Lot 4
Odilon Redon (Bordeaux 1840 – 1916 Paris) „ROGER ET ANGÉLIQUE“ (AUCH „SAINT GEORGES ET LE DRAGON“ ODER „ANDROMÈDE SAUVÉE“). (Vor) 1908 Öl auf Leinwand. 50 x 32 cm ( 19 ⅝ x 12 ⅝ in.). Unten rechts signiert: ODILON REDON. Wildenstein 1276.– [3247] Provenienz: Galerie Druet, Paris (1908 bis mind. 1912) / Richard Bühler, Winterthur (bis 1935) / Sammlung Bergengren, Lund (1958) / Galerie Europe, Paris / Galerie Der Spiegel, Köln (um 1962) / Privatsammlung, Nordrhein-Westfalen (1968, seitdem in Familienbesitz) Ausstellung: Peintures, pastels, dessins, lithographies par Odilon Redon. Paris, Galerie Druet, 1908, Kat.-Nr. 16 / Vystavka sto let francuzskoj zivopisi (1812–1912) / Exposition centennale de l’Art français. Sankt Petersburg, Institut Français, 1912, S. 113, Kat.-Nr. 517 / Ausstellung Odilon Redon, 1840–1916. Winterthur, Museum, 1919, Kat.-Nr. 193 / Fem sekler fransk konst. Miniatyrer, målningar, teckningar 1400–1900. Stockholm, Nationalmuseum, 1958, Kat.-Nr. 160 / Jubiläumsausstellung 1912/1962. Neuss, Clemens-Sels-Museum im Obertor, 1962/63, Kat.-Nr. 20, ganzseitige Abb. S. 14 („Das Ungeheuer“, Leihgabe aus Privatbesitz) / 22. Ruhr-festspiele Recklinghausen 1968: Reiche des Phantastischen. Recklinghausen, Städtische Kunsthalle, 1968, Kat.-Nr. 148, m. Abb. / Odilon Redon. Winterthur, Kunstmuseum, und Bremen, Kunsthalle, 1983/84, ganzseitige Abb. S. 198 („Die Rettung der Andromeda“) / Odilon Redon. Prince of Dreams, 1840–1916. Chicago, Art Institute; Amsterdam, Van Gogh Museum, und London, Royal Academy of Arts, 1994/95, Kat.-Nr. 102, Abb. S. 342 Literatur und Abbildung: Charles Fegdal. Paris, Rieder, 1929 (= Maîtres de l’Art moderne), Abb. Tf. LV / Sammlung Richard Bühler, Winterthur. Luzern, Galerie Fischer, im Hotel National, 2.9.1935, Kat.-Nr. 8, Abb. Tf. 5 / Klaus Berger: Odilon Redon. Phantasie und Farbe. Köln, Verlag M. DuMont Schauberg, 1964, Kat.-Nr. 130 / Igor Gazdik: Odilon Redon. Bratislava, Pallas, 1971, Abb. Tf. 34 (Détail) / Matthias Frehner: Richard Bühler: „Un homme du XVIe siècle“. In: Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft (Hrsg.): Die Kunst zu sammeln. Schweizer Kunstsammlungen seit 1848. Zürich, Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, 1998, S. 225-242, hier S. 228, Abb. 3 In der griechischen Sage rettet Perseus mit Hilfe des geflügelten Pegasus die Königstochter Andromeda vor dem riesigen Seemonster Keto, dessen Opfergabe die Prinzessin sein sollte. Die Dramatik des entscheidenden Augenblickes, in welchem Perseus Keto tötet und Andromeda im allerletzten Moment vor dem sicheren Tod bewahrt, hat die Alten Meister wie Cesari oder Rubens, aber auch Gustave Doré und vor allem Odilon Redon, den „Prinzen der Träume“, wie er anläßlich der Retrospektive 1994/95 in Chicago, Amsterdam und London bezeichnet wurde, fasziniert und gefesselt und zu immer neuen Bilderfindungen angeregt. Der Faszination des Schreckens konnte sich also auch Redon nicht entziehen. Der französische Erneuerer der Graphik und der dekorativen Malerei, der bis in die 1890er Jahre in der sogenannten „Schwarzen Phase“ fast ausschließlich Kohle-zeichnungen und Lithographien von skurrilem und bizarrem Erfindungsreichtum schuf, vollführte um 1900 eine radikale Wendung in seinem Werk und wurde zu einem der größten Koloristen der frühen Avantgarde. Das Meer und der damit verbunde Schöpfungs- und Weiblichkeitsmythos waren zentrale Vorstellungen in Redons farbiger Phase, mit denen er sich in zahlreichen Bildern auseinandersetzte. Sie alle zeichnet auch eine gewisse erotische Spannung aus, die vor allem vom Kontrast zwischen der gefesselten nackten Frau und dem kriegerischen Helden beziehungsweise dem furchteinflößenden Ungeheuer mit Ansätzen einer menschlichen Physiognomie lebt. In unserem Bild läßt Redon die an einen Felsen gekettete Andromeda farblich und kompositorisch in den Bildhintergrund treten. Andromeda wurde von Ursula Perucchi-Petri (2003) exemplarisch als „an die Natur und an die Materie gebundene Frau“ interpretiert. Der Künstler fokussiert weniger auf die Prinzessin als vielmehr auf den sich anbahnenden Kampf zwischen Keto – dessen unheimlicher, roter Kopf und riesige Tentakel sich aus dem aufgewühlten Meer erheben – und dem von rechts oben herannahenden Perseus, der zum finalen Schlag mit einer Lanze ansetzt. Perucchi-Petri erkennt hier den „Kampf des höheren Bewußtseins gegen die instinkthaften und destruktiven Kräfte des Ungeheuers“, was Redons Bild vom Künstler als Retter „der Schönheit aus der formlosen Materie“ des Meeres entspricht. Die bewegte Meeresoberfläche und der Wellengang nehmen diese dynamische Diagonale von rechts oben nach links unten auf. Somit weisen Komposition und Farbgebung des Bildes auf die Auseinandersetzung zwischen Held (Geist) und Monster (Materie) hin, die für den Künstler auch stellvertretend für seine Weltsicht war, in der „die Kunst die Macht hat, selbst die niedrigsten Formen des Lebens in Geistiges zu verwandeln“. Unser Bild weist neben dem dichten Ideengehalt, der typisch für Redons Werk ist, eine hochkarätige Provenienz auf. Es befand sich 1935 in der berühmten Schweizer Kunstsammlung von Richard Bühler in Winterthur. Um 1900 war das schweizerische Städtchen aufgrund umfangreicher mäzenatischer Aktivitäten der Familien Bühler, Hahnloser und Reinhart zu einem Zentrum des Sammelns französischer Kunst des 19. Jahrhunderts avanciert. In dieser Atmosphäre wurde Redon zu einem gefragten Künstler, der nicht nur privaten Kontakt mit den Familien Bühler und Hahnloser unterhielt, sondern auch 1919 im Kunstmuseum Winterthur mit einer frühen Retrospektive geehrt wurde. Unser Andromeda-Bild steht somit stellvertretend für Redons Erfolg bei bürgerlichen Sammlern Anfang des 20. Jahrhunderts, die seine visionären und einzigartigen Qualitäten bereits zu Lebzeiten förderten und seine vergeistigte Kunstphilosophie wie seine phantasiereichen Bilderfindungen zu schätzen wußten. (OS) Odilon Redon (Bordeaux 1840 – 1916 Paris) „ROGER ET ANGÉLIQUE“ (AUCH „SAINT GEORGES ET LE DRAGON“ ODER „ANDROMÈDE SAUVÉE“). (before) 1908 Oil on canvas. 50 x 32 cm ( 19 ⅝ x 12 ⅝ in.). Signed lower right: ODILON REDON. Wildenstein 1276.– [3247] Provenienz: Galerie Druet, Paris (1908 until at least 1912) / Richard Bühler, Winterthur (until 1935) / collection Bergengren, Lund (1958) / Galerie Europe, Paris / Galerie der Spiegel, Cologne (circa 1962) / private collection, North Rhine-Westphalia (1968, thence by descent to the present owner) Ausstellung: Peintures, pastels, dessins, lithographies par Odilon Redon. Paris, Galerie Druet, 1908, cat. no. 16 / Vystavka sto let francuzskoj zivopisi (1812–1912) / Exposition centennale de l’Art français. Sankt Petersburg, Institut Français, 1912, p. 113, cat. no. 517 / Ausstellung Odilon Redon, 1840–1916. Winterthur, Museum, 1919, cat. no. 193 / Fem sekler fransk konst. Miniatyrer, målningar, teckningar 1400–1900. Stockholm, Nationalmuseum, 1958, cat. no. 160 / Jubiläumsausstellung 1912/1962. Neuss, Clemens-Sels-Museum im Obertor, 1962/63, cat. no. 20, full-page ill. p. 14 („Das Ungeheuer“, loan from private collection) / 22. Ruhrfestspiele Recklinghausen 1968: Reiche des Phantastischen. Recklinghausen, Städtische Kunsthalle, 1968, cat. no. 148, with ill. / Odilon Redon. Winterthur, Kunstmuseum, and Bremen, Kunsthalle, 1983/84, full-page ill. p. 198 („Die Rettung der Andromeda“) / Odilon Redon. Prince of Dreams, 1840–1916. Chicago, Art Institute; Amsterdam, Van Gogh Museum, and London, Royal Academy of Arts, 1994/95, cat. no. 102, ill. p. 342 Literatur und Abbildung: Charles Fegdal. Paris, Rieder, 1929 (= Maîtres de l’Art moderne), ill. pl0. LV / Sammlung Richard Bühler, Winterthur. Luzern, Galerie Fischer, im Hotel National, 2.9.1935, cat. no. 8, ill. pl. 5 / Klaus Berger: Odilon Redon. Phantasie und Farbe. Cologne, Verlag M. DuMont Schauberg, 1964, cat. no. 130 / Igor Gazdik: Odilon Redon. Bratislava, Pallas, 1971, ill. pl. 34 (detail) / Matthias Frehner: Richard Bühler: „Un homme du XVIe siècle“. In: Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft (ed.): Die Kunst zu sammeln. Schweizer Kunstsammlungen seit 1848. Zürich, Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, 1998, p. 225-242, here p. 228, ill. 3
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04/06/2015
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