Lot 48
Max Beckmann (Leipzig 1884 – 1950 New York) „Jupiter und Jokaste“. 1946 Aquarell, Bleistift und Tuschfeder auf Bütten. 32,5 × 50,4 cm ( 12 ¾ × 19 ⅞ in.). Unten rechts bezeichnet, signiert und datiert: A Beckmann 46. Beckmann/Gohr/Hollein 122.– [3037] Provenienz: Mathilde Q. Beckmann, New York / Catherine Viviano Gallery, New York / ehemals Stanley J. Seeger Collection, USA / England Ausstellung: The Actors by Beckmann. New York, Buchholz Gallery Curt Valentin, 1946, Kat.-Nr. 14 / Drawings by Contemporary Painters and Sculptors. New York, Buchholz Gallery Curt Valentin, 1947, Kat.-Nr. 3 / Max Beckmann. Retrospective Exhibition. St. Louis, City Art Museum; Detroit, Institute of Arts; Los Angeles, County Museum; San Francisco, De Young Memorial Museum; Baltimore, Museum of Art; Cambridge, Busch-Reisinger Museum; Boulder, University of Colorado Museum, 1948/49, Kat.-Nr. 82, Abb. S. 89/ Der antike Mythos in der neuen Kunst. Hannover, Kestner-Gesellschaft, 1950, Kat.-Nr. 12 (Titel: Jupiter und Jo) / Max Beckmann – Exhibition of Drawings and Watercolors. New York, Catherine Viviano Gallery, 1957 (Faltblatt) / The Stanley J. Seeger, Jr. Collection on Special Exhibition. Princeton University, The Art Museum, 1961, Kat.-Nr. 30, Abb. / Max Beckmann – Aquarelle und Zeichnungen 1903 bis 1950. Bielefeld, Kunsthalle; Tübingen, Kunsthalle; Frankfurt a. M., Städtische Galerie im Städelschen Kunstinstitut, 1977/78, Kat.-Nr. 193, Abb. S. 71 Literatur und Abbildung: Erhard Göpel (Hg.): Max Beckmann. Tagebücher 1940-1950. Zusammengestellt von Mathilde Q. Beckmann. München und Zürich, Piper Verlag, 1984, S. 151 Am 19. Januar 1946 schuf Max Beckmann diese Zeichnung. Drei Tage später aquarellierte er sie. In seinem Tagebuch gibt er ihr den Titel „Jupiter und Jokaste“ und nennt die erotische Szene, welche den Nachklang eines mythischen Liebesakts zeigt, eine „Rausch-Zeichnung“ (zit. nach: Max Beckmann. Tagebücher 1940–1950, hg. von Erhard Göpel. München 1955, S. 139). Titel und Darstellung lassen eine zweifache Lesart zu. Während der Tagebucheintrag auf Jokaste – die tragische Mutter und Ehefrau des Ödipus – verweist, referiert der Bildinhalt auf die Figur der Io. Als diese Jungfrau versuchte, den Avancen Jupiters zu entfliehen, hüllte er sie in eine Nebelwolke, um sich ihrer zu bemächtigen. Die mit Bleistift vorgezeichnete Komposition ist in lebhaftem Federzug ausformuliert. Ins Ornamentale tendierende Umrisslinien und unregelmäßige Schraffuren schaffen eben jenen rauschhaften Charakter, den Beckmann selbst in seinem Tagebuch hervorhebt. Der weibliche Akt Ios liegt mit angewinkelten Beinen auf dem gewellten Stoff einer Decke und wird überragt von der schlafenden Gestalt Jupiters. Sind es Reste der Nebelschwaden, die um sein Haupt und hinter seinem Rücken wabern? Mit ihrem kleinen Gesicht, den wach blickenden Augen und den geröteten Wangen wirkt Io trotz ihrer Körpergröße zart und verletzlich. Blonde Locken umspielen ihr Antlitz, bis auf ein blaues Tuch auf dem Rücken ist sie unbekleidet. Der durchscheinende Papierton lässt ihre Haut hell und ebenmäßig erscheinen. Ihr rechter Oberarm ist angewinkelt, sodass er den Blick auf die mit feinem und sicherem Schwung gezeichneten Brüste freigibt. Zugleich verleiht Beckmann dem aufreizend sich hebenden Gesäß seiner weiblichen Hauptfigur eine ausladende Rundung. Io wird als Objekt der Begierde inszeniert, und es bleibt offen, ob die Kauernde von ihrem göttlichen Liebhaber ein­geschüchtert ist oder vom Erwachen ihrer eigenen Leidenschaft. Die männliche Gestalt wird von der weiblichen zu einem Großteil verdeckt, doch lässt der mächtige, nach oben zeigende Fuß auf kraftvollen Wuchs schließen. Etwas ungelenk verschränkt Jupiter den rechten Arm mit dem Bein. Zugleich berührt er mit der linken Hand die Rippen der Io, als wollte der Gott auch im Schlaf von ihr Besitz ergreifen. Eine animalische Aura geht von der schlummernden Figur aus: zum einen durch ihre nervöse, gestische zeichnerische Textur, zum anderen durch den rötlichen Aquarellton, der das feurig-sinnliche Temperament der Gottheit betont. Mit diesem Blatt gelingt Beckmann eine ikonografische Verzahnung von Mythos und Sexualität. Er kontrastiert begehrenswerte, makellose Weiblichkeit mit triebhafter Männlichkeit und tritt damit in einen selbstbewussten künstlerischen Wettstreit – man denke nur an berühmte grafische Zyklen Picassos wie die „Suite Vollard“. KH Max Beckmann (Leipzig 1884 – 1950 New York) „Jupiter und Jokaste“. 1946 Watercolour, pencil and pen and India ink on laid paper. 32,5 × 50,4 cm ( 12 ¾ × 19 ⅞ in.). Lower right inscribed, signed and dated: A Beckmann 46. Beckmann/Gohr/Hollein 122.– [3037] Provenienz: Mathilde Q. Beckmann, New York / Catherine Viviano Gallery, New York / formerly Stanley J. Seeger Collection, USA / England Ausstellung: The Actors by Beckmann. New York, Buchholz Gallery Curt Valentin, 1946, cat. no. 14 / Drawings by Contemporary Painters and Sculptors. New York, Buchholz Gallery Curt Valentin, 1947, cat. no. 3 / Max Beckmann. Retrospective Exhibition. St. Louis, City Art Museum; Detroit, Institute of Arts; Los Angeles, County Museum; San Francisco, De Young Memorial Museum; Baltimore, Museum of Art; Cambridge, Busch-Reisinger Museum; Boulder, University of Colorado Museum, 1948/49, cat. no. 82, ill. p. 89/ Der antike Mythos in der neuen Kunst. Hannover, Kestner-Gesellschaft, 1950, cat. no.12 (title: Jupiter und Jo) / Max Beckmann – Exhibition of Drawings and Watercolors. New York, Catherine Viviano Gallery, 1957 (brochure) / The Stanley J. Seeger, Jr. Collection on Special Exhibition. Princeton University, The Art Museum, 1961, cat. no. 30, ill. / Max Beckmann – Aquarelle und Zeichnungen 1903 bis 1950. Bielefeld, Kunsthalle; Tübingen, Kunsthalle; Frankfurt a. M., Städtische Galerie im Städelschen Kunstinstitut, 1977/78, cat. no. 193, ill. p. 71 Literatur und Abbildung: Erhard Göpel (ed.): Max Beckmann. Tagebücher 1940-1950. Zusammengestellt von Mathilde Q. Beckmann. Munich und Zürich, Piper Verlag, 1984, p. 151
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01/12/2016
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