Lot 2
Max Liebermann (1847 – Berlin – 1935)
„Der Nutzgarten in Wannsee nach Osten“. 1924 (?)
Öl auf Holz. 39,5 × 50 cm ( 15 ½ × 19 ⅝ in.). Unten rechts signiert: M Liebermann.
Eberle 1924/19.–
[3427]
Provenienz: Sammlung Abeljanz, Zürich / Sammlung Christofari, Zürich / Privatsammlung, München (1983) / Privatsammlung, Niedersachsen
Literatur und Abbildung: 101. Auktion: 20. Jahrhundert. München, Galerie Wolfgang Ketterer, 25./26.11.1985, Kat.-Nr. 602, mit Abbildung / Holly Prentiss Richardson: Landscape in the Work of Max Liebermann. Phil. Diss., 3 Bände. Ann Arbor, Brown University, 1991, hier Bd. II, S. 234, Nr. 664 / Holly Todd: So nah und doch so fern von Berlin – Liebermanns Gartenbilder. In: Ausst.-Kat.: 100 Jahre Liebermann-Villa. Die Idee vom Haus im Grünen. Berlin, Liebermann-Villa am Wannsee, 2010, S. 35-40, hier S. 39, Abb. 8, und S. 82, Abb. 5
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„Was in den Wannseebildern wirkt, ist die Stärke der malerischen Übersetzung“, beschreibt der Liebermann-Biograf Erich Hancke 1922 treffend: „In der Kunst, einen Natureindruck zum Bilde zu formen, ist Liebermann jetzt unumschränkter Meister“, (Erich Hancke: Max Liebermanns Kunst seit 1914, in: Kunst und Künstler, Jg. 20 (1922), H. 10, S. 340-352, hier S. 345). Diese Virtuosität zeigt sich auch in dem Gemälde „Der Nutzgarten in Wannsee nach Osten“. Die Farbpracht der in voller Blüte stehenden Pflanzen hat Liebermann in Malerei von größter Delikatesse überführt: Ein strahlendes Orange, ein stechendes Rosen--Rot und die melancholische Schwere des satten Violett werden vom grünen Blättermeer dahinter gehalten und eingerahmt.
Die Szenerie voller Vitalität und Überfluss durchschneidet ein Sandweg, der die Leuchtkraft der Blumenblüten an seinen Rändern zusätzlich zu steigern scheint. Im Hintergrund hat Liebermann den Eingang zum Wohnhaus angedeutet. Das farbstarke Spätwerk, dessen pastose Malweise dem Seherlebnis eine fast taktile Sinnlichkeit hinzufügt, entstand etwa zwei Jahre nach der anfangs zitierten Charakterisierung durch seinen Biografen Hancke im Sommer des Jahres 1924.
Das Grundstück in der großbürgerlichen Villenkolonie Alsen im Südwesten des Großen Wannsees hatte Max Liebermann bereits 1909 erworben. Während der Architekt Paul Baumgarten mit dem Bau des zweistöckigen, repräsentativen Sommerhauses beauftragt wurde, ließ Liebermann – zu diesem Zeitpunkt einer der führenden Künstler der Moderne in Deutschland und besonders als Porträtist gefragt – einen bis ins kleinste Detail geplanten Garten anlegen.
Bei dessen Konzeption stand ihm Alfred Lichtwark beratend zur Seite, der Direktor der Hamburger Kunsthalle. Noch heute existiert dazu ein umfangreicher Briefwechsel zwischen beiden. Neben der Kunst galt Lichtwarks besonderes Interesse dem zeitgenössischen Gartenbau, in dem er sich beachtliche fachliche Expertise angeeignet hatte. Mit großem Engagement beteiligte sich auch Käthe Liebermann, die Tochter des Künstlers, an den Planungen. Mit dem Ergebnis war Liebermann mehr als zufrieden: „Ich weiß wohl, wie viel ich Ihrer thätigen Mitwirkung an dem Garten zu verdanken habe u ich danke Ihnen herzlichst für Ihre gradezu aufopfernde Theilnahme an dessen Gelingen. Der Garten ist Ihr Garten“ (Liebermann an Lichtwark, Brief v. 22.12.1911, zit. nach: Birgit Pflugmacher: Max Liebermann. Sein Briefwechsel mit Alfred Lichtwark, Hamburg 2001, S. 361). Natürlich war bei den Vorbereitungen auch die Gestaltung im Wandel der Jahreszeiten diskutiert worden: „Farbe alle acht Tage neu, als ein einzelner starker Klang, (...) als ein buntes Bouquet – das würde immer neu sein und zu immer neuer Ueberraschung führen.“ Mit diesen Worten empfahl Lichtwark zum Beispiel den Bau eines Gewächshauses (Lichtwark an Liebermann, Brief v. 31.5.1911, zit. nach: Pflugmacher 2001, S. 332).
Bis der Garten zu Liebermanns Hauptmotiv wurde, sollten jedoch noch einige Jahre vergehen. Dann brachte der Erste Weltkrieg diese Wendung: Nun fuhr der Künstler nicht mehr an die holländische Küste, sondern zog sich zur Erholung an den Wannsee zurück. Nach 1918 wird sein Refugium als Bildsujet noch wichtiger für ihn - auch weil der Maler jetzt immer neue Perspektiven und Details des abwechslungsreich gestalteten Gartens schildert, die er über die Jahre zu umfangreichen Motivgruppen zusammenfasst. So entstehen Bilder des an der Straße gelegenen Blumen- und Nutzgartens, aber auch von den Zierbeeten, den raffiniert gepflanzten Hecken oder des Birkenwäldchens auf der Seeseite des Grundstücks. Bemerkenswert ist, dass Liebermann dafür meist einen weiten Blickwinkel wählt, doch der Himmel – wie in unserem Bild – für ihn nicht zwangsläufig zur Landschaft gehört. In den gut zwanzig Jahren, die ihm für die Wannsee-Bilder bleiben, malt er nicht nur über 200 Ölgemälde, er fertigt auch Aquarelle, Gouachen, Zeichnungen und Grafiken an.
Liebermann war mit seiner Garten-Passion damals nicht alleine. Auch Maler wie Heinrich Vogeler in Worpswede oder Emil Nolde in Seebüll ließen sich von der Natur ihrer Gärten zu umfangreichen Werkgruppen inspirieren. In Wiesbaden legte der Kunstsammler Heinrich Kirchhoff einen botanischen Garten an und war daran interessiert, Künstler in sein exotisches Paradies einzuladen. Der bekannteste unter den Malern, die ihren eigenen Garten als kreativen Rückzugsort betrachteten und pflegten, war Claude Monet, den Liebermann 1927 in einem Aufsatz in der Zeitschrift „Kunst und Künstler“ als den größten aller Impressionisten bezeichnete und dessen Gemälde „Manet malt im Garten Monets in Argenteuil“ von 1874 sich in seiner Kunstsammlung befand (vgl. Max Liebermann: Claude Monet, in: Kunst und Künstler, Jg. 25 (1927), H. 5, S. 163-170, hier S. 170). Vor allem die Seerosen-Bilder, die Monet in Giverny schuf, sind heute zu Recht weltberühmt. Auch die Perspektive, die Max Liebermann für unser Gemälde wählte, mit dem in die Tiefe des Raumes fluchtenden, von Blumen gesäumten Weg, den ein grüner Laubbogen überspannt, erinnert an Monet - etwa an dessen späte Serie „L'Allée des Rosiers“ (Die Rosenallee), aus der sich ein besonders schönes Exemplar seit Jahrzehnten im Musée Marmottan in Paris befindet.
Dem Wannsee-Garten und seinen malerischen Variationen widmete sich Liebermann in seinem Spätwerk mit großer Leidenschaft: Er „malte wieder den ganzen Sommer, und immer nur in seinem Garten. Immer andere Blumen werden gepflanzt, die verschiedenen Winkel der Gärten vor und hinter dem Hause geben die verschiedenartigsten Bildmotive“, berichtet der Maler Albert Lamm von einem Besuch beim 82-jährigen Künstler (Albert Lamm: Vor neuen Bildern Max Liebermanns, in: Kunst und Künstler, Jg. 27 (1929), H. 6, S. 215-222, hier S. 215). Liebermanns Wannsee-Bilder stellen zweifellos den Höhepunkt seiner letzten Jahre dar – lyrisch leicht und in furioser Farbigkeit. Gloria Köpnick
Max Liebermann (1847 – Berlin – 1935)
„Der Nutzgarten in Wannsee nach Osten“. 1924 (?)
Oil on panel. 39,5 × 50 cm ( 15 ½ × 19 ⅝ in.). Signed lower right: M Liebermann.
Eberle 1924/19.–
[3427]
Provenienz: Collection Abeljanz, Zurich / Collection Christofari, Zurich / Private Collection, Munich (1983) / Private Collection, Lower Saxony
Literatur und Abbildung: 101. Auction: 20th century. Munich, Galerie Wolfgang Ketterer, 25./26.11.1985, cat. no. 602, with illustration / Holly Prentiss Richardson: Landscape in the Work of Max Liebermann. Phil. Diss., 3 volumes. Ann Arbo
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