf dem Salon des Indépendants öffentlich ausstellte, war es eine Sensation. Matisse, der seine Gemälde im selben Raum präsentieren sollte, beeindruckte es angeblich derart, dass er seine Bilder spontan überarbeiten wollte, damit sie daneben Bestand hätten.
Die Hauptperson auf unserem Blatt ist an den linken Bildrand gedrängt: die gefallene Frau, die Gelegenheitsprostituierte, die unter allen zuvor genannten Angehörigen der Pariser Stadtgesellschaft potenzielle Freier sucht. Henri Matisse reagierte freilich aus einem anderen Grund so heftig auf das Gemälde “Die grüne Brücke“: Es war das helle, fast neongrelle Grün, das auf dem Gemälde auf ein abgetöntes Rot traf wie auf unserem Exemplar auf das Lichtblau des Himmels. Nur wenige Jahre zuvor hatte Matisse in seiner fauvistischen Phase mit solcherlei „unmöglichen“ Farbkompositionen dem Expressionismus den Weg bereitet, doch Feininger beförderte das Ganze mit der „Grünen Brücke“ noch einmal auf eine neue Stufe. Der Faszination, die damals von dem Werk ausging, kann man sich auch heute nicht entziehen. UC
Lyonel Feininger (1871 – New York – 1956)
„Die grüne Brücke“. 1910/11
Etching on wove paper, painted in watercolours by the artist. 27 × 19,9 cm (47,8 × 34 cm) ( 10 ⅝ × 7 ⅞ in. (18 ⅞ × 13 ⅜ in.)). Signed, dated and titled: 1911.
Prasse E 22 / Söhn HDO 52003-2.–
Rare, one of 4 prints outside the total edition of 275 copies. Sheet 2 (of 10) of the portfolio: Second annual edition of the circle of graphic artists and collectors, 1922. Verlag Arndt Beyer, Leipzig. Slight foxing, skillfully repaired imperfections in the margin. [3547]
Provenienz: Private Collection, Germany
Crédits photos : Contacter la maison de vente
Dessins, aquarelles et pastels
À propos de la vente